Nr. 16/2014 vom 17.04.2014

Der eigentliche Tamiflu-Skandal

Von Susan Boos

Tamiflu war ein Fetisch. Die Schamanen der Basler Firma Roche verkündeten seine Wirksamkeit. Und alle kauften das Medikament, weil man sonst nichts hatte, was die Dämonen vertrieb.

ExpertInnen sagen seit Jahren, Tamiflu helfe gegen keine Grippe, im besten Fall schade es nicht. Trotzdem hielt man daran fest. Der Bund legte ein Tamiflu-Pflichtlager an. Millionen hat das gekostet. Roche freute es: Seit 2005, als die Vogelgrippe erstmals für Panik sorgte, hat der Konzern weltweit für etwa zwölf Milliarden Franken Tamiflu verkauft.

Nun ist der Fetisch endgültig seiner magischen Kraft beraubt. WissenschaftlerInnen der Cochrane Collaboration publizierten letzte Woche einen Bericht, in dem sie umfassend belegen: Roche verfügt seit Jahren über diverse Studien, die beweisen, dass Tamiflu nichts bringt – doch diese Studien wurden nie publiziert.

Die Cochrane Collaboration ist ein Zusammenschluss unabhängiger WissenschaftlerInnen, die sich weltweit bemühen, die Wirksamkeit von Medikamenten und Therapien zu überprüfen. Jahrelang mussten die Cochrane-Leute kämpfen, um Zugang zu den unpublizierten Berichten zu bekommen.

Der Skandal ist nicht, dass Roche mit Tamiflu Geld scheffelte und das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mitmachte. Denn die Angst vor einer drohenden Supergrippe, die Tausende von Menschen dahinrafft, hat einen realen Hintergrund. Sie kann jederzeit ausbrechen und sich rasant ausbreiten, vor allem in Weltgegenden, die in kriegerischem Chaos versinken. Impfstoffe lassen sich dann vermutlich nicht rechtzeitig bereitstellen. Mit einer aggressiven Grippepandemie ist nicht zu spassen, weil sie vor allem junge Menschen töten wird. Wenn das BAG davor warnt, kann man das Amt dafür nicht schelten.

Bei diesem Skandal geht es auch gar nicht um die Grippe. Es geht darum, dass Roche unliebsame Studien wegschliessen kann. Es gibt in der Schweiz wie in den meisten anderen Ländern keine gesetzlich verankerte Publikationspflicht. Die braucht es aber – nicht nur für die Pharmabranche, auch für Biotechfirmen, für die Chemie-, die Lebensmittel-, die Nuklear- oder die Finanzindustrie, einfach für alle, die unangenehme Studien wegsperren. Dann liessen sich auch keine Fetische mehr basteln.

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