Nr. 29/2013 vom 18.07.2013

«Und dann ein Kreuz oder sonst so was»

Warum Georg Büchner über einen «Boulevard der Kleidermarken» in seiner ehemaligen Wohnstrasse nicht überrascht wäre.

Von Stefan Howald, Giessen

«Wir wissen wenig voneinander. Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab, – wir sind sehr einsam.» Danton in «Dantons Tod», Drama, 1835

Auch Dünger kann eine Gesellschaft umwälzen. Der Chemiker Justus Liebig war 1824 mit 21 Jahren zum Professor an der Universität Giessen im Grossfürstentum Hessen ernannt worden. Zuerst konzentrierte er sich auf die Entdeckung und Analyse neuer Elemente. Doch die elende Lage der mittelhessischen Bauern blieb ihm nicht verborgen. In den 1830er-Jahren begann er, Böden auf ihre schwindende Ertragskraft zu untersuchen und den Einsatz von Mineralstoffen zu erwägen. Im Wintersemester 1833/34 belegte auch der 21-jährige Georg Büchner eine Vorlesung bei ihm. 1840 veröffentlichte Liebig dann sein bahnbrechendes Werk «Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie». Da war Büchner seit drei Jahren tot. Liebigs Theorie aber revolutionierte allmählich die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelproduktion.

Georg Büchner war im Oktober 1833 in Giessen eingetroffen. Er hatte zwei Jahre in Strassburg vergleichende Anatomie studiert, doch ein Besuch der Giessener Universität war für hessische Studenten Pflicht. Die einst angesehene Universität war heruntergekommen, die Stadt ein Provinznest mit rund 7500 EinwohnerInnen. Die Strassen waren krumm, «abscheulich gepflästert», die Stadt voller «enger, schmutziger Winkel», wie Georgs jüngerer Bruder Alexander Büchner später meinte. Die Uni mit 500 Studenten bildete den Stadtmittelpunkt und brachte etlichen Verdienst. Georg Büchner wohnte zur Untermiete am Seltersweg, zwischen dem Marktplatz und dem südlichen Selterstor, im damals neusten Stadtteil.

Bunte Hemden und schwarze Burschen

Die Giessener Altstadt ist im Dezember 1944 durch ein alliiertes Bombardement weitgehend zerstört worden. Im Seltersweg existieren ab der ersten Etage noch ein paar Jugendstilfassaden, auf Strassenniveau bilden Dutzende von Ladengeschäften die zentrale Einkaufsmeile von Giessen, die als «Boulevard der Marken» vermarktet wird. An jenen zwei Orten, wo Büchner einst eingemietet war, verkaufen H & M beziehungsweise «New Yorker» jetzt Kleider, die in Bangladesch angefertigt werden und unsere Unrast für einen Moment lang ruhigstellen. Dazu hat Büchner durchaus etwas zu sagen: «Ein Huhn im Topf jedes Bauern lässt den gallischen Hahn verenden», schrieb er 1835.

Die Universitätsstadt Giessen wies eine radikale Tradition auf. Der Giessener Karl Follen (1796–1840) hatte 1814 die deutsche Burschenschaftsbewegung mitbegründet und prägte mit der «Germania», den Giessener «Schwarzen», deren radikalen Flügel. Da er in einem Flugblatt zum Tyrannenmord aufgerufen hatte, galt er als Kopf hinter der Hand von Karl Ludwig Sand, jenem Burschenschafter, der 1819 als Protest gegen die Feudalherrschaft den Dichter August von Kotzebue erdolchte: Für das erste politische Attentat der republikanischen deutschen Nationalbewegung war kein Feudalherrscher ausgesucht worden, sondern ein Hofdichter und Ideologe. Follens «Schwarze» wurden in der Folge zerschlagen, er selbst flüchtete nach Frankreich, dann in die Schweiz und 1824 nach Amerika – dabei soll ihn die Schweizer Regierung vorzeitig von einem deutschen Auslieferungsbegehren benachrichtigt haben, aber vielleicht ist das ein Gerücht aus den heroischen Zeiten der Schweizer Republik.

Das eherne Gesetz

Als Büchner sein Studium 1833 in Giessen fortsetzte, standen sich eine unpolitische Burschenschaft und eine radikale Nachfolgeorganisation der verbotenen «Germania» gegenüber, und die beiden Parteien verprügelten sich gelegentlich. 180 Jahre später – Giessen hat mittlerweile 75 000  EinwohnerInnen – feiert die Giessener Jugend im heissen Juli ab 18 Uhr im kleinen Schwarzen den «Examensball» und ab 22 Uhr im T-Shirt die Strassenparty «Tanz die Nacht». Vorne ein Wagen mit Hardcore, heftig umtanzt, hinten wird mit Reggae und politischen Parolen zur Revolution, oder zumindest zum bedingungslosen Grundeinkommen, aufgerufen, mit deutlich weniger Erfolg. Ganz Linke seien das da hinten, erklären zwei Umzugsteilnehmer vorne, aber sie selbst seien, wie die meisten, nur wegen der Musik gekommen.

Büchner nahm Kontakt auf mit früheren Kommilitonen aus Darmstadt, darunter sind einige Teilnehmer am Sturm auf die Frankfurter Hauptwache vom Frühling 1833. Und er tat sich mit Friedrich Ludwig Weidig zusammen. Weidig, 1791 geboren, Pfarrer und Lehrer in Butzbach, wurde als radikaler Liberaler seit Jahren polizeilich überwacht, was ihn nicht an konspirativen Tätigkeiten hinderte.

Im März 1934 schrieb Büchner an seine Verlobte Wilhelmine Jaeglé in Strassburg den berühmten «Fatalismus-Brief». Nach dem Studium der Französischen Revolution fühlte er sich «zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte», das menschliche Tun sei nur «ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz». Dieser Brief charakterisiert das Paradox von Büchners Giessener Zeit (vgl. «Auch wenn die bessere Welt niemals kommen mag»). Anfang März fühlt Büchner sich «zernichtet», Mitte März beginnt er die Arbeit an einer radikalen Flugschrift und organisiert dann in Darmstadt und Giessen revolutionäre Gesellschaften für Menschenrechte. Der «Fatalismus», den Büchner spürte, hatte eine präzise historische Bedeutung: In der Französischen Revolution und durch die Niederschlagung der Julirevolution 1830 in Frankreich hatte sich, wie ein ehernes Gesetz, das Bürgertum gegenüber weitergehenden sozialen Hoffnungen und Forderungen durchgesetzt.

Die Flugschrift «Der Hessische Landbote» opponierte gegen diese triumphierende bürgerliche Geschichtsschreibung – dagegen, dass das, was ist, auch vernünftig ist. Entsprechend richtete er sich nicht ans liberale Bürgertum, sondern an die rechtlosen Bauern. Eindrücklich setzte Büchner statistische Angaben zur Steuerverwaltung ein. Statistiken waren immer Herrschaftswissen gewesen; ihre Offenlegung erhielt umstürzende Kraft. Schärfer als Weidig in früheren Flugschriften benannte Büchner mit dem aus der Französischen Revolution stammenden Motto «Friede den Hütten! Krieg den Palästen!» den zentralen gesellschaftlichen Konflikt: «Das Verhältnis zwischen Armen und Reichen ist das einzige revolutionäre Element in der Welt, der Hunger allein kann die Freiheitsgöttin (…) werden», fasste er später gegenüber dem Publizisten Karl Gutzkow zusammen. Im «Hessischen Landboten» machte Büchner die Rechnung auf: 10 000 SchmarotzerInnen lebten in Hessen auf Kosten von 700 000  BewohnerInnen. Das entspricht grob dem 1 Prozent gegen die 99 Prozent der Occupy-Bewegung.

Eisen und Brod

Hunger und Essen. Das zieht sich durch alle seine Werke. In «Dantons Tod» wütet ein Bürger gegen die Wohlgenährten und Wohlgekleideten, zu denen er auch die einst revolutionären Dantonisten zählt: Die hätten sich, nachdem alle Feinde der Revolution getötet waren, deren feine Kleider angezogen. In «Leonce und Lena» werden die zum Ehrenspalier abkommandierten Bauern so gestellt, dass ihnen aus der Küche Bratenduft entgegenweht. «Mästen Sie die Bauern, und die Revolution bekommt die Apoplexie», schreibt Büchner 1835 in jenem schon zitierten Brief an Karl Gutzkow. Justus Liebig übrigens kreiert dreissig Jahre später «Liebig’s Fleischextrakt» und beteiligt sich an dessen kommerzieller Auswertung.

Büchner dachte an Ähnliches, aber anders. Für die «grosse Klasse», schreibt er, «gibt es nur zwei Hebel, materielles Elend und religiöser Fanatismus. Jede Partei, welche diese Hebel anzusetzen versteht, wird siegen. Unsre Zeit braucht Eisen und Brod – und dann ein Kreuz oder sonst so was.» Das ist weder fatalistisch noch zynisch. Es ist analytisch: Warum und wie stimmen die Menschen den herrschenden Zuständen entgegen den eigenen Interessen zu? Religiöser Fanatismus ist Ablenkung, Verschleierung, Opium, aber er bietet auch eine konkrete Lebensform für unser Jammertal.

Darin steckt keinerlei kulturpessimistische Arroganz. Als Büchner in Giessen studierte, wurde ihm von Kommilitonen vorgeworfen, er sei hochnäsig. Der Vorwurf traf ihn, weil er ihn auch als politischen empfand. So rechtfertigte er sich in einem Brief gegenüber den Eltern. «Ich verachte Niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, (…) weil wir durch gleiche Umständen wohl Alle gleich würden, und weil die Umstände ausser uns liegen.» Ja, räumte er ein, er hasse zwar, aber nur diejenigen, die die anderen verachteten, nämlich die Aristokraten und Gebildeten. Und weiter: «Der Hass ist so gut erlaubt als die Liebe». Dagegen behandle er seinen Stiefelputzer nicht hochmütig, meinte der Studiosus und warf ungewollt ein Streiflicht auf die eigene soziale Situation.

Wer macht mit?

Tja, der Stiefelputzer. Soll der die Revolution machen? Oder mit wem glauben diejenigen, die die Revolution machen wollen, sie machen zu können? Weidig schwächte Büchners Radikalität ab, ersetzte «Reiche» durch «Vornehme» und kleidete vieles in eine religiöse Rhetorik. Bei ihm spielten taktische Überlegungen mit, ob man die bürgerlichen Liberalen verprellen sollte. Weidig ist im Übrigen eine eindrückliche Gestalt. Nach dem Auffliegen der Verschwörung weigerte er sich, seine Familie zu verlassen, wurde im April 1835 verhaftet, zwei Jahre eingesperrt, gefoltert. Am 23. Februar 1837, vier Tage nachdem Georg Büchner im Zürcher Exil verstorben war, beging Friedrich Ludwig Weidig Suizid in der Haft.

Büchner andererseits hatte sich 1834 einer Verhaftung durch viel Unverfrorenheit entzogen. Bei Hausdurchsuchungen wurde nichts Belastendes gefunden, so drohte er seinerseits dem Universitätsrichter juristische Schritte an. Anfang März 1835, als verhaftete Mitverschwörer aussagten, musste er dann allerdings aus Deutschland fliehen, gefolgt von einem Steckbrief.

Revolte, Anpassung, Flucht, Untergang. Es gab eine weitere Möglichkeit: Auswanderung. Im Juli 1834, als Büchner in Giessen den «Hessischen Landboten» verteilte, trafen 500 Mitglieder der «Giessener Auswanderungsgesellschaft» in Amerika ein. Unter Führung des radikaldemokratischen Pfarrers Friedrich Münch (1799–1881) und von Paul Follenius, einem Bruder von Karl Follen, suchten sie dort nach einer freien deutschen Republik. Die fanden sie nicht, doch wurde Münch ein erfolgreicher Landwirt und Weinbauer in Missouri, brachte es später sogar zum Senator, als solcher er, immerhin, 1861 Missouri gegen die Sklavenhalter im eigenen Staat ins Bündnis der Nordstaaten brachte.

Büchner aber schrieb im Exil in Strassburg, dann in Zürich Literatur, die den «leidenden gedrückten Gestalten» ein Gesicht verlieh und die Frage nach der radikalen, umstürzenden Kraft in Erinnerung hielt.

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