Nr. 26/2014 vom 26.06.2014

Vor einem lebhaften Sommer der Unzufriedenheit

In Britannien nimmt der Widerstand gegen die Sparpolitik zu. Angestellte aus verschiedenen Branchen solidarisieren sich und kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen und existenzsichernde Löhne. Am 10. Juli soll der grösste Streik seit Jahren stattfinden.

Von Peter Stäuber, London

«The Dude minds, man! This just won’t stand», steht auf dem Plakat: Der Dude hat was dagegen einzuwenden! Das geht einfach nicht. – Das Zitat stammt aus dem Film «The Big Lebowski». Aber hier geht es nicht um einen ruinierten Teppich wie im Kultfilm der Coen-Brüder, sondern um schlechte Löhne. Rund dreissig Kinoangestellte haben sich an diesem Samstag vor dem Ritzy-Kino im Stadtteil Brixton versammelt, mit Trommeln, Plakaten und Lautsprechern. Es ist der sechste Streiktag seit April, die Energie der Angestellten ist offenkundig, und ihr Ziel ist klar: Sie wollen den London Living Wage, den Londoner Lebenshaltungslohn. «Es ist ja nicht so, dass unsere Forderungen unzumutbar wären», sagt Robyn Stocker und versucht, die laute Sambamusik zu übertönen. «Nur der Lebenshaltungslohn gibt uns die Sicherheit, dass wir nächstes Jahr nicht für eine weitere Lohnerhöhung streiken müssen.»

Der London Living Wage, also der Stundenlohn, der von der Londoner Regionalbehörde als das Minimum festgelegt wird, um in der Stadt ein anständiges Leben führen zu können, beträgt gegenwärtig 8,80 Pfund (rund 13 Franken). Die Kinoangestellten verdienen zurzeit 7,29 Pfund. Die 34-jährige Stocker arbeitet dreizehn Stunden pro Woche im Ritzy-Kino, sonst ist sie in der Musikindustrie und als Discjockey tätig. «Der Kinobetreiber Picturehouse sagt, weil viele Angestellte nicht Vollzeit arbeiten, brauchen sie keinen Living Wage. Aber dieses Argument ist Blödsinn: Ich arbeite sonst freischaffend und bin auf einen angemessenen Lohn angewiesen.» Zudem seien die Lebenshaltungskosten in Brixton in den letzten Jahren stark gestiegen, meint die Gewerkschafterin Nia Hughes, die seit sechs Jahren im Ritzy arbeitet. Der Stadtteil ist in den letzten Jahren stark gentrifiziert worden. Das Resultat sind saubere Plätze, Gated Communities und hohe Mieten.

Die Arthouse-Kette Picturehouse hat den Streikenden bislang noch kein Angebot gemacht, das für sie akzeptabel wäre. Doch die Angestellten haben Ausdauer. «Wir streiken, solange wir müssen», sagt Stocker und wippt im Takt der Sambamusik.

Militant und hartnäckig

Einige Kilometer weiter westlich, in Bloomsbury, streikte am Tag zuvor eine andere Gruppe von ArbeiterInnen. 82 Reinigungsangestellten der University of London droht die Entlassung, weil ein Wohnheim für Studierende Ende dieses Monats geschlossen wird. Die Reinigungskräfte, die nicht direkt von der Universität angestellt, sondern an ein Vertragsunternehmen ausgelagert sind, sind Mitglieder der Kampagne 3 Cosas (3 Dinge). Als Erstes erkämpften sie sich ohne die Unterstützung ihrer Gewerkschaft den Lebenshaltungslohn, dann forderten sie die «drei Dinge»: Rente, Ferien- und Krankengeld.

Denn die Reinigungsangestellten, die meisten von ihnen spanischsprachige Migrantinnen aus Lateinamerika, wollten zu den gleichen Bedingungen arbeiten wie die Angestellten, die direkt von der Universität beschäftigt werden. Im vergangenen Winter gewannen sie den Disput – eine beeindruckende Leistung. Jetzt fordern sie eine Garantie, dass niemand entlassen wird. Vor einem Monat kündigten sie einen «Sommer der Unzufriedenheit» an – mit Streiks, Besetzungen und lautstarken Protesten.

Basiskampagnen wie die der Kinoangestellten und der Reinigungskräfte – lebhaft, militant und hartnäckig – gibt es zurzeit vor allem im Niedriglohnsektor. Doch die Folgen der schlechten Wirtschaftslage und des Sparprogramms, das die Regierung seit vier Jahren vorantreibt, bekommen fast alle BritInnen zu spüren. Zwar liegt die Arbeitslosigkeit so tief wie zum letzten Mal vor fünf Jahren, und die Wirtschaft ist in den ersten drei Monaten dieses Jahrs um 0,8 Prozent gewachsen, was Schatzkanzler George Osborne dazu verleitete, das Comeback der britischen Wirtschaft anzukündigen. Doch viele ArbeiterInnen werden sich fragen, wo dieses Comeback bleibt: Ein grosser Teil der neuen Jobs sind schlecht bezahlte Stellen im Dienstleistungssektor, oft Teilzeit, und ein unverhältnismässig hoher Anteil des Zuwachses bei der Beschäftigungsquote ist dem Umstand zu verdanken, dass sich viele Leute selbstständig machen.

Für NormalverdienerInnen gibt es keinen Aufschwung. Gemäss dem nationalen Amt für Statistik sind die Reallöhne seit 2010 sukzessive gefallen – die längste Periode seit den sechziger Jahren. Um dies zu kompensieren, leihen sich die Leute Geld. Das Zentrum für soziale Gerechtigkeit warnte letztes Jahr, dass die Verschuldung von britischen Haushalten fast doppelt so hoch sei wie vor zehn Jahren. Fast die Hälfte der ärmsten zehn Prozent gibt mindestens ein Viertel ihres Einkommens für die Schuldenrückzahlung aus. Dazu kommen die Kürzungen der Sozialhilfe und die Stellenstreichungen im öffentlichen Dienst. Kein Wunder, dass die Wohlfahrtsorganisation Trussell Trust im vergangenen Jahr über fünfzig Prozent mehr Lebensmittelpakete an arme BürgerInnen verteilen musste als im Jahr zuvor.

Unkorrigierte Aufsätze

Viele Gewerkschaften haben im Lauf der letzten Jahre gegen Lohnkürzungen gestreikt, und Hunderttausende sind durch London marschiert, um ein Ende der Sparpolitik zu fordern. Aber der Erfolg war bislang begrenzt. Erst im letzten Jahr gewann der Widerstand an Fahrt – gerade durch Kampagnen wie 3 Cosas und insbesondere an den Universitäten.

Die Reinigungsangestellten der School of Oriental and African Studies (Soas) in London haben sich im vergangenen Monat die gleichen Zugeständnisse erkämpft wie ihre KollegInnen von der University of London. Die Leitung der University of Birmingham wurde durch zwei Besetzungen, mehrere Streiks und ein paar Gerichtstermine dazu gezwungen, allen Angestellten den Living Wage zu bezahlen. An der Soas haben sich TeilzeitlektorInnen geweigert, Aufsätze zu korrigieren, um gegen hohe Arbeitspensen und tiefe Löhne zu protestieren. Und im Winter besetzten StudentInnen das Verwaltungsgebäude der University of London und stellten eine Reihe von Forderungen gegen die Vermarktung der höheren Bildung – die erste lautete, dass die drei Anliegen der 3-Cosas-Kampagne gewährt werden sollten.

Bibliothekare auf Streikposten

Gegenseitige Unterstützung stärkt die Graswurzelkampagnen: Die Kinoangestellten besuchen die Streikposten der Reinigungskräfte und umgekehrt. Bei den jüngsten Streiks der Reinigungsangestellten der Soas schloss die StudentInnenvereinigung die Universitätsbar und das Café, und die LektorInnen sagten neunzig Prozent der Vorlesungen ab. «Sogar die Bibliothekare waren auf Streikposten», sagt Ezequiel Kramer von der Gewerkschaft Unison, der im Catering der Universität arbeitet. Diese Solidarität habe der Kampagne enormen Aufschwung verliehen. «Vor vier oder fünf Jahren wäre das nicht möglich gewesen», meint Kramer.

Auch ausserhalb der Ausbildungsinstitute wächst der Widerstand. Im Mai organisierte die Kampagne Fast Food Rights einen Protest vor einer McDonald’s-Filiale, um Solidarität mit den Fastfoodbeschäftigten in den USA zu zeigen. Im nördlichen Doncaster haben KrankenpflegerInnen gleich dreimal für eine Woche die Arbeit niedergelegt, um gegen massive Lohneinbussen zu protestieren, die nach der Auslagerung ihres Diensts an eine Privatfirma drohen. Am vergangenen Samstag nahmen in London 50 000 Personen am ersten Protestumzug der People’s Assembly Against Austerity teil, einer vor einem Jahr gegründeten Kampagne gegen die Sparpolitik der Regierung. Und am 10. Juli soll nun der grösste landesweite Streik seit Jahren stattfinden, wenn die mitgliederreichsten Gewerkschaften gegen Lohnkürzungen im öffentlichen Sektor protestieren.

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