Nr. 29/2013 vom 18.07.2013

Wann wurden Sie erstmals handgreiflich?

Der Schriftsteller Georg Büchner über die babylonische Verwirrung unter deutschen Revolutionären, die wahren Verhältnisse im hessischen Lande und die Voraussetzungen für einen Umsturz.

Von Adrian RiklinMail an AutorIn (Interview) und Philip Bürli (Illustration)

Georg Büchner: «Wenn in dieser Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt.»

WOZ: Stimmt es, dass Sie durch die Julirevolution von 1830 in Frankreich politisiert wurden? Immerhin sollen Sie als Gymnasiast unter dem Eindruck der sich erhebenden Handwerker, Arbeiter und Studenten in einem Aufsatz einen Satz umformuliert haben …
Georg Büchner: So war es. Aus «einzugreifen in den Gang der Weltgeschichte» machte ich «mit kühner Hand in die Speichen des Zeitrads zu greifen».

Und wann wurden Sie erstmals handgreiflich?
1831 in Strassburg, als ich mit weiteren Studenten Zeuge wurde, wie der polnische General und Freiheitskämpfer Ramorino auftrat. Als wir davon hörten, dass er ankommen würde, versammelten wir uns sogleich in der Akademie. Doch als wir mit der Fahne durch das Tor ziehen wollten, liess ein Offizier die Wache unter das Gewehr treten, um uns den Durchgang zu wehren.

Wie reagierten Sie darauf?
Wir brachen mit Gewalt durch und stellten uns drei- bis vierhundert Mann stark an der grossen Rheinbrücke auf.

Sie waren für den Einsatz von Gewalt?
Sind wir denn nicht in einem ewigen Gewaltzustand? Weil wir im Kerker geboren und grossgezogen sind, merken wir nicht mehr, dass wir im Loch stecken mit angeschmiedeten Händen und Füssen und einem Knebel im Munde. Was nennt die Obrigkeit denn «gesetzlichen Zustand»? Ein «Gesetz», das die grosse Masse der Staatsbürger zum fronenden Vieh macht, um die unnatürlichen Bedürfnisse einer unbedeutenden und verdorbenen Minderzahl zu befriedigen? Dies «Gesetz», unterstützt durch eine rohe Militärgewalt und die dumme Pfiffigkeit seiner Agenten, ist eine ewige, rohe Gewalt, angetan dem Recht und der gesunden Vernunft. Wenn in dieser Zeit etwas hätte helfen können, so war es Gewalt.

Wie aber kam es zu Ihrer Skepsis gegenüber revolutionären Bestrebungen, die Sie 1834 in einem Brief an Ihre Verlobte äusserten?
Ich betrachtete im damaligen Zeitpunkt jede revolutionäre Bewegung als eine vergebliche Unternehmung. Auch teilte ich nicht die Verblendung Derer, welche in den Deutschen ein zum Kampf für sein Recht bereites Volk sahen. Ich wollte mich darum auch nicht in 
die Giessner Winkelpolitik und revolutionären Kinderstreiche einlassen.

Sie haben damals die Geschichte der Revolution studiert …
Ja, und ich fand aus diesem Studium in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Grösse ein blosser Zufall … Nachdem ich im März 1835 aus Darmstadt nach Strassburg geflüchtet war, hatte ich mich in wenigen Monaten vollkommen davon überzeugt, dass Jeder, der im Augenblicke sich aufopfert, seine Haut wie ein Narr zu Markte trägt. Die ganze Revolution hatte sich schon in Liberale und Absolutisten geteilt und musste von der ungebildeten und armen Klasse aufgefressen werden. Eine genaue Bekanntschaft mit dem Treiben der deutschen Revolutionärs im Auslande hatte mich überdies überzeugt, dass auch von dieser Seite nicht das Geringste zu hoffen war.

Wie kamen Sie zu dieser Einschätzung?
Es herrschte unter ihnen eine babylonische Verwirrung, die nie gelöst werden würde. Überdies hatte ich in Frankreich gelernt, dass nur das notwendige Bedürfnis der grossen Masse Umänderungen herbeiführen kann, dass alles Bewegen und Schreiben der Einzelnen vergebliches Torenwerk ist: Sie schreiben, man liest sie nicht; sie schreien, man hört sie nicht; sie handeln, man hilft ihnen nicht.

Ein Jahr zuvor noch hatten Sie den «Hessischen Landboten» verfasst, um mit dem Slogan «Friede den Hütten! Krieg den Palästen!» die Leute vom Land zum Aufstand gegen die Obrigkeit zu agitieren …
Im Jahr 1834 sah es im hessischen Lande aus, als hätte Gott die Bauern und Handwerker am fünften Tag, und die Fürsten und Vornehmen am sechsten gemacht – und als hätte der Herr zu diesen gesagt: Herrschet über alles Getier, das auf Erden kriecht. Das Leben der Vornehmen war ein langer Sonntag, sie wohnten in schönen Häusern, trugen zierliche Kleider, hatten feiste Gesichter und redeten eine eigne Sprache. Das Volk aber lag vor ihnen wie Dünger auf dem Acker. Das Leben des Bauern war ein langer Werktag. Fremde verzehrten seine Äcker vor seinen Augen, sein Leib war eine Schwiele, sein Schweiss das Salz auf dem Tische des Vornehmen. Die Flugschrift sollte dem hessischen Lande diese Wahrheit melden.

Also doch: Revolution durch Aufklärung der Massen!
Sie meinen damit, die Gesellschaft mittels der Idee, von der gebildeten Klasse aus zu reformieren? Unmöglich! Die gebildete und wohlhabende Minorität wird nie ihr spitzes Verhältnis zur grossen Klasse aufgeben wollen. Ich glaube, man muss in sozialen Dingen von einem absoluten Rechtsgrundsatz ausgehen, die Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volk suchen und die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel jagen.

Georg Büchner, 1813 in Goddelau bei Darmstadt geboren, feiert am 17. Oktober seinen 200. Geburtstag. Büchners Antworten sind aus verschiedenen Werken und Briefen zusammengesetzt.

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