Nr. 15/2014 vom 10.04.2014

Woher kommt diese Distanz?

Der Musiker Manuel Stahlberger betrachtet das Leben am liebsten aus dem Türrahmen. Manchmal mag er es aber auch kitschig.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn (Text) und Ursula Häne (Foto)

Manuel Stahlberger: «Ich konnte mich nie in ein vorgefertigtes System einpassen.»

WOZ: Manuel Stahlberger, eine Songzeile auf eurem neuen Album, die mir nicht aus dem Kopf gehen will, heisst: «Und do bisch du, und do isch niemer, nume rundume Rand.» Der Typ, der am Rand steht – siehst du dich selbst so?
Manuel Stahlberger: Ich möchte meine Lieder nicht zu Vehikeln für private Geschichten machen, aber der Erzähler, der von weit weg beobachtet, das bin schon ich. Im Türrahmen zu stehen und ins Zimmer zu blicken, aus dieser Sicht schreibe ich viele meiner Songs. Das letzte Album, «Abghenkt», entstand in einer Zeit, in der ich recht orientierungslos war und dachte: Ich wäre lieber drin als immer an diesem Rand, aber ich komme nicht weg, stecke im Rahmen fest. Dieses Mal bin ich recht gelassen, spaziere gelegentlich auch einmal im Zimmer umher.

Woher kommt diese Distanz?
Familiär erklären kann man es nicht, meine Schwester ist jedenfalls ganz anders. Ich glaube, ich war schon immer ein ziemlicher Eigenbrötler. Als Kind bestand mein Leben stark aus zwei extremen Polen: Fussballspielen mit Freunden oder Zeichnen für mich allein. Die körperlichen Sachen habe ich nie alleine gemacht, Joggen beispielsweise stelle ich mir als das Langweiligste der Welt vor.

Später wurdest du als Comiczeichner bekannt. Was hast du als Kind gezeichnet?
Baustellen vor allem. Es ging mir immer darum, eine Modellwelt zu schaffen, mal detaillierter, mal weniger, und darin zu versinken: Auch die Comics, die ich später über Herrn Mäder und St. Gallen gezeichnet habe, funktionieren so. Ich glaube, ich konnte mich nie in ein vorgefertigtes System einpassen. Ich hatte schon immer den Drang, für mich Dinge machen zu können. Dieser Drang war für mich lebenswichtig.

Du hast relativ früh die Schule abgebrochen.
Ich merkte irgendwann, dass neun Schuljahre obligatorisch sind, ich aber schon neuneinhalb Jahre absolviert hatte. Zur Matura hätte ich noch drei Jahre gebraucht, und wenn ich mir Mühe gegeben hätte, wäre ich sicher kein schlechter Schüler gewesen. Aber wenn der Lehrer sagte, etwas sei wichtig, dachte ich, das habe mich nicht zu kümmern. Ich wollte mich nicht fremdbestimmen lassen, selbst in Fächern wie Sprachen oder Geschichte nicht, die mich interessiert hätten. Es war nicht nur für mich streng.

Brachte der Schulabbruch die erwartete Freiheit?
Es war ein wichtiger Schritt, mit sechzehn oder siebzehn Jahren Zeit zu haben für die Sachen, die ich am liebsten mache. Aber den Tag selbst einzuteilen, war auch schwierig, ich fiel für ein paar Monate in ein Loch. Vorher war es einfacher, die Schule war der Feind, das System war der Feind, aber so ohne Feindbild bin ich dann recht ins Rudern gekommen. Weil ich kein schneller Schaffer war, gab es selten ein sichtbares Resultat. Ich habe dann noch den gestalterischen Vorkurs in St. Gallen besucht und mich mit kleinen Aufträgen durchgeschlagen. Für die Feuerwehr von St. Gallen habe ich zum Beispiel das Programmheft des Feuerwehrballs gezeichnet oder die Zettel, die in den öffentlichen Gebäuden hängen: «Es brennt – was tun?»

Daher also die Affinität zur Feuerwehr. Die kommt auch auf der neuen Platte vor.
Stimmt, die Weihnachtsfeier der Feuerwehr. Jedenfalls dachte ich damals, ich werde bildender Künstler. Aus Zufall hat sich dann das Kabarettduo Molä & Stahli mit Moritz Wittensöldner ergeben, und bald habe ich mit der Musik mehr Geld verdient als mit dem Zeichnen. Da habe ich versucht, die Chance bestmöglich zu packen.

Auf dem Album finden sich auch viele Motive des Fliegens: Ein Mann wird zur Krähe und steht trostlos am Autobahnrand herum. Fallschirmspringer fliegen am Fenster vorbei. Wäre fliegen zu können die bestmögliche Art, Distanz zu halten?
Das ist mir noch gar nicht aufgefallen, aber schon das letzte Album hat damit aufgehört, dass einer auf dem Sofa sitzt und wartet, dass ihn ein Freund anruft, der fliegen kann. Eigentlich ist das eine schöne Stabsübergabe zwischen den beiden Alben. Es geht uns sicher darum, in den Texten wie in der Musik, einen Zustand des Schwebens, des Driftens zu beschreiben: Die Menschen begegnen sich in den Songs kaum, selbst wenn sie im gleichen Zimmer sitzen.

Und wenn sie sich dann doch in die Arme fallen, nach der Zugfahrt vor dem Schliessfach, heult im Titelstück die Orgel, und es heisst: «Die Gschicht isch besser». Man will die Romantik nicht recht glauben.
Dieser Song ist ein bewusst konstruierter Kitsch. Er war für mich der spielerische Versuch, ob ich einen solchen Text überhaupt schreiben kann. So ganz kann ich es sowieso nicht, eine gewisse Unverfrorenheit oder auch die Naivität fehlt mir dazu. Aber sich zufriedenzugeben mit der Behauptung «Die Gschicht isch besser», fühlt sich gelegentlich schon noch gut an.

Manuel Stahlberger (39) ist Musiker, Kabarettist und Zeichner in St. Gallen. «Die Gschicht isch besser» ist bei Irascible erschienen. 
Die Konzerte von «Stahlberger»: 11. und 12. April 2014, Palace, St. Gallen; 17. April 2014, Kuppel, Basel; 18. April 2014, Salzhaus, Winterthur; 20. April 2014, Dachstock, Bern; 25. April 2014, Bogen F, Zürich; 3. Mai 2014, Löwenarena, Sommeri.

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