Nr. 29/2014 vom 17.07.2014

Vom Glanz der Abwesenheit

Warum Flanieren abseits von Shoppingzonen suspekt ist. Und wie das Zwischenmenschliche in Geräten implodiert.

Von Adrian Riklin

Zielloses In-der-Stadt-Umherstreifen ist verdächtig geworden. Anders kann ich mir nicht erklären, warum ich bei der Ausübung dieser meiner Freizeittätigkeit zunehmend schräg angeschaut werde und gar schon polizeilich angehalten worden bin.

Flanieren, so wie es gemeinhin zelebriert wird, beschränkt sich heute ganz offensichtlich auf das «Flanieren» in Shoppingmeilen. Als zweckloses Umherstreifen hingegen, wie es der deutsche Philosoph und Autor Walter Benjamin praktiziert hat, passt es nicht in die zeitgenössische Agenda. Wo kämen wir hin, wenn die ganze Bevölkerung in der Gegend herumflanieren würde! Nur gut, dass in unseren Städten ein derart vielfältiges Kulturangebot herrscht. Es wird empfohlen, allfällige Überraschungen frühzeitig im Terminkalender einzutragen. Nur ja keine Überraschung, die nicht unsere Erwartungen erfüllt!

Nur ja kein Zufall. In diesem Programm ist der öffentliche Boden zur Benutzeroberfläche degradiert. Alles hat seinen Zweck. Der Flaneur hat sich in einen Touristen verwandelt, in einen «Konsument-Zuschauer-Bürger» (Richard Sennett). Und selbst die Momente, in denen wir uns ausserhalb der eigentlichen Veranstaltung glauben, sind nur scheinbar ein Ausscheren aus der permanenten Chilbi. Die Pause ist der Raum, in dem am intensivsten konsumiert wird. Wir erholen uns vom Spektakel, indem wir noch exzessiver konsumieren.

Konsumkritisch konsumieren

Wobei der Konsumbegriff, der sich primär auf den Verbrauch von materiellen Waren bezieht, überholt ist. Die grassierende Abenteuerwut beispielsweise, so konsumkritisch sie auch gern vorgetragen wird, ist im Grunde genommen nichts anderes als eine besonders exzessive Form des Konsums. Zwar wähnen wir uns, indem wir uns, an ein langes Seil gebunden, von Brücken stürzen (und diese Aktion, die in früheren Zeiten den wahrhaft Lebensmüden vorbehalten war, gleich auch noch filmen lassen), für einige Sekunden als autonom Agierende. Letztlich aber vollziehen wir dabei die Fortsetzung des Zuschauerdaseins mit anderen Mitteln – als narzisstische Konsumentinnen unserer selbst.

Selbst ein Protest kann durch seine permanente (Selbst-)Medialisierung zum blossen Event verkümmern. Indem aus dem realen Protest auf der Strasse innert weniger Stunden ein massentaugliches Medienspektakel wird, wird ihm durch ebendiese unaufhörliche Liveübertragung und Selbstbespiegelung die wirkliche Kraft geraubt: Aus der als Zuschauerin verkleideten Aktivistin wird eine aktivistisch verkleidete Konsumentin.

Fakt ist: Je mehr wir das Gefühl haben, jederzeit unmittelbar mit Menschen zu kommunizieren, egal wo diese sich gerade befinden, desto weniger unmittelbar verhalten wir uns zu Menschen, mit denen wir leibhaftig auf ein und demselben Platz stehen. Je näher uns das Ferne scheint, desto ferner wird uns das Nahe: Die mediale Verheissung von gesteigerter Unmittelbarkeit ist eine grandiose Illusion. Denn selbst in den wenigen Momenten, in denen wir uns ohne Medium begegnen, spielt uns die Gewöhnung an das Medium einen Streich: Unsere Wahrnehmung ist daraufhin formatiert, alles durch ein Medium zu sehen – der Mensch erscheint im (verinnerlichten) Medium. Wo wir (körperlich) gerade sind, glänzen wir (mental) durch unsere Abwesenheit.

Garantiert augenkontaktfrei

Ein Beispiel dafür ist das zunehmende Ausfallen des Blickkontakts zwischen Käufer und Verkäuferin, zum Beispiel am Kiosk. Nun könnte man dafür zumindest für die VerkäuferInnen Verständnis aufbringen, da für diese der Akt des Tausches ja zunehmend durch die Betätigung von elektronischen Geräten belastet wird. Da sich nun aber die augenkontaktlosen Fälle auch in umgekehrter Blickrichtung häufen, zunehmend also auch Konsumentinnen zu beobachten sind, die die Verkäufer während des Tausches keines Blickes würdigen, müssen die Gründe tiefer liegen.

Gewiss: Ein Skandal ist das nicht. Ein paar Augenblicke mehr oder weniger, was solls. Was aber, wenn die gegenseitige Missachtung, mit der sich immer mehr Individuen in diesen scheinbar nebensächlichen Momenten zueinander verhalten, ein Indikator des allgemeinen Zwischenmenschlichen sein sollte? Sodass man sagen könnte: Das Zwischenmenschliche implodiert im elektronischen Gerät, das nun den Raum zwischen den Menschen einnimmt.

Vielleicht werden ja bald auch KioskverkäuferInnen durch Self-Check-out-Apparate ersetzt. Endlich ist dann aus der zwischenmenschlichen Interaktion eine strikte, garantiert augenkontaktfreie Transaktion geworden. Womit auch dem Tauschakt der letzte Rest an Feierlichkeit genommen wäre.

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