Nr. 24/2012 vom 14.06.2012

Wegen der Sommernacht geschlossen

Wenn er nicht gerade als Löwe verkleidet in Shakespeares «Sommernachtstraum» spielt, sieht man Jürg Bosshart hinter dem Schaufenster seines Gravierateliers in der Zürcher Altstadt an der Arbeit. Seit bald vierzig Jahren engagiert er sich auch für das Dorfleben in der Stadt.

Von Adrian RiklinMail an AutorIn (Text) und Ursula Häne (Foto)

Eine Kupferplatte auf der Kugel, die Lupenbrille auf dem Kopf: Jürg Bosshart bei der Gravurarbeit.

«Wegen Probe geschlossen» könnte heute an der Froschaugasse 30 in der Zürcher Altstadt geschrieben stehen. Stattdessen aber: «Bin auf Kundendienst.»

Doch Graveur Jürg Bosshart ist nicht bei Kunden. Ein paar Häuser weiter oben finden wir ihn in einem abgedunkelten Saal – als Löwe verkleidet: Diesen Sommer ist er nicht nur ein Handwerker, jetzt spielt er auch noch einen, den Schreiner Schnock im «Sommernachtstraum». Für die shakespearschen Handwerkerszenen haben Barbara Weber und Rafael Sanchez vom Theater Neumarkt echte Handwerker aus dem Quartier auf die Bühne geholt.

Seit 1976 arbeitet Bosshart an der Froschaugasse. Sein Arbeitsplatz befindet sich unmittelbar hinter dem Schaufenster: Man kann ihm von der Gasse aus zusehen, wie er hinter der Auslage mit diversen Zinnobjekten, Tellern mit Handgravuren, Stempeln und einem Blechörgeli am kleinen Werktisch sitzt, an der Gravierkugel dreht und mit Faden-, Facett-, Boll- oder Messerstichel diverse Schriften, Ornamente oder Verzierungen in Messing- oder Kupferplatten sticht.

Mit Stichel und Lupe

Fünf Tage vor der Premiere geht es im Neumarkt turbulent zu und her. Soeben ist der Darsteller des Kesselflickers Schnauz ausgestiegen. Weinhändler Felix Kauf soll die Rolle übernehmen.

Pause. Aus dem Löwenkostüm schält sich ein freundlicher Herr mit Schnauz und Leuchten in den Augen. Wir gehen vom Neumarkt hinunter durch die Altstadt. Man kennt sich im «Dörfli». Die gute Nachbarschaft wird durchaus handwerklich verstanden: Man hilft sich aus, hütet gegenseitig die Läden und Wohnungen. Die Froschaugasse ist eine Handwerkergasse geblieben: Das Gravieratelier Jürg Bosshart wird flankiert von einer Goldschmiede und einem Musikhaus – und rundum Beizen wie das «Isebähnli», «Lucys Bar» und «Madrid».

Im Atelier muss Bosshart zuerst zwei Handorgeln aus dem Weg räumen. Es hat kaum Platz, der Raum ist überfüllt mit Schallplatten und gravierten Raritäten. Neben Postkarten von der volksmusikalischen Älpli-Bar liegen Flyer einer befreundeten Akkordeonmusikerin und Plakate für den Verein Nachbarschaftshilfe, an der Wand hängen Originaldrucke von Hans Falk: Die Werkstatt ist auch eine Art quartierkultureller Infoladen.

Schon hat sich Bosshart auf den Hocker gesetzt, stülpt sich die Lupenbrille über, schiebt die Werkzeugschublade hervor und greift nach einem Facettstichel. Mit der anderen Hand dreht er nun an der Kugel, auf der er zuvor eine kleine Kupferplatte eingespannt hat.

Ein kurzer Blick durch die Lupe genügt, um eine Ahnung zu erhalten, wie minuziös ein Graveur sticht. Hier schafft ein Augenmensch. Geboren 1953 und aufgewachsen in Zürich Albisrieden, dem eingemeindeten Dorf am Stadtrand, wo in den sechziger Jahren noch Kühe auf Weiden grasten. Ursprünglich wollte er Fotograf werden; in den späten Sechzigern sei das «so ein Modeberuf gewesen». Zum Gravieren ist er durch seinen älteren Bruder gekommen, der als Zinngiesser Stichel zu Hause liegen hatte, mit denen der kleine Jürg das eine oder andere probierte. So landete er 1970 als Lehrling in einem Gravierbetrieb am Zürcher Löwenplatz.

In die Froschaugasse kam er 1976. Hier arbeitet Bosshart seither an Hand- wie auch an Maschinengravuren. Bis 1985 diente die Werkstatt als Gravieratelier einer Zinngiesserei: «Morgens holte ich jeweils im Verkaufsladen am Limmatquai die Kannen, Teller oder Kelche, die ich dann in der Werkstatt bearbeitete.»

Seither ist Bosshart selbstständig. Seit den frühen neunziger Jahren besitzt er auch eine Computergraviermaschine. Gravierend reich werden wollte er nie. Ein Glück, dass das mittelalterliche Haus der Stadt gehört und die Miete dadurch tief gehalten werden konnte. So hat Bosshart Zeit, sich auch am Quartierleben zu beteiligen. Dazu gehört der Verein Nachbarschaftshilfe. Wobei: «Ich half den Nachbarn schon, bevor das vereinsmässig organisiert wurde.» Der Zusammenhalt im Dörfli sei gut. «Es wird einander noch geschaut im Quartier. Wenn mir auffällt, dass ein Fensterladen im Haus gegenüber länger als üblich geschlossen bleibt, schaue ich vorbei und frage nach.»

Die Fürsorge beruhe auf Gegenseitigkeit: «Am Sonntag mache ich immer zirka zur gleichen Zeit einen Rundgang durchs Quartier und setze mich um 12 Uhr ins ‹Madrid› gegenüber von meinem Laden. Kürzlich war ich später dran. Da erreichte mich um zwanzig nach zwölf eine SMS vom Kellner: ‹Alles in Ordnung?›»

Dorfleben in der Stadt

Dass er sich in der Nachbarschaftshilfe engagiert, ist für ihn selbstverständlich. Zumal es im Quartier viele ältere Leute gibt, die ihren Alltag nicht mehr allein bewältigen können. Auch wenn es sich um eine unbezahlte Tätigkeit handelt, schreibt Bosshart die dafür verwendete Zeit auf: «Um der Stadt zu zeigen, wie viel gemeinnützige Arbeit freiwillig geleistet wird.»

Manchmal packt er eine seiner Handorgeln und geht in ein Altersheim: «Was gibt es Schöneres, als wenn alte Gesichter plötzlich zu strahlen beginnen?» Schon als Zwölfjähriger musizierte er in einem Handorgelorchester. Bis heute legt er jeden Tag, immer um 17.30 Uhr, seine Stichel in die Schublade, schiebt sich die Lupe vom Kopf, nimmt sich ein Örgeli zur Brust und spielt noch ein Stück, «nur so für mich, zum Feierabend». Meist schliesst er zuvor die Ladentür. Manchmal, im Sommer, lässt er sie offen. Die eine oder der andere PassantIn in der Altstadt bleibt dann stehen oder folgt den Klängen aus dem Gravieratelier. Es sei schon vorgekommen, dass japanische Touristinnen, nachdem Bosshart das Stück zu Ende gespielt hatte, einen Knicks vor seinem Laden gemacht hätten. Und einmal, als gegenüber im «Madrid» jemand Geburtstag gefeiert habe, habe ihn jemand von der Geburtstagsgesellschaft gefragt, ob er nicht schnell das Örgeli holen könne: «Am Schluss tanzte das ganze Restaurant Polonaise.»

Bosshart schaut auf die Uhr. Shakespeare ruft. Durchlauf. Behänd nimmt er sein Örgeli zur Hand, schliesst die Tür und lässt den Rollladen runter. Der Graveur ist im «Sommernachtstraum» auch als gravouröser Handörgeler zu hören. An der Tür steht dann vielleicht: «Wegen Sommernachtstraum geschlossen». Oder: «Bin gerade auf Kundendienst.»

«Sommernachtstraum» in: Zürich, Theater Neumarkt, Do, 14. Juni 2012 (Premiere: ausverkauft) bis Sa, 30. Juni 2012, jeweils 20 Uhr 
(ausser Mo, 18., und Mi, 27. Juni 2012).

www.theaterneumarkt.ch

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