Nr. 16/2014 vom 17.04.2014

Aus einer anderen Zeit

Von Florian KellerMail an AutorIn

Manche Filme scheinen so zerbrechlich, dass man fürchtet, sie könnten im Kino übersehen werden. «Ida» von Pawel Pawlikowski ist so ein Film, der sich kleiner macht, als er ist. Nur achtzig Minuten kurz, in einem Schwarz-Weiss, das eigentlich eine Legierung aus feinsten Graustufen ist, und gedreht nicht in ausladendem Cinemascope, sondern im alten, fast quadratischen Academy-Format. Demut zeigen statt ausschweifen: So will auch Schwester Anna (Agata Trzebuchowska) leben, weil sie es nicht anders kennt. Aufgewachsen in einem polnischen Waisenhaus, grossgezogen von Nonnen, soll die junge Frau erfahren, wer sie wirklich ist, bevor sie ihr Gelübde ablegt.

Dass sie gar nicht katholisch, sondern Jüdin ist und eigentlich Ida Lebenstein heisst: Das erfährt sie erst von Tante Wanda (Agata Kulesza). Die «Rote Wanda», wie sie auch genannt wird, arbeitet als Richterin in der Stadt, wo sie ihren Schmerz mit Männern und Alkohol betäubt. Wir sind im Jahr 1962, Ida macht sich mit ihrer Tante auf die Suche nach ihrer verlorenen Kindheit, also nach dem Grab ihrer Eltern, die im Zweiten Weltkrieg umgekommen sind – wenn man eine Grube im Wald denn schon als Grab bezeichnen möchte. Ida findet die Mörder ihrer Familie. Und entdeckt den Jazz als Verheissung einer anderen Welt als der, die sie aus dem Kloster kennt.

Fast zehn Jahre ist es her, da war Regisseur Pawlikowski mit «My Summer of Love» in unseren Kinos, einem hauchzarten Drama über die Liebe zwischen zwei Mädchen in England. Jetzt, mit 56 Jahren, hat der gebürtige Pole erstmals in seiner Heimat gedreht. Und er geht auch hier, in seiner Auseinandersetzung mit der Judenverfolgung in Polen, ausgesprochen sachte vor – weil ihn Fragen der Identität mehr umtreiben als das Pathos einer historischen Lehrstunde mit eingebautem Aufarbeitungseffekt. Das Klostermädchen und ihre verruchte Tante: Dass Pawlikowski hier sozusagen eine Heilige und eine Hure auf eine Reise in die dunkle polnische Vergangenheit schickt, das ist das Einzige, was etwas grob gehauen wirkt an diesem Film. So schön, so geschmackvoll fotografiert ist das alles, dass man sich jede einzelne Einstellung an die Wand hängen möchte. Aber es ist eine gespenstische Schönheit, weil sie von den Geistern der Vergangenheit erzählt. Kino wie aus einer anderen Zeit, in jeder Hinsicht.

Ab 17. April 2014 in den Kinos.

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