Nr. 25/2014 vom 19.06.2014

Jetzt kommt es zum Dschihad zwischen den Dschihadisten

Die Islamistengruppe Isis ist kein neuer Akteur. Die Extremisten kontrollierten schon einmal Teile des Irak. Aus ihren Fehlern scheinen sie gelernt zu haben. Sie sind Bündnisse mit Stammeskämpfern und ehemaligen Offizieren aus Saddam Husseins Armee eingegangen.

Von Vicken Cheterian

Der Vorstoss der Isis-Kämpfer im Irak geschah mit einem beeindruckenden Tempo. Die irakische Armee zog sich meist kampflos zurück, so auch aus Mosul. Dass 3000 Rebellen die zweitgrösste irakische Stadt, in der 70 000  Sicherheitskräfte stationiert waren, einnehmen konnten, überrascht nur auf den ersten Blick. Es ist das Resultat eines Konflikts, der im Januar 2014 mit der Eroberung von Ramadi und Falludscha in der Provinz Anbar seinen Anfang nahm. Islamistische Kämpfer aus dem Umfeld der Gruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) übernahmen zusammen mit Stammesmilizen die Macht in den beiden Städten. Die irakische Armee, obwohl zahlenmässig überlegen und gut ausgerüstet, konnte die Städte nicht zurückgewinnen. Nach fünf zermürbenden Monaten waren die irakischen Streitkräfte dermassen demoralisiert, dass sie den Isis-Kämpfern nichts mehr entgegenzusetzen hatten.

Der Grund für die rasche Niederlage liegt in der Armee selbst. Ausserhalb der schiitischen Hochburgen wird sie als Besatzungsmacht wahrgenommen. Daher fühlten sich die Soldaten auch nicht verpflichtet, um Falludscha oder Mosul zu kämpfen. Ihr Verhalten gleicht eher jenem einer Lokalmiliz. In einem Video, das über Youtube verbreitet wurde, waren irakische Soldaten zu sehen, die einen gefallenen Kameraden zu Grabe trugen. Während der Beerdigung schlugen sie sich auf die Brust und sangen religiöse Lieder, wie es an Aschura, einer schiitischen Trauerzeremonie, üblich ist. Dabei wird des Imam Husain gedacht, eines der wichtigsten Märtyrer der SchiitInnen.

Das militärische Debakel findet in einem ohnehin schon instabilen politischen Umfeld statt. Obwohl die Partei von Ministerpräsident Nuri al-Maliki aus den Wahlen im Mai als stärkste Kraft hervorging, ist er für eine Regierungsbildung auf Allianzen angewiesen. Doch Maliki hat in der Vergangenheit so viele Fehler gemacht, dass er im Norden des Lands keinerlei Unterstützung mehr geniesst. Er hat die SunnitInnen verärgert, weil er sie nicht wie versprochen in seine Regierung eingebunden hat. Zudem hat er bei den Stammesmilizen der Sahwa (Erwachen) verspielt, die 2008 und 2009 erfolgreich gegen die Dschihadisten kämpften. Die Stationierung von Streitkräften in den umstrittenen Gebieten rund um Kirkuk hat auch zu einer angespannten Beziehung mit der autonomen kurdischen Regionalregierung geführt.

Um den Isis, der sich Bagdad nähert, zu stoppen, ist Maliki daher immer mehr auf schiitische Milizen angewiesen. Nachdem der bedeutendste schiitische Geistliche im Irak, Grossajatollah Ali al-Sistani, zu einem «Dschihad» gegen «Terroristen» aufgerufen hat, scheint die Gefahr eines Kriegs, der auf religiösen Identitäten beruht, immer grösser.

Bei der Eroberung von Mosul konnten die Isis-Kämpfer auf den Rückhalt verschiedener Gruppen zählen. So wurden sie von Stammeskämpfern, von den Naqschbandi-Milizen (einer religiösen Bruderschaft) sowie von Offizieren der Baathisten, die vor allem in Tikrit, Saddam Husseins Heimatstadt, präsent sind, unterstützt. Der Isis, der bereits Gebiete im benachbarten Syrien kontrolliert, ist allerdings am besten organisiert. Er ist ein Ableger der älteren Organisation, al-Tauhid wal-Dschihad, die vor rund zehn Jahren schon einmal einen grossen Teil der Region, die der Isis in den letzten Monaten erobert hat, kontrolliert hatte. Al-Tauhid wal-Dschihad wurde vom jordanischen Extremisten Abu Musab al-Sarkawi gegründet – 2006 starb er bei einem US-Angriff.

Der Isis scheint aus den früheren Fehlern gelernt zu haben. Die extremistische Vision und kompromisslose Haltung führte damals dazu, dass sich andere Kämpfer und Stammesmilizen abwandten und die Organisation an Bedeutung verlor. Nun wird der Isis nicht gnädiger und kompromissbereiter sein, sondern im Gegenteil skrupelloser vorgehen, um die sunnitischen Konkurrenten auszuschalten und die eroberten Gebiete alleine zu kontrollieren.

In den arabischen Medien wird nach wie vor heiss diskutiert, ob der Isis vom Iran oder von Saudi-Arabien gesteuert wird. Diese Frage ist vor allem Ausdruck der in der Region verbreiteten Verschwörungstheorien. Der Isis ist bereits zu mächtig, um sich von äusseren Kräften manipulieren zu lassen. Welche Aussagen auch immer auf regionaler und internationaler Ebene gemacht werden: Die wichtigsten Mächte in der Region werden die wachsende Bedeutung des Isis nicht ignorieren können.

Die dramatischen Entwicklungen in Mosul haben der Welt einmal mehr deutlich vor Augen geführt, dass die US-amerikanische Intervention im Irak von 2003 kläglich gescheitert ist. Durch einen Krieg zerstörte staatliche Strukturen lassen sich nicht einfach durch «technisches Training» und Waffenlieferungen wiederherstellen. Nun haben wir zwischen dem Irak und Syrien eine neue Region, die von extremistischen Kräften kontrolliert wird. Sie lässt sich mit dem von den Taliban dominierten Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan vergleichen. Doch diesmal liegt die Region viel näher bei Europa.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Jetzt kommt es zum Dschihad zwischen den Dschihadisten aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr