Kino-Film «Cold War» : Flüchtiges Glück, langes Sehnen

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Ende der vierziger Jahre in Polen. Der Musiker Wiktor (Tomasz Kot) tourt im Staatsauftrag durch die winterliche Provinz. Er soll Talente für ein zu schaffendes Folkensemble suchen, denn das neue Regime will eine Kultur etablieren, in der sich traditionelle Elemente mit kommunistischer Ideologie verbinden. Während andere ihre Karrieren befördern, indem sie dafür sorgen, dass hinter den singenden Mädchen zu gegebener Zeit ein riesiges Stalin-Porträt hochgeht, macht Wiktor nur aus Opportunismus mit.

Seine Gleichgültigkeit verfliegt, als bei ihm die schöne junge Zula (Joanna Kulig) vorsingt. Zula ist keine Unschuld, im Gegenteil, ihr Gesang hat in seiner Sinnlichkeit etwas Schamloses. Tatsächlich kommt sie direkt aus der Jugendstrafanstalt. Es heisst, sie habe ihrem Stiefvater ein Messer in den Leib gerammt. «Er hat mich mit meiner Mutter verwechselt», wird sie Wiktor lapidar erklären. Er engagiert sie trotz der Einwände seiner Kollegen. Nicht nur die schöne Stimme hat es ihm angetan – Zula selbst wird ihn ein Leben lang nicht mehr loslassen. Wobei den wenigen Momenten eines flüchtigen Glücks lange Jahre des Sehnens folgen, denn als Wiktor ein Gastspiel in Berlin dazu nutzt, die Seiten zu wechseln, kommt Zula nicht mit.

Viele haben sich schon daran versucht, jenen Weltschmerz abzubilden, den die harten Grenzen, die Europa bis 1989 teilten, bei denen verursachten, die durch sie getrennt wurden. Regisseur Pawel Pawlikowski («Ida») hält die Gefühlslinien in «Cold War» so knapp und erzählt dabei so ökonomisch, dass die Melancholie seines Films förmlich ins Herz schneidet.

So viel wird hier thematisiert: der ideologische Druck, die allgegenwärtige Bespitzelung, der habituelle Antisemitismus genauso wie die Demütigungen des Exils. Durch das brillante Schwarzweiss verleiht Pawlikowski seiner Lovestory die Aura des grossen Kinos – und leistet in diesem Sinne auch ein bisschen Wiedergutmachung an Zula und Wiktor, den Marginalisierten von einst.

Cold War. Regie: Pawel Pawlikowski. Polen/Frankreich/Grossbritannien 2018