Nr. 42/2014 vom 16.10.2014

Im Schatten von Amazon

Keine andere Grossstadt der USA wächst schneller als Seattle. Unablässig werden Bürogebäude errichtet, und Tausende gut ausgebildete junge Leute ziehen dorthin. Doch gleichzeitig gibt es immer mehr Obdachlose.

Von Daniel Stern (Text) und Meryl Schenker (Fotos), Seattle

Es ist ein bisschen eine heile Welt, die hier entstanden ist. Am Ufer des Lake Union, eines kleinen Sees mitten in der US-Grossstadt Seattle, ist ein neuer Park angelegt worden, mit viel Rasenfläche, einem Strand und kleinen Brücken. Ein ehemaliges Zeughaus wurde zu einem historischen Museum umgebaut. Von da sind es nur ein paar Schritte zu den ersten neuen Bürogebäuden, die um den Park herum hochgezogen wurden. Auffallend viele junge Leute gehen hier ein und aus. Auch die angrenzenden Strassen werden vorab von jungen PassantInnen frequentiert, die Mehrheit von ihnen trägt ein blaues Badge um den Hals oder an der Hose. Sie alle arbeiten für die Internetfirma Amazon, die hier ein gutes Dutzend Bürogebäude gekauft oder sich darin eingemietet hat.

Während im nördlichen Teil des Quartiers noch viel Baulärm zu hören ist und weitere Geschäftshäuser und Wohntürme entstehen, ist im südlichen Teil des Stadtteils, der an den Lake Union grenzt, bereits etwas Ruhe eingekehrt. Auf der Hauptstrasse verkehrt eine Strassenbahn, mobile Essensstände verkaufen Gebratenes und Frittiertes, Schilder weisen auf Fitnessstudios und Physiotherapiepraxen hin. Obdachlose, die in der angrenzenden Downtown allgegenwärtig sind, sieht man hier keine.

Vor wenigen Jahren war South Lake Union noch geprägt von Lagerhäusern, Grosswäschereien und Parkplätzen. Jetzt wird der Stadtteil zum Hotspot für Zehntausende HochschulabsolventInnen. Vor allem Firmen aus dem Internetbereich und aus der Gesundheitsforschung haben sich hier angesiedelt. Ihre Beschäftigten sollen in South Lake Union nicht nur arbeiten, sondern auch in der Nähe wohnen und sich vergnügen. Eine Stadt in der Stadt soll entstehen und dem klassischen US-Modell, das auf langen Pendelwegen zwischen Arbeitsplatz und Wohnort basiert, eine neue, ökologische Vision entgegensetzen. Das Unternehmen Vulcan, das diesen Stadtteil massgeblich entwickelt, fabuliert von einer «Brutstätte der kreativen Klasse», die mit ihrem «Einfallsreichtum» zum wirtschaftlichen Wachstum im 21. Jahrhundert beitragen soll.

Zeltlager am Stadtrand

Lantz Rowland (58) arbeitete einst in der IT-Branche und ist in Tent City 3 seit den Anfängen in den neunziger Jahren dabei.

Als der heute 51-jährige Dwight Simeon in diesem Quartier arbeitete, war von so grossen Tönen noch nichts zu hören. Er reparierte bis 2007 im Hafen des Lake Union die Jachten der Reichen. Zeitweise beschäftigte er in seinem kleinen Unternehmen bis zu fünfzehn Leute. Er besass ein tolles Auto und ein eigenes Haus. Doch dann begann die Finanzkrise, und die Reichen sparten bei ihren Jachten. Seine Einnahmen sanken dramatisch. Mit den Hypothekarzinszahlungen für sein Haus geriet er immer weiter in Rückstand. Schliesslich musste er es der Bank überlassen und ausziehen.

Heute lebt Simeon in der Obdachlosensiedlung Tent City 3 rund zehn Kilometer nördlich vom Lake Union. Nicht ohne Stolz führt er mich durch das Lager, das sich auf dem Gelände einer Methodistenkirche befindet. Die Wohnzelte für insgesamt rund hundert BewohnerInnen stehen zumeist auf alten Paletten eng beieinander. Daneben gibt es ein grosses Küchenzelt; ein seitlich offenes Aufenthaltszelt in der Mitte des Lagers, unter dem geraucht werden darf; ein TV-Zelt; ein Computerzelt; und auch ein Zelt, wo gespendete Kleider anprobiert werden können. «Alles wird hier von den Bewohnern selber organisiert», sagt Simeon. Das Lager ist völlig selbstverwaltet. Wer neu einziehen will, muss im ersten Monat in einem Gemeinschaftszelt zusammen mit anderen Neuen übernachten. «Nur wer sich in dieser Zeit bewährt, erhält danach ein Einzelzelt.» Simeon führt mich an den Rand des Lagers zur Kirche und zeigt gegen Norden. «Keine zehn Blocks von hier ist Bill Gates aufgewachsen», sagt er lachend.

Im Stadtteil South Lake Union gibt es ein sogenanntes Discovery Center von Vulcan, das über die Umgestaltung des Quartiers informiert. Noelle Smithhart schaut hier zum Rechten. In der Mitte des Ausstellungsraums steht ein Modell des geplanten Stadtteils, mit allen Häusern, die schon bald hier stehen sollen. «Das Modell ist überholt», räumt Smithhart ein. Die Stadt habe die Baurichtlinien angepasst, inzwischen dürfe weitaus höher gebaut werden als ursprünglich vorgesehen.

Unternehmen wie Vulcan, sogenannte Developer, planen und bauen in den USA ganze Stadtteile. Hinter Vulcan steht der Milliardär Paul Allen, der zusammen mit seinem Schulfreund Bill Gates die Softwarefirma Microsoft gründete. Wie Gates gehört Allen aktuell zu den reichsten Menschen auf der Welt. «Ursprünglich wollte Herr Allen hier einen grossen Park errichten», sagt Smithhart. Als die Stadt das Vorhaben jedoch ablehnte, habe er sich dazu entschlossen, im grossen Stil Grundstücke aufzukaufen und einen Gesamtplan mit Park, Wohn- und Geschäftsüberbauungen umzusetzen.

Allen sicherte sich in South Lake Union rund 24 Hektaren und konnte beim Bauvorhaben die Stadt für eine öffentlich-private Partnerschaft gewinnen. Er versprach Jobs und Wohnungen und war auch bereit, einen Teil der Kosten für die neue Strassenbahnlinie zu übernehmen. Ausserdem bot Allen Restaurants und Cafés günstige Mietpreise. Sie sollen zum speziellen Ambiente des Quartiers beitragen und nicht in erster Linie der Gewinnsteigerung des Vermieters dienen.

Das Vorhaben zahlt sich aus. 2012 verkaufte er Amazon mehrere Liegenschaften für rund 1,1 Milliarden US-Dollar, was in der Fachpresse als «Deal des Jahres» gefeiert wurde. Seither verfügt das Quartier über zwei Motoren. Denn mit Amazon gelang es Allen, ein Unternehmen in seinem Quartier anzusiedeln, das seine Vision teilt und tatkräftig umzusetzen hilft.

Geplantes Hauptquartier als Wahrzeichen

Amazon ist eine der weltweit grössten Internetfirmen. Längst verkauft das Unternehmen nicht nur Bücher, sondern ist zu einem umfassenden Onlineversandhändler und Medienhaus geworden, das mit einer ausgeklügelten Software die Vorlieben seiner KundInnen erfasst und diese mit gezielter Werbung eindeckt. Umstritten ist Amazon nicht nur deshalb, weil es mit seiner Marktmacht die Buchverlage unter Druck setzt und den Buchhandlungen mit Tiefpreisen das Leben erschwert. Immer wieder sind auch die Arbeitsbedingungen des Konzerns in seinen grossen Verteilzentren Gegenstand von Kritik. In Deutschland ist es deswegen schon mehrmals zu Streiks gekommen.

Mit seinem kreativ tätigen Personal in Seattle geht Amazon hingegen pfleglicher um. Für zehn Millionen US-Dollar erwarb sich Amazon von der Stadt Seattle das Recht, die Plätze zwischen den bereits bezogenen Bürohäusern chic zu gestalten. Die Firma bezahlte auch die Errichtung von Velospuren auf einzelnen Strassen von South Lake Union und den Bau einer Hundewiese. Denn Amazons Kreativen ist es erlaubt, ihre Vierbeiner an den Arbeitsplatz mitzunehmen. Doch wirklich Grosses plant Amazon am Nordrand von South Lake Union. Dort wird derzeit der neue Hauptsitz des Konzerns gebaut. Geplant sind drei 38-stöckige Türme und davor zwei grosse Glashäuser. Seattle bekommt dadurch ein neues Wahrzeichen. Zusammen mit einem weiteren Bauprojekt in South Lake Union, das erst kürzlich öffentlich gemacht wurde, wird Amazon in wenigen Jahren 35 000 Menschen im Stadtteil beschäftigen. All diese Leute müssen irgendwo wohnen. Entsprechend ist Seattle zur am schnellsten wachsenden Grossstadt der USA geworden. Die Stadtbehörden rechnen bis in zwanzig Jahren mit 120 000 zusätzlichen BewohnerInnen. Der Druck auf die bestehenden Mietpreise ist riesig. Allein im letzten Jahr sind die Mieten um 7,2 Prozent gestiegen. Der Preis für eine Eigentumswohnung oder ein Einfamilienhaus stieg innerhalb von zwei Jahren gar um ein Drittel.

Wer wie Dwight Simeon in Tent City 3 lebt, hat es umso schwerer, dort wieder wegzukommen. Wer zu wenig verdient, findet in dieser Stadt keine Bleibe mehr. Viele der BewohnerInnen des Lagers sind wie Simeon schon jahrelang obdachlos. Der amerikanische Traum scheint in Seattle jungen HochschulabsolventInnen vorbehalten.

Lantz Rowland gehörte früher auch zur «kreativen Klasse». Er ist hier so was wie das lebende Geschichtsbuch. Der 58-Jährige mit grosser Brille, langen grauen Haaren und Bart arbeitete jahrelang als Datenbankspezialist in der Computerbranche. Mitte der achtziger Jahre verlor er jedoch seinen Job. «Meine Arbeit wurde nach Indien ausgelagert», sagt er. Er war schon in den neunziger Jahren dabei, als das Zeltlager entstand. «Uns zeichnet aus, dass wir selbstorganisiert sind und alle drei Monate an einen anderen Ort ziehen», fasst Rowland das Modell von Tent City 3 zusammen. Es gehe um Obdach und um nichts anderes. «Wir brauchen hier keine Case-Manager, keine bezahlten Helfer.» Wenn jemand krank sei, so werde er zum Arzt geschickt. Entscheidend bei der Selbstorganisation sei die wöchentliche Sitzung. «Da wählen wir jeweils ein fünfköpfiges Exekutivkomitee.» Von diesen muss immer jemand im Lager anwesend sein und in Notfällen entscheiden können. Alle BewohnerInnen müssen bestimmte Aufgaben übernehmen, etwa Toiletten putzen oder Wache schieben. Wer seinen Dienst nicht macht, wird für mehrere Tage aus dem Lager ausgeschlossen. Ebenso wer Alkohol trinkt oder kifft. «Wir haben inzwischen ein dickes Regelwerk», sagt Simeon und zeigt einen ganzen Stapel Papier.

«Was wir hier machen, das gibt es seit Tausenden von Jahren», sagt Rowland: Die Leute im Lager helfen und schützen sich gegenseitig, damit alle überleben und in Ruhe und Sicherheit schlafen können. Gecampt wird auf Privatgrundstücken, meist von Kirchen. Alle drei Monate zieht das Zeltlager in ein anderes Quartier um. Man will niemandem zur Last fallen und hofft dafür, später wiederkommen zu dürfen. Tent City 3 ist Teil eines Netzes von weiteren selbstverwalteten Obdachlosenunterkünften in der ganzen Stadt; in ihnen leben insgesamt rund 500 Menschen.

Im Grossraum Seattle leben laut offiziellen Zählungen über 8800 Obdachlose. Für rund 2500 von ihnen fehlt es an Plätzen in Notunterkünften, Heimen und Zeltlagern. Trotz des wirtschaftlichen Booms der Stadt nimmt die Obdachlosigkeit nicht ab. Im Gegenteil, noch mehr Menschen droht der Abstieg. Angesichts der rasant steigenden Mieten und Preise reicht der Lohn besonders für die, die im Dienstleistungsgewerbe arbeiten – also etwa kochen, putzen, waschen oder pflegen –, immer weniger weit. Ein Viertel der städtischen Bevölkerung Seattles verdient weniger als fünfzehn Dollar pro Stunde. Wer arbeitslos wird oder psychisch nicht mithält, landet schnell auf der Strasse. Psychisch angeschlagene Personen erhalten zwar staatliche Unterstützung, doch eine Wohnung finden sie deshalb nicht.

Angesichts dieses sozialen Gefälles ist es kein Zufall, dass sich in Seattle in den letzten Monaten politisch einiges bewegt hat. So schaffte es eine breite Bewegung, angeführt von streikenden Fastfoodbeschäftigten, die Stadt dazu zu bewegen, den Mindestlohn für alle Beschäftigten in den nächsten Jahren schrittweise von 9,32 auf 15 Dollar anzuheben. Ausserdem wurde im November 2013 bei den Stadtratswahlen völlig überraschend eine Aktivistin der Mindestlohnkampagne, die Sozialistin Kshama Sawant, als eine von neun StadträtInnen gewählt (siehe das Interview mit Sawant).

Miniwohnungen als neuer Markt

Um der wachsenden Wohnungsnot in Seattle zu begegnen, wird derzeit von StadtentwicklerInnen das Konzept Microhousing propagiert. Neue Wohnblöcke mit Minimalstandards für Singles werden gebaut und dennoch ansehnliche Profite erwirtschaftet. Clay Showalter hat sechs Monate in einem Microhousing-Apartment gelebt. «Ich wollte da nicht einziehen, aber ich hatte keine andere Wahl», sagt er. Wegen einer neuen Arbeitsstelle brauchte er in Seattle eine Wohngelegenheit. Die Wohnfläche betrug 23 Quadratmeter. Er zahlte 750 Dollar pro Monat. Beim Einzug musste er unterschreiben, die mangelhaften Brandschutzeinrichtungen zu akzeptieren. Die Küche teilte er sich mit acht Parteien. Showalter unterschrieb einen Halbjahresvertrag. Inzwischen hat er einen Platz in einer Wohngemeinschaft gefunden und ist ausgezogen.

Auch Tent City 3 ist eine Art Microhousing – nur viel billiger. «Wir brauchen für die 100 Leute, die hier wohnen, rund 4000 Dollar im Monat», sagt Rowland. Das durch Spenden zusammengetragene Geld wird etwa für die Beschaffung von Bustickets gebraucht (von denen alle BewohnerInnen zwei pro Tag erhalten), für die Miete der mobilen Toiletten und für die Lastwagen, mit denen jeweils von einem Ort zum anderen umgezogen wird.

Dwight Simeon glaubt nicht, dass er sich in Seattle je wieder ein Haus oder nur schon eine Wohnung wird leisten können. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und bezieht zusätzlich Essensmarken vom Staat. Durch die Stadt bewegt er sich auf seinem Fahrrad oder per Bus. In Seattle hält ihn nur noch sein alter Hund, den er bei Bekannten untergebracht hat. Wenn das Tier stirbt, will er nach Florida ziehen. Dort sei das Leben viel billiger. Und dort will er auch versuchen, ein neues Geschäft aufzubauen.

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