Nr. 24/2014 vom 12.06.2014

Dieses Turnier ist eine Monstrosität

Von Etrit Hasler

Es ist wieder so weit: Bierselige Massen versammeln sich in Beizen und Gärten, auf Dachterrassen und öffentlichen Plätzen zum gemeinsamen Ritual, grölen für ihre Teams (oder einfach gegen die Deutschen). Man findet kaum eine Bar, kaum ein Restaurant, in denen nicht dauernd ein Fernseher bis spät in die Nacht läuft, und danach rollen hupende Autos durch die Städte. Plötzlich sind alle absolute ExpertInnen zum Gesprächsthema Nummer eins. Sogar der gescheiterte Finanzschwurbler Konrad Hummler schreibt über die «Lebensschule Fussball». Der Bullshit-Wecker klingelt, als ob es kein Morgen gäbe.

Dass die Organisation dieses Turniers eine Monstrosität ist, steht ausser Frage. Die Fifa bereichert sich ein weiteres Mal auf Kosten einer Schwellennation, die sich das kaum leisten kann. Das war vor vier Jahren nicht anders – und die weltweit nachgeplapperte Behauptung, Südafrika werde von einem Tourismusboom profitieren, hat sich inzwischen als Propagandalüge herausgestellt. Die Fussball-WM ist der feuchte Traum der Neoliberalen: Ein undemokratischer, undurchsichtiger und korrupter Haufen alter Männer (die Fifa) verkauft uns etwas, das wir nicht brauchen (die WM). Er erschliesst regelmässig neue Märkte, die er bis aufs Blut aussaugt, lässt sich dabei von der öffentlichen Hand subventionieren und hinterlässt zum Schluss verbrannte Erde. Dazu zahlt er sich selber Boni in Millionenhöhe aus und bezahlt fast keine Steuern. Da ist es noch das kleinste Übel, wenn die Fernsehbilder mit Sponsorenlogos zugekleistert werden, bis uns die Augen bluten.

Die kritischen Stimmen im Vorfeld der aktuellen WM in Brasilien waren laut – hüben wie drüben. Das ist gut so. Auch wenn ein Grossteil der kritischen Berichterstattung ab heute abrupt abbrechen wird, weil die investigativen JournalistInnen vor Ort von den Schwatzmaschinen aus den Sportredaktionen abgelöst werden. Wie schrieb der stellvertretende Chefredaktor der «SonntagsZeitung» letztes Wochenende? Er habe «genug erfahren über das angebliche Elend in Brasilien». Angeblich? Wow. Ohren zu, Augen zu, Anpfiff.

Natürlich: Fussball ist faszinierend. Wir wollen wissen, nein, müssen wissen, wer Weltmeister wird. Ist das rational nachvollziehbar? Keinesfalls. Das ist Musik auch nicht. Auch die haben wir uns nicht von der kapitalistischen Industrie vergällen lassen. Zumindest habe ich noch niemanden gehört, der zum Boykott von Rolling-Stones-Konzerten aufruft, weil die Band zu kommerziell geworden sei.

Dass der Fussball kommerziell verwertet wird, werden wir nicht ändern können. Ein paar Dinge schon. Zum Beispiel können wir alle die WM auf den deutschen oder österreichischen Sendern schauen. Wenn die Quote tief genug fällt, verzichtet unser Staatssender das nächste Mal vielleicht darauf, auch noch unnötigerweise vor Ort zu sein, und Beni Thurnheer wäre der letzte Schweizer WM-Kommentator. Die Ehre dürfte man ihm gönnen. Und mit dem Geld könnte sich SRF ja auf die Suche machen nach Humor, der nicht in Verdacht steht, rassistisch zu sein, zum Beispiel. Und Gabriel Vetters Güseldetektive hundert Jahre ins Programm aufnehmen. Nur so eine Idee.

Wir müssen uns nicht schämen, wenn wir WM schauen. Sie ist vielleicht der einzige echte Weltevent. Kein Kontinent, auf dem nicht Millionen von Menschen vor den Bildschirmen kleben, um zuzuschauen, wie «22 Männer einem Ball nachrennen, und zum Schluss gewinnt Deutschland», wie der englische Stürmerstar Gary Lineker mal gesagt hat. Ausser natürlich dieses Jahr. Weltmeister wird Brasilien. Sind Sie gerade aufgesprungen, um zu widersprechen? Sehen Sie. Und bei all den Diskussionen, die derzeit um die Vergabe der WM 2022 nach Katar laufen, dürfen wir nicht vergessen, dass das grösste Problem nicht darin besteht, dass sich Fifa-Offizielle wie Mohamed bin Hammam und Sepp Blatter Stimmen kaufen. Sondern darin, dass es ihnen unsere Gesetze ermöglichen, dies zu tun, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Diese Diskussion müssen wir nicht in den nächsten viereinhalb Wochen führen. Aber wenn wir sie danach nicht führen, dann müssen wir uns wirklich schämen.

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