Nr. 21/2015 vom 21.05.2015

Das Massaker am Río Sumpul

Am 14. Mai 1980 wurden beim ersten grossen Kriegsverbrechen des Bürgerkriegs in El Salvador über 300 Menschen ermordet.

Von Toni Keppeler

Mitte Mai 1980 war der Weiler Las Aradas im hügeligen Norden von El Salvador mit Flüchtlingen vollgestopft. «Es mögen fast 500 Menschen gewesen sein», erinnert sich Ester Alvarenga, die damals dreizehn Jahre alt war. «Sonst waren wir keine hundert hier», meist arme KleinbäuerInnen. Sie lebten in einem Dutzend Häuser am Río Sumpul, dem Grenzfluss zu Honduras. Seit Anfang Mai aber war Las Aradas langsam eingekesselt worden; vom Heer und von der Nationalgarde, unterstützt von rechtsradikalen Todesschwadronen. Immer wieder waren die Militärs von Einheiten der Volksbefreiungskräfte (FPL) in Scharmützel verwickelt worden. Doch es gelang der Guerilla nicht, die Militäroperation aufzuhalten. Kamen die Soldaten durch Dörfer, erschossen sie die jungen Männer und lösten dadurch den Flüchtlingsstrom nach Las Aradas aus. Von dort, glaubten die Flüchtlinge, könnten sie bei einem Angriff schnell nach Honduras entkommen.

Leichen aus dem Fluss

Am Morgen des 14. Mai nahm das Heer den Weiler unter Beschuss. Helikopter flogen über die Häuser, Bordschützen feuerten mit Maschinengewehren in die Menge. Wer konnte, versuchte sich über eine Hängebrücke ins Nachbarland zu retten. Dort warteten honduranische Soldaten und zwangen die Flüchtenden zur Rückkehr. «Ich konnte mich nur retten, weil ich einen Soldaten anschrie: Warum schickst du mich zurück, ich bin doch Honduranerin!» Mit dieser Lüge kam Ester Alvarenga damals davon. «Er liess mich laufen und meine beiden Freundinnen auch.»

Alvarenga gehört zu den wenigen Überlebenden des Massakers. Wer von den HonduranerInnen zurückgeschickt wurde, starb im Kugelhagel der salvadorianischen Truppen. Noch nach Tagen fischten AnwohnerInnen unten im Tal Leichen aus dem Wasser. Honduranische Medien berichteten von 325 Toten, die Wahrheitskommission der Uno sprach in ihrem 1993 veröffentlichten Bericht von «nicht weniger als 300 Toten».

Die Zusammenarbeit zwischen den Truppen aus Honduras und jenen aus El Salvador war abgesprochen: Am 5. Mai hatten sich die Militärchefs beider Seiten getroffen, um sich abzustimmen. Angeblich ging es darum, das Einsickern salvadorianischer Guerilleros nach Honduras zu verhindern. Die salvadorianische Armee betrachtete damals jeden als Freischärler, der im Operationsgebiet der Guerilla lebte.

Amnestie für Kriegsverbrecher

Das Gemetzel am Río Sumpul war im Bürgerkrieg El Salvadors (1980–1992) das erste grosse Massaker an der Zivilbevölkerung. Von den vielen, die folgten, beschreibt der Uno-Bericht beispielhaft nur zwei weitere: Im Dezember 1981 ermordeten Mitglieder einer Eliteeinheit in El Mozote fast tausend EinwohnerInnen. Und im August 1982 wurden in El Calabozo im Zentrum El Salvadors mehr als 200 ZivilistInnen von derselben Eliteeinheit abgeschlachtet.

Alle diese Massaker wurden von der Regierung zunächst abgestritten. Erst Wochen später gab Präsident Napoleón Duarte zu, dass es am Río Sumpul «wohl an die 300 Tote» gegeben habe. Es habe sich dabei um «kommunistische Guerilleros» gehandelt. Keiner der Verantwortlichen wurde je belangt. Sie sind alle bis heute durch ein Amnestiegesetz geschützt, das vom Parlament kurz nach der Veröffentlichung des Berichts der Wahrheitskommission erlassen wurde. Heute ist mit Salvador Sánchez Cerén der ehemalige Chefkommandant der Volksbefreiungskräfte Präsident, auch er will an diesem Gesetz nicht rütteln. Der Bericht der Wahrheitskommission enthält auch ein paar wenige von der Guerilla begangene Kriegsverbrechen. Auch ehemalige Guerilleros wurden amnestiert.

Ester Alvarenga schloss sich nach dem Massaker noch als Dreizehnjährige den FPL an. Seit Ende des Bürgerkriegs engagiert sie sich bei Pro-Búsqueda, einer Organisation von Angehörigen, die nach Kindern sucht, die im Krieg von Soldaten geraubt und zur Adoption verkauft wurden (siehe WOZ Nr. 32/2014).

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