Nr. 47/2011 vom 24.11.2011

Celloklänge aus einem Staubsauger

Die Digitalisierung des Alltags weckt Flo Kaufmanns Sehnsucht, mit konkreten Dingen zu arbeiten. In seiner Werkstatt schneidet er Schallplatten, bastelt neue Instrumente und lässt für immer verloren geglaubte Musik wieder erklingen.

Von Silvia SüessMail an AutorIn (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Ich kann an keinem Container vorbeigehen, ohne hineinzuschauen»: Flo Kaufmann erfindet aus alten Dingen neue Geräte.

Vor dem Haus steht ein kleiner Lieferwagen und versperrt den freien Blick auf die Schaufenster. In dem einen stehen alte Mac-Computer und -Bildschirme, im anderen ein mechanischer Fernschreiber, ein Brezeleisen und weitere alte Geräte. An der Hauswand hängt ein Plakat mit einer Frau, die mit einem Maschinengewehr in die Ferne zielt, über ihr gelb und rot das runde Logo: «Atomkraft? Nein, danke!»

«Gegen Uran, da hilft nur Blei», sagt Flo Kaufmann, dem das Haus in der Solothurner Altstadt gehört, in dem er wohnt und arbeitet. «Vorbild für das Sujet ist das bekannte Bild von Patty Hearst. Eigentlich wollte ich noch weitere Plakate mit anderen Leuten aus meinem Freundeskreis machen, aber ich kam nicht mehr dazu.» Der bald vierzigjährige studierte Elektroingenieur hat mehr als genug zu tun: Er hat eine Teilzeitstelle an der Hochschule der Künste Bern im Bereich Konservierung und Restaurierung, arbeitet beim Bieler Innovationsbüro Creaholic und tüftelt und bastelt mit Leidenschaft an seinen eigenen Projekten.

Seine Werkstatt hat Kaufmann im Parterre des mehrstöckigen alten Hauses, das er zurzeit mit seinen fünf MitbewohnerInnen renoviert. Das Zimmer mit den Schaufenstern zur Gasse ist hell und aufgeräumt. Ein Büchergestell voller Schallplatten, ein altes Tonbandgerät, ein Mischpult und zwei Schallplattenschneidemaschinen stehen neben anderen Geräten hier im Raum. Ein schmaler Gang, in dem zwei Kisten mit Singles und leere Farbtöpfe herumstehen, führt in einen grossen, dunklen Raum im hinteren Teil des Hauses. Hier stapeln sich weitere Geräte: Videorekorder, Fernsehgeräte, Synthesizer, Mischpulte, neben dem Arbeitstisch hängen Kabel, auf dem Tisch steht ein Mikroskop.

Freaks, Fans und Besessene

«Im Ingenieurumfeld gilt ‹Basteln› als unseriös. Für mich ist es aber ein super Wort, weil es den kindlichen Zugang beinhaltet, den ich bei meinem Schaffen habe. Ich arbeite stets mit Ghüder, den ich gefunden oder bekommen habe, und mache etwas Neues daraus», erklärt Kaufmann. «Ich kann an keinem Container vorbeigehen, ohne hineinzuschauen. ‹Bricolage universelle› ist das treffende Wort für mein Schaffen. Dabei stehen die Technik und der Missbrauch im Zentrum. Ich missbrauche die Dinge für neue Zwecke.»

Er nimmt ein Instrument aus einem Gestell, das einmal ein Staubsauger war. Den hatte er auf der Strasse gefunden und füllte ihn mit Oszillatoren, Filtern und allerlei anderen elektronischen Schaltkreisen. Nun gibt er mit seinem neuen Gerät, das auf Knopfdruck wie ein Cello klingt, Konzerte.

«Dank diesem Ding war ich schon zwei Wochen auf Tournee in China», sagt Kaufmann, grinst und stellt seine Erfindung wieder sorgfältig in die Ecke.

In mehreren Kisten – «für den ÖV-Transport kompakt verpackt» – ist der auseinandergebaute «Diskomat» verstaut. Dieser ist das akustische Pendant zum Fotoautomaten: Man stellt sich hinein, wirft ein Fünffrankenstück ein, singt ein Lied, das unmittelbar auf eine Platte geschnitten wird, die man nach Hause nehmen kann. Solch Diskomaten gab es in den vierziger und fünfziger Jahren, unter anderem in der Nähe von Sehenswürdigkeiten und auf Militärstützpunkten der US-Soldaten, die sich mit einer Platte von ihrer Familie verabschiedeten.

Als Teenager begann Flo Kaufmann, Schallplatten zu sammeln. Später legte er als DJ auf und interessierte sich immer mehr für die Technik, die hinter der Schallplattenproduktion steht. Mit zwanzig las er im gelben Anzeigeheft «Fundgrube» das Inserat: «Plattenschneidmaschine zu kaufen». Kaufmann zögerte keine Sekunde. Er reiste ins Tessin und kaufte dem Musiker Jackie Platino die Maschine für tausend Franken ab. Der Kauf dieser Maschine war der Anfang einer grossen Leidenschaft: Kaufmann tauchte in die Welt der Plattenproduktion ein. Jackie Platinos Schneidemaschine war der Grund, dass Kaufmann nicht wie vorgesehen Geschichte und Informatik studierte, sondern sich an der Technischen Hochschule in Biel einschrieb, «da ich bei der Elektronik an meine Grenzen stiess und mehr lernen wollte».

Kaufmann sammelte Geräusche, Klänge, Töne, nahm sich mit seiner eigenen Maschine auf Schallplatte auf, spielte mit dem Aufgenommenen, schnitt Töne raus und neue Klänge rein … Da ihm der Austausch mit anderen Leuten fehlte, die sich mit demselben beschäftigen, installierte er Mitte der neunziger Jahre eine primitive Website mit Fotos, Infos und Fragen. «Leute aus der ganzen Welt, die sich mit demselben beschäftigten, dieselben Interessen und Probleme hatten, meldeten sich. Das war grossartig.» Ein Studio in Jamaika fragte ihn an, ob er seine Maschine flicken konnte und bezahlte ihm einen Flug nach Kingston. Kaufmann konstruierte ein neues Ersatzteil, mit dem die Maschine wieder in Gang kam.

Wie ein Brezeleisen

Plötzlich war Kaufmann Teil eines weltweiten Netzwerks, reiste in der Welt herum, um Ersatzteile zu liefern oder Maschinen zu flicken – er ist einer von zwei Leuten weltweit, die den Schneidekopf reparieren können, das Herz der Plattenschneidemaschine. «Früher war Plattenherstellung eine Riesenindustrie, Millionen von Platten wurden fabriziert. Doch ab den neunziger Jahren wurde das zu einer völligen Nischenindustrie. Und alle, die damit noch arbeiten, sind Freaks, Fans und Besessene.»

1999 kaufte Kaufmann mit drei Freunden und seinem Bruder eine ganze Plattenpressfabrik und rutschte in die kleinindustrielle Produktion hinein. Achtzig Tonnen Material zügelten sie nach Grenchen, wo sie als Firma «Vinylium» vor allem Schweizer Hip-Hop-Platten pressten. Das Geld verdiente die Firma mit Neuentwicklungen und Reparaturarbeiten, die industrielle Büez der Plattenherstellung machte ein Angestellter. «Als er in die Rekrutenschule ging, dachten wir, der komme in ein, zwei Wochen wieder, der würde das eh nicht länger aushalten. Deswegen suchten wir keinen Nachfolger. Doch der kam nicht mehr, der machte tatsächlich die ganze RS!», sagt Kaufmann, noch heute ungläubig. Da keiner von den Besitzern diese Schwerarbeit verrichten konnte oder wollte, verkauften sie das Presswerk nach Belgien. Kaufmann war froh, den Ballast losgeworden zu sein: «Eigentlich hatte ich ja für mich selber Schallplatten pressen wollen, aber während der acht Jahre, in denen wir das Presswerk hatten, machte ich keine einzige Platte für mich.»

Kunstvideos wie Kaugummi

Wie stellt man eigentlich eine Schallplatte her? «Eine Schneidemaschine funktioniert eigentlich wie ein Plattenspieler – nur umgekehrt. Wo sonst die Nadel in der Rille vibriert, ist hier ein Ritzel, das die Rillen schneidet», erklärt Kaufmann. Für das Pressen wird von der geschnittenen Platte ein Negativ erstellt – was Rille war, wird Wulst –, davon wieder ein Positiv, das seinerseits zur Herstellung der Pressmatrizen dient. «Eigentlich funktioniert das Pressen wie bei einem Brezeleisen, deswegen steht das ja auch im Schaufenster.»

Das stundenlange einsame Tüfteln gehört zu Kaufmanns Leidenschaft und ist Teil seiner Arbeit. Doch immer wieder arbeitet er auch mit Künstlern oder Musikerinnen zusammen, entwickelt mit ihnen gemeinsam ein Projekt und tritt mit ihnen auf. So zum Beispiel mit Ursula Scherrer, Christian Marclay, Michael Egger und Strotter Inst.

Kürzlich stand Barry Window, ein Basler Soulsänger der ersten Stunde, mit Tonbandaufnahmen aus den sechziger Jahren bei ihm vor der Tür. Das Material war in sehr schlechtem Zustand, Window wollte es retten und die Aufnahmen ins Internet stellen. Kaufmann nahm sich der Bänder an, reinigte sie, steckte sie in den Backofen, um die zusammengeklebten Lagen voneinander zu lösen, und schaffte es, die Musik wiederherzustellen. «Das waren Härtefälle, da war ich nicht sicher, ob ich das schaffe!», gesteht er.

Hier überschneidet sich sein Schaffen mit seinem Job an der Hochschule: Er arbeitet im Forschungsprojekt Aktive Archive mit, das sich der Erhaltung und Dokumentation elektronischer Kunst widmet: «Die Technik verändert sich wahnsinnig schnell. Videobänder aus den achtziger Jahren lösen sich heute schon auf, die Beschichtungen sind wie Kaugummi. Manche kann man mit heutigen technischen Möglichkeiten gar nicht mehr anschauen. Wir versuchen, diese Aufnahmen – meist Kunstvideos – zu retten.»

Die Digitalisierung unseres Lebens und das damit verbundene Verschwinden von Material stärken Kaufmanns Sehnsucht nach Materialien, nach der Arbeit mit konkreten Dingen. An Ideen für neue Projekte fehlt es ihm nicht: Da ist das Spektrometer – ein Gerät, das die spektrale Zusammensetzung des Lichts zeigt –, aus dem er ein Instrument bauen möchte: «Ich sehe das Gehäuse und will da sofort neues Leben reintun.» Und dann ein Projekt, das wohl länger zu tun geben wird: «Ich möchte ein DJ-Set bauen, das nur mit Holzplatten funktioniert. Momentan bin ich dabei auszuprobieren, woraus die Nadel sein soll. Die Elektronik soll in einen Baumstamm kommen, im besten Fall würden die Motoren mit Dampf angetrieben werden. Dann würde ich sozusagen die Bäume spielen.»

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