Nr. 28/2014 vom 10.07.2014

Der Historiker und sein Zeitgeist

Der am 5. Juli 2014 verstorbene Hans-Ulrich Wehler gilt als einer der einflussreichsten deutschen Historiker. Doch was ist die Funktion des Intellektuellen in unserer Gesellschaft?

Von Stefan Howald

Der Tod des Intellektuellen wird zuweilen arg übertrieben. Jean-Paul Sartre (gestorben 1980) sei der letzte dieser öffentlich allseits bekannten, zugleich umstrittenen Geistesheroen gewesen oder vielleicht noch, in einem schon bescheideneren Rahmen, Michel Foucault (gestorben 1984). Aber dann fallen einem etliche Gegenbeispiele von heute wirkenden ideologischen Geistesarbeiten ein, von Jürgen Habermas (Deutschland, linksliberal) über Toni Negri (Italien/USA, linksradikal) zu, nun ja, Roger Köppel (Schweiz, rechts). Zwar zeigt diese ungleichgewichtige, heterogene Aufzählung, dass sich der Grossintellektuelle verabschiedet hat. Aber wenn man Intellektuelle funktional versteht als jene, die Arbeit im Feld des Symbolischen betreiben und dies in den Alltagsverstand übersetzen, dann werden sie uns immer erhalten bleiben.

Allerdings droht die Figur des Technokraten den Intellektuellen zu verdrängen. Im Zeichen der Finanzmarktkrise sind solche in Regierungsämter gerückt, um die Austeritätspolitik und angebliche Sachzwänge quasi wissenschaftlich zu legitimieren. Dagegen haben sich die Funktionen und Typen des Intellektuellen, der hartnäckig über Zwecke und Ziele und Werte im gesellschaftlichen Ganzen nachdenkt, differenziert. Der am Wochenende verstorbene deutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler ist da ein interessantes Fallbeispiel.

Wehler war, wie das zutreffende Klischee lautet, zuerst einmal ein Kind seiner Zeit. 1931 geboren, erlebte er als Hitlerjunge gerade noch den Rausch und den Terror des Faschismus und reagierte darauf mit einem antiautoritären Impuls. Seine ersten kritischen Geschichtsarbeiten eckten bei verschiedenen universitären Berufskommissionen an. Dass die grossen Männer der Geschichte zumindest einen Koch dabeihatten, wie es Bertolt Brecht formulierte, war für die personalisierende deutsche Geschichtsschreibung noch immer ein Skandalon. In den siebziger Jahren rief Wehler an der Universität Bielefeld zusammen mit Jürgen Kocka eine «Gesellschaftsgeschichte» als historische Sozialwissenschaft aus, die sich die Gesellschaft als vielfältig gegliedertes Ganzes denken sollte. Damit zog die deutschsprachige Forschung mit französischen und angelsächsischen Ansätzen gleich. Obwohl er sich von der im Gefolge von 1968 entstandenen marxistischen Geschichtsschreibung absetzte, ging Wehler mit der Betonung der Wirtschaft und deren Prägungen für Gesellschaft und Kultur eine Zeit lang in eine ähnliche Richtung. Da verstärkte er den wehenden Zeitgeist.

Intellektuelle sind auf öffentliche Medien angewiesen. Wehler hat sich ihrer in unterschiedlicher Form bedient. Er hat keinen süffigen Bestseller geschrieben, keine Geschichtserzählungen, die sich unmittelbar fürs Feuilleton geeignet hätten, wie sie im Angelsächsischen beinahe am laufenden Band produziert werden. Seine Basis blieb die Fachwissenschaft. «Das Deutsche Kaiserreich» (1973) und die grosse fünfbändige «Deutsche Gesellschaftsgeschichte» (1987–2008), die weiträumig den Zeitraum von 1700 bis 1990 überblickt, lesen sich sperrig. Wehler verstärkte allerdings die Wirkung seiner Forschungen hartnäckig durch die ab 1975 publizierte Fachzeitschrift «Geschichte und Gesellschaft». Vor allem verstand er es, seine wesentlichen Themen publizistisch aufzubereiten. So mischte er sich in aktuelle Debatten ein. Die These des rechtskonservativen Erich Nolte, der den Nationalsozialismus als Reaktion auf die «Bedrohung durch den Bolschewismus» interpretierte und damit implizit rechtfertigte, wies Wehler 1986 im sogenannten Historikerstreit energisch zurück. Das festigte seinen linksliberalen Ruf; Geschichte dient hier der Verteidigung eines sozialdemokratischen Milieus gegen den konservativen Backlash.

Im letzten Jahrzehnt driftete Wehler ins konservative Lager ab oder kam dort auf nicht ganz unerwartete Weise an. Der langjährige Freund Jürgen Habermas hat in einem schönen Nachruf in der FAZ die «Deutsche Gesellschaftsgeschichte» als grandioses Werk eines Einzelnen gewürdigt, das kaum mehr zu wiederholen sei. Doch die heroische Einzelleistung hat ihre Konsequenzen. Bei Wehler kehrte strukturell die grosse Erzählung zurück, Geschichte, die von einem Punkt her geordnet ist und womöglich auf ein Ziel zuläuft. Indem er jenseits von – auch modischen – Bemühungen um eine Geschichte Europas oder einer Region wie des Mittelmeers an einer Nationalgeschichte festhielt, verengte und personalisierte sich der Blick. Im Rahmen der Migrationsdebatte grenzte Wehler den Islam jetzt grundsätzlich aus dem deutschen Kulturkreis aus. Er wandte sich gegen den EU-Beitritt der Türkei und zeigte Sympathien für Thilo Sarrazins islamfeindliche Ausfälle.

Gleichzeitig sprach er sich gegen die zunehmende Ungleichheit in der deutschen Gesellschaft und die «Auswüchse» des Finanzkapitalismus aus. Doch dieser kritische Impuls blieb in einer Kulturauffassung gefangen, die als eine wesensmässige, essenzialistische verabsolutiert wird. Auch das liegt ja im Zeitgeist.

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