Nr. 32/2014 vom 07.08.2014

Einseitiges Gedenken, katastrophale Folgen

Im Ukrainekonflikt dienen gegensätzliche Erinnerungskulturen an den Zweiten Weltkrieg dazu, die Menschen zu manipulieren. Das erinnert an die Jugoslawienkriege der neunziger Jahre.

Von Thomas Bürgisser

Die Chronologie der Ereignisse in der jugoslawischen Teilrepublik Kroatien Anfang der neunziger Jahre gemahnt an die gegenwärtige Lage in der Ukraine: auf der einen Seite die nationalistisch orientierte Regierung in Zagreb, die für die Unabhängigkeit von Jugoslawien und für «Europa» optierte; auf der anderen Seite die ebenfalls nationalistisch orientierten VertreterInnen der serbischen Minderheit, die in einem unabhängigen Kroatien um ihre Rechte fürchteten und deshalb die Autonome Region Serbische Krajina ausriefen. Erst kam es zu Scharmützeln zwischen kroatischen Polizeikräften und serbischen Milizen, dann wurde die Rhetorik schärfer, es gab Tote, Menschen flohen, wurden vertrieben, Medien enthüllten «Komplotte» und hetzten gegen den «Erbfeind». Als «Schutzmacht» der serbischen SeparatistInnen spielte sich die serbisch dominierte Jugoslawische Volksarmee auf. Kroatiens Unabhängigkeit wurde vom Westen unterstützt, Serbien mit Sanktionen belegt. Bald schwappte die Gewaltwelle auf das benachbarte Bosnien über.

Ein Land mit kolossalen ökonomischen Schwierigkeiten in einer instabilen politischen Lage, Spannungen zwischen Zentralstaat und Minderheiten in den Regionen, eine einseitige Parteinahme von aussen als Brandbeschleuniger: Auch in der Ukraine liess dieses explosive Gemisch kürzlich den Konflikt rasch eskalieren.

Sowohl im damaligen Jugoslawien wie in der Ukraine heute dienen gegensätzliche Kulturen der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg als Wasserscheide der Ideologien. Siebzig Jahre alte Geschichten stehen plötzlich wieder im Zentrum «nationaler Identität». Weshalb geschieht dies?

Legitimierung des Machtanspruchs

Sowohl das sozialistische Jugoslawien als auch die Sowjetunion gehörten 1945 zu den Siegern des Weltkriegs. In beiden Staaten wurde die Erinnerung an den Widerstand gegen eine brutale Besatzung und an den Befreiungskampf zu einem tragenden Pfeiler der Regimes, die des Kriegs und seiner Opfer mit Feiertagen und Denkmälern gedachten; die Geschehnisse fanden überproportional Eingang in politische Reden, kulturelle Veranstaltungen, Medien, Literatur und Film. Die von oben orchestrierte Erinnerung sollte eine gemeinsame Identität, Solidarität und Wehrbereitschaft stiften, diente jedoch in erster Linie der Legitimierung des Machtanspruchs der kommunistischen Parteien. Erinnert wurde nur das, was das Regime für erinnerungswürdig und zweckdienlich hielt.

Doch sowohl in der Sowjetunion als auch in Jugoslawien standen 1945 längst nicht alle Menschen als GewinnerInnen da. In der Westukraine hatten sich während der deutschen Okkupation Tausende auf die Seite des nationalistischen Politikers Stepan Bandera geschlagen, in Kroatien sympathisierten viele in den Verbänden der Ustascha-Faschisten. Beide Gruppierungen kollaborierten mit den Nazis. Nach der Befreiung musste man jedoch kein Faschist oder keine Kollaborateurin gewesen sein, um enteignet, Opfer der Gewaltexzesse und des stalinistischen Terrors der ersten Nachkriegsjahre zu werden. Manche gerieten gar in beiden Systemen – unter den Nazis wie den Kommunisten – unter die Räder. Ihr Schicksal hatte in der offiziellen Geschichtsschreibung keinen Platz.

Die Last der Vergangenheit

Nachdem das staatliche Erinnerungsmonopol weggefallen war, entwickelten daher Geschichtsbilder eine Anziehungskraft, die von den NationalistInnen in den jugoslawischen Nachfolgestaaten der neunziger Jahre ebenso manipuliert und für ihre Zwecke missbraucht wurden, wie es heute bei den ukrainischen NationalistInnen auf der einen und bei Wladimir Putins russischnationaler und sowjetnostalgischer Vergangenheitspolitik auf der anderen Seite geschieht. Hier die guten PatriotInnen, die sich gegen einen (post)sowjetischen Imperialismus verteidigen, dort die guten PatriotInnen, die ihr Volk vor der Wiederkehr des Faschismus schützen. Dass sich aus der Kriegsvergangenheit in der Ukraine und in Russland über zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch ein derartiges politisches Kapital schlagen lässt, zeugt von der negativen Langzeitwirkung, die eine staatlich gelenkte Geschichtsinterpretation entfalten kann.

Vergleiche sind immer schwierig. Wenn wir eine aktuelle Situation zu erfassen, zu analysieren versuchen, geschieht dies trotzdem über die Einordnung des Neuen und Unbekannten in Vergangenes und Bekanntes. Wird jedoch Geschichte als Waffe ins Feld geführt, entwickeln alte, gesellschaftlich nicht aufgearbeitete Gegensätze schnell eine destruktive Kraft. Das war im Jugoslawien der neunziger Jahre so, und das ist in der Ukraine wieder der Fall.

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