Nr. 22/2014 vom 29.05.2014

Kinder als Projekt und Business

Von Bettina Dyttrich

Wir sind keine kinderfreundliche Gesellschaft. Kinder stören den reibungslosen Ablauf des Kapitalismus, der hierzulande so perfektioniert worden ist. Wer mit Kindern unterwegs ist, merkt das dauernd, nicht nur zu Fuss im Strassenverkehr. Und immer noch mangelt es an Krippen- und Hortplätzen, der Mutterschaftsurlaub ist eher geizig bemessen, das Armutsrisiko Alleinerziehender enorm.

Die gleichzeitige Verherrlichung der Kleinfamilie ist vielleicht nur die Kehrseite davon. Das Privatleben soll alle Bedürfnisse erfüllen, die im hektischen Erwerbsleben zu kurz kommen, und zu diesem Projekt gehören meistens auch eigene Kinder. Wenn es auf «natürlichem» Weg nicht klappt, entscheiden sich immer mehr Paare für die In-vitro-Fertilisation. Kein Wunder, wächst der Druck, in der Schweiz die Präimplantationsdiagnostik (PID) zuzulassen, mit der im Reagenzglas festgestellt werden kann, ob der Embryo Träger von Erbkrankheiten ist oder die übliche Anzahl Chromosomen aufweist.

Der Bundesrat verabschiedete letztes Jahr eine restriktive Gesetzesvorlage: Die PID soll nur Paaren mit schweren Erbkrankheiten zugänglich sein. Die Wissenschaftskommission des Ständerats wollte jedoch viel weiter gehen, die PID bei allen In-vitro-Fertilisationen zulassen und auch Aneuploidie-Screenings erlauben, mit denen das Downsyndrom festgestellt werden kann (siehe WOZ Nr. 7/2014). Doch der Ständerat folgte der Kommission nicht. Nächste Woche kommt die Vorlage in den Nationalrat.

Es gibt gute Gründe, die PID ganz abzulehnen. Aber wenn es um eine Zulassung geht, ist die Vorlage des Bundesrats auf jeden Fall die bessere Wahl. Sie ermöglicht eine sorgfältige Abklärung und setzt klare Grenzen. Der Vorschlag der Ständeratskommission dagegen ist ein Affront für Behinderte und ihre Eltern. Und er öffnet dem Fortpflanzungsbusiness Tür und Tor: Ein Bündnis von PID-kritischen Organisationen, darunter Pro Infirmis, Insieme und der Basler Appell gegen Gentechnologie, schätzt den Mehrumsatz auf hundert Millionen Franken, wenn dieser Vorschlag durchkommt.

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