Nr. 29/2013 vom 18.07.2013

Auch wenn die bessere Welt niemals kommen mag

Sind die Dinge unabänderlich, oder lohnt das Aufbegehren? Die mit Wut, Hellsicht und Sprachkraft verfassten Texte des ewig jungen Dichters Georg Büchner helfen bei der Entscheidung.

Von Armin Büttner

Einmal echt, einmal falsch, oder? Ob das Bild, das Double Thomas Kuratli hält, wirklich Georg Büchner darstellt, ist in der Büchnerforschung umstritten. Foto: Florian Bachmann

Marie: Was der Mond rot aufgeht.
Woyzeck: Wie ein blutig Eisen.
(Georg Büchner: Dramenfragment
«Woyzeck», 1837)

Es gibt keine Hoffnung. Marie wird sterben – durch Woyzecks Hand. Auch der Soldat Woyzeck wird – nachdem der Vorhang gefallen ist – vernichtet werden. Keine Hoffnung in dieser Welt, und eine andere gibt es wahrscheinlich nicht.

Auch der vom Leben satte Danton, Held der Französischen Revolution, muss sterben, und der tugendhafte Robespierre, sein Henker, wird – man ahnt es – ihm schon bald folgen.

«Friede den Hütten! Krieg den Palästen!» (Überschrift von «Der Hessische Landbote», Flugschrift, 1834). Foto: Florian Bachmann

Der so jung gestorbene Georg Büchner (1813–1837), Verfasser unter anderem der Dramen «Woyzeck» und «Dantons Tod», glaubte nicht an Erlösung und zweifelte stets an der Möglichkeit, den Lauf der Welt ändern zu können.

Und doch hat Büchner nie aufgehört, gegen die Zustände seiner Zeit zu revoltieren. Mit der detaillierten politischen und ökonomischen Analyse in der Flugschrift «Der Hessische Landbote». Mit Hohn gegen die hohlen, aufgeblasenen Rituale der Staatsapparate in den Dutzenden Fürstentümern, die damals die deutschen Landen ausmachten («Leonce und Lena»). Mit wütendem Herzen gegen das Elend der verarmten Landbevölkerung und der Opfer der Frühindustrialisierung («Woyzeck»). Und das mit einer radikal modernen Theatersprache, die das Leben so bruchstückhaft und widersprüchlich zeigt, wie es ist, anstatt die Wirklichkeit zu idealisieren: «Nimmt Einer ein Gefühlchen, eine Sentenz, einen Begriff und zieht ihm Rock und Hosen an (…) und lässt das Ding sich drei Akte lang herumquälen, bis es sich zuletzt verheiratet oder sich totschiesst – ein Ideal!», lässt Büchner einen der Revolutionäre in «Dantons Tod» die zeitgenössische Theaterpraxis verhöhnen.

«Vermummung erbeten»

Im Oktober dieses Jahres wird weithin der 200. Geburtstag Büchners begangen werden. «Woyzeck», «Dantons Tod», das sarkastische Lustspiel «Leonce und Lena»? Schauen Sie im Spielplan Ihres Stadttheaters nach! Gehen Sie zur «Woyzeck»-Premiere und bestaunen Sie, wie die lokalen HonoratiorInnen das Schicksal eines Mannes beklatschen, das sie nicht ansatzweise nachempfinden können. Und von dem sie nicht spüren, dass es heute für das Schicksal einer Textilarbeiterin in Bangladesch stehen könnte, die ihren Premierenanzug genäht hat. Darmstadt, die Stadt, aus der Büchner einst fliehen musste, lud anlässlich der Büchner-Wochen 2013 zu einer «Demonstration» vom Theater zur «Büchner-Box»: «Vermummung ausdrücklich erbeten» – mit Georg-Büchner-Masken notabene. Anschliessend gabs «Ann Dragies’ Clowns und Musik von Papa Legbas Blueslounge». Büchner hätte das wohl angewidert. Aber auch amüsiert.

Aber jenseits aller Premierenfeiern, feuilletonistischen Jubiläumserwägungen und jährlichen Büchner-Preisverleihungen: Die Texte, Stücke und Briefe Büchners zu lesen, ist ein Hochgenuss und ein Muss für alle, die sich fragen, wie der Mensch dem Menschen ein Mensch sein kann. Im Zentrum des büchnerschen Denkens steht der Widerspruch zwischen dem fatalistischen Gefühl, die Dinge seien unabänderlich, und dem Aufbegehren: Wer von sich sagen kann, ihm oder ihr sei das Schicksal seiner Mitmenschen nicht egal, dürfte diesen Widerspruch kennen – oder verleugnet sich. Man empört sich, engagiert sich, man setzt sich ein, oft seit langer Zeit. Sieht, wie vieles schlechter wird und weniges besser.

Man kann nun darüber radikal – und dann gebändigt oder zerbrochen werden. Man kann auch verbittern – und dabei an sich selbst zerbrechen. Oder sich dem Hedonismus hingeben und nur noch nach sich selbst schauen.

Oder man kann sich immer wieder aufraffen und sich immer aufs Neue klar werden, dass sich die Arbeit an einer besseren Welt lohnt – auch wenn diese niemals kommen mag. Wo wäre die Welt heute, wenn nicht immer wieder gekämpft worden wäre – trotz des Äonen alten Verdachts, dass «die da oben sowieso machen, was sie wollen». «Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens», empfahl später der marxistische Philosoph Antonio Gramsci.

Verhältnisse, die nach Aufruhr rufen

Eine weitverbreitete Lesart von Leben und Werk Büchners zeichnet ihn als jungen Revolutionär, der nach dem gescheiterten Versuch, die verarmte Landbevölkerung mit der Flugschrift «Der Hessische Landbote» zu agitieren, auf der Flucht politisch zur Vernunft kommt und später bei der Arbeit am Revolutionsdrama «Dantons Tod» resigniert Abschied von allen Utopien nimmt. Ja, Büchner hat nach dem «Landboten» nie wieder versucht, zu den Waffen zu rufen – weil er die Vergeblichkeit solchen Tuns in der aktuellen Situation erkannte. Aber er schilderte Verhältnisse, die nach Aufruhr riefen. Und er tat das mit einer Sprachkraft, die ihre Wucht aus simplen Bildern zieht: «Unsereins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt. Ich glaub, wenn wir in Himmel kämen, so müssten wir donnern helfen», lässt er die geschundene Titelkreatur seines unvollendet gebliebenen «Woyzeck» sagen. Selten vermag der von Wahnvorstellungen geplagte Gefreite Woyzeck derart lange Sätze zu bilden. Eine Titelfigur, die so wenig sagt und dabei so viel ausdrückt, das gab es zuvor nicht im Theater. Woyzeck ist der unterdrückte Mensch, der um Freiheit ringt, ohne das Wort überhaupt zu kennen.

Für den geplagten Woyzeck kann es keine Befreiung, keine Erlösung geben – nicht unter diesen Umständen. Niemand ist seines Glückes Schmied, weder Woyzeck noch jene, die ihn ins Verderben zu treiben scheinen. Denn auch der Hauptmann, der Doktor und Marie, Woyzecks Geliebte, sind in den Verhältnissen gefangen. Es sind die Verhältnisse, die geändert werden müssen – einen anderen Schluss lässt die Büchner-Lektüre nicht zu, darin trifft sich Büchner mit dem fünf Jahre später geborenen Karl Marx. Hätte Büchner das anders gesehen – warum hätte er noch solche Stücke schreiben sollen? Schnellen Ruhm hätte er mit seinem Talent anders erringen können. Aber nicht mit seinem Gewissen.

Logisch, man weiss nicht, was aus Büchner geworden wäre, hätte er nur länger gelebt. Als Büchner mit 23 Jahren an Typhus starb, hatte er begonnen, in Zürich über die Anatomie der Fische zu dozieren, und arbeitete an einem Drama über den Renaissanceschriftsteller Pietro Aretino. Schlecht kann man sich einen älteren Büchner als Geheimen Legationsrat eines Herzogs oder gar als Finanzminister vorstellen, beides Posten, die Büchners Zeitgenosse Johann Wolfgang Goethe innehatte. Aber selbst wenn es mit ihm ein derart unrühmliches Ende genommen hätte, es hätte nichts am Wert der Worte des ewig jungen und gegenwärtigen Büchner geändert. Denn zu wissen, dass es immer Menschen gab, die das Unrecht erkannt und benannt haben, macht gewiss, dass es solche immer geben wird.

Es gibt also Hoffnung.

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