Nr. 18/2014 vom 01.05.2014

Welche Songs mögen Kinder?

Manuel Stahlberger erzählt, wie sich für ihn als Vater der Blick verändert hat. Und warum seine Musik Eltern manchmal gehörig auf die Nerven geht.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn (Text) und Manuel Stahlberger (Illustration)

«Mit einem kleinen Kind wird schon das Einkaufen zum Abenteuer»: Manuel Stahlberger in der Warenwelt, gezeichnet von sich selbst.

WOZ: Manuel, im vorletzten Jahr bist du Vater geworden. Wie hast du dich verändert, seit du eine Tochter hast?
Manuel Stahlberger: Ich bin gelassener geworden. Ich habe zwar viel weniger Zeit für die Arbeit, aber ich mache trotzdem nicht weniger. Statt dass ich lange in der Nacht über meinen Sachen grüble, lasse ich auch einfach einmal etwas stehen und finde: Das ist schon gut so. Die Wichtigkeiten haben sich verschoben. Früher habe ich mich stark über meine Arbeit definiert. Das mache ich zwar immer noch, weil auch viel von mir drinsteckt, aber heute gibt es einen anderen Mittelpunkt. Unter dem Strich ist alles viel besser, seit ich Vater bin.

Lässt sich das gut verbinden: ein Kind zu haben und als Künstler zu arbeiten, der oft auch auf Tournee ist? Deine Freundin arbeitet ja auch.
Ja, denn weil ich nicht so in einen Stundenplan eingebunden bin, kann ich handkehrum auch oft zu Hause sein. Als unsere Tochter auf die Welt kam, war es Sommer, und es standen keine Konzerte an, weil in den Theatern Pause war. Da habe ich mir einfach zwei Monate freigenommen. Ich dachte, wenn sie schläft, könnte ich locker Texte machen. Aber ich hatte dann zwei Monate lang überhaupt kein Bedürfnis, etwas anderes zu tun, als zu schauen, wie das kleine Kind grösser wird. Jetzt ist sie viel am Reden, eine Geheimsprache zum Teil natürlich, die nur wir verstehen.

Was unternimmst du am liebsten mit deiner Tochter?
Ganz normale Sachen. Alles ist Neuland und wird zu einem Abenteuer, nur schon das Einkaufen. Im Moment sind gerade Durchgänge und Tunnels sehr beliebt.

Verändert sich dadurch dein eigener Blick?
Früher hatte ich sicher stärker die Tendenz, die Sachen zu ironisieren. Es war für mich immer der Inbegriff der Spiessigkeit, sich niederzulassen und Kinder zu haben. Ich fand, nur das wilde Leben sei das richtige. Das meine ich natürlich immer noch ein Stück weit. Wenn man die Normalität zum Feind erklärt, dann ergibt sich aus dieser Spannung eine Komik, die oft etwas Karikaturhaftes bekommt. Heute bin ich versöhnlicher, aber eingerichtet habe ich mich nicht. Ich gehe immer noch oft raus. Und meine Themen sind die gleichen geblieben.

Ein Kinderalbum ist also nicht zu erwarten.
Nein, in der nächsten Zeit nicht, auch wenn ich manchmal an Konzerten spasseshalber ankündige, ich würde mit Bit-Tuner demnächst ein Kindermusical aufnehmen mit dem Titel «Frechdachs und Halbdachs». Ich finde, dass es schon viel gute Kindermusik gibt. Übrigens höre ich oft, dass auch Kinder unsere Musik mögen.

Was sind die beliebtesten Stahlberger-Songs bei Kindern?
Das weiss ich nicht. Manchmal erzählen mir einfach Eltern, sie müssten unsere Musik jetzt dann mal abstellen, es gehe ihnen auf die Nerven, dass ihre Kinder sie ständig hörten. Wenn jeden Tag das Lied «Jede Scheiss isch e Chance» läuft, kann ich mir schon gut vorstellen, dass es mühsam wird. Einmal hatte ich an einem Fest einen Auftritt, wo Kinder waren, da durfte ich das Lied wegen des Worts «Scheiss» nicht singen. Das ist der grösste künstlerische Kompromiss, den ich jemals eingegangen bin.

Was hast du selbst als Kind eigentlich für Musik gehört?
Zuerst die Luzerner Stadtmusik und die Oberkrainer, dann Mani Matter und Georges Brassens und schliesslich Beatles, Beatles, Beatles. Stimmt, diese Oberkrainer-Platte ist auch irgendwann verschwunden. Vermutlich hat sie meine Eltern genervt.

Beim Pop geht es immer auch um ein Spiel mit Identitäten, gerade in der Jugend: dass man sich von den Eltern abgrenzen und von etwas Fan sein kann. Wie war das bei dir?
Ich habe ja gewissermassen eine umgekehrte Karriere gemacht, habe erst mit 32 eine Band gegründet. Bei mir war die Musik als Mittel zur Abgrenzung nicht so wichtig. Ich habe mich eher in meine Arbeiten gestürzt und bin früh von zu Hause ausgezogen. Aber die Musik ist natürlich schon Ausdruck für eine eigene Welt: Speziell schwierig haben es da vermutlich Kinder, deren Eltern coole Plattensammlungen haben. Ich habe schon gehört, dass die dann zur Abgrenzung Banker geworden sind.

Um noch einen Blick in die Zukunft zu werfen: Wie geht es mit der Band weiter, und hast du auch schon Pläne für ein neues Soloprogramm?
Wir haben noch ein Konzert in Sommeri, dann ist der erste Teil unserer Tournee vorbei. Im Juni fangen dann die Festivals an. So wie es jetzt aussieht, spielen wir an keinem grossen, sondern an vielen kleinen. Und ja, ich freue mich darauf, ein neues Soloprogramm zu machen. Ich habe noch gar nichts, nur ein paar vage Ideen. Das ist immer sehr schön, wenn etwas von vorne beginnt.

Herzlichen Dank für das Monatsgespräch. Noch eine Bitte zum Schluss von der Bildredaktion: Würdest du dich für die letzte Folge selbst zeichnen?
Ja. Ich habe das schon ewig nicht mehr gemacht, im Vorkurs zum letzten Mal. Vielleicht wirds eine Karikatur.

Manuel Stahlberger (39) lebt als Zeichner, Musiker und Kabarettist in St. Gallen.
«Die Gschicht isch besser», das neue Stahlberger-Album, ist bei Irascible erschienen.

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