Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Am ganzen Körper rütteln und das Gehirn aufreissen

Ein Extremist sucht die Essenz: Nach 25 Jahren hat der Schweizer Hardcoreperformer Joke Lanz sein Soloprojekt Sudden Infant in eine Band transformiert. Geblieben sind die Energie und Radikalität eines Mannes, der alles gibt.

Von Pirmin Bossart

Je mehr man ihn hört, desto deutlicher wird das Massive, das seine Musik besetzt. Die Sounds rütteln am Körper, Stimme und Text reissen das Gehirn auf. Sudden Infant, das ist Hardcore und Sensibilität, Abgrund und Menschlichkeit, Irritation und Klarheit. Das aktuelle Album «Wölfli’s Nightmare», produziert von Roli Mosimann (The Young Gods), steht wie ein Findling in der musikalischen Landschaft der herrschenden Harmlosigkeit.

Joke Lanz, geboren 1965 in Basel, hatte ein Urerlebnis, das seine Musik und sein ganzes künstlerisches Sein prägte: «Als ich dreizehn Jahre alt war, schoss sich mein Vater mit dem Sturmgewehr eine Kugel in den Kopf. Dieser Akt der Selbsttötung löst wohl eines der stärksten und brutalsten Gefühle aus, die man sich überhaupt vorstellen kann. Ich habe lange versucht, all dies zu verstehen. Um irgendwie darüber hinwegzukommen, musste ich in den Schmerz und in die körperliche Aktion hineingehen.» Der Nachhall dieser Katharsis tritt in einem Stück wie «Stairs» auf «Wölfli’s Nightmare» in beklemmender Intensität zutage.

Kinderzimmer als Klanglabor

Dynamik, Körperlichkeit, Emotionalität, Direktheit, Intuition: Das sind seine ästhetischen Leitlinien, die sich nicht zuletzt im musikalischen Material wiederfinden. «Mich interessieren Körpersounds», sagt Lanz, «Klänge, die von Menschen kommen. Emotional aufgeladene Stimmen, Lachen, Schmatzen, Stöhnen, sexuelle Sounds.» In den 25 Jahren seines Schaffens ist ein grosses Archiv an Klängen und Geräuschen entstanden, zu dem auch Material von befreundeten Musikern oder aus alten Schallplatten gehört. Sie bilden den Grundstock dessen, was Joke Lanz in all den Jahren montiert, geloopt, gefiltert und für seine Soundperformances eingesetzt hat.

Zehn Jahre nach dem Suizid seines Vaters wurde Lanz selber Vater eines Sohns. Auch dieser existenzielle Einschnitt formte seine Musik. Der draufgängerische Performer, der mit der Punk-Hardcore-Szene aufwuchs und sich im linksintellektuellen Underground bewegte, verliess seine damalige Band Jaywalker, um sich mehr der Familie widmen zu können. «Da ich trotzdem nicht ganz ohne Musik leben konnte, ist Sudden Infant entstanden. Bewaffnet mit Tape-Recordern, Modulatoren und Feedbacks, wurde das Wohn- und Kinderzimmer plötzlich zum Klanglabor und mein kleiner Sohn zum Mitmusiker und Inspirator.»

Die Unmittelbarkeit spielender Kinder hat ihn so stark beeinflusst wie die Punk- und Hardcore-Acts der ersten Stunde oder Industrial-Bands wie Throbbing Gristle und Einstürzende Neubauten. Diese elementare und intuitive Energie zeigt sich nicht nur bei Sudden Infant, sondern auch bei seinen Auftritten als Turntablist. Mit blitzschnellen Wechseln, Scratchen und Loopen von Vinylschallplatten generiert er Instantkompositionen, inspiriert von der Cut-up-Technik eines William S. Burroughs oder der britischen Avantgardeband Nurse with Wound.

Die offene Art, mit der sich Joke Lanz den Emotionen aussetzt, leuchtet auch in Ängste und Abgründe. Schrecknisse und andere extreme Gefühlslagen interessieren ihn. Er beobachtet, verarbeitet, sucht die Essenz. «Ich mag Aufzählungen, Wiederholungen und kleine Storys aus einer irrationalen Kinder- und Geisterwelt, die dann plötzlich explodieren können, textlich wie auch musikalisch.» Früher riss er sich bei Auftritten die Kleider vom Leib, verletzte zwischen Tape-Recordern seine nackte Haut und peinigte seinen Körper auf kalten Steinböden. «Da musste ich einfach durch, es war wie eine Therapie.»

Aber auch Abgründe sind der Erosion ausgesetzt. «Als die Punk- und New-Wave-Bewegung komplett kommerzialisiert wurde, war für mich klar: Es gibt nur noch Noise und Industrial, um musikalisch Dinge aufzureissen und tiefer zu graben.» Mittlerweile habe auch Noise viel von seiner Dringlichkeit verloren. Er beobachte fast schon eine Trendszene, die sich der Noise-Musik bediene, um exotisch zu wirken und irgendwie aufzufallen, sagt Lanz. «Aber da steckt fast nichts dahinter, keine Energie, keine Wut, keine klaren Aussagen.» Für ihn selbst hat sich die Notwendigkeit von Noise und der puren Provokation verflüchtigt. Er sagt: «Meine Musik ist vielseitiger geworden, aber auch unvorhersehbarer.»

An Tiefenschärfe gewonnen

Ob als Sudden Infant, als Turntablist oder in den sporadisch gewordenen Auftritten in der Performancegruppe Schimpfluch: Joke Lanz zerstört Erwartungen und Sicherheitsnetze, bricht auf, irritiert. Das gilt bis heute, wo sich die Parameter verschoben haben, wo er weniger Klangkunst macht, stärker Geschichten erzählt und Geräusche und Loops nur noch sehr gezielt verwendet. Er sucht nicht mehr auf Biegen und Brechen das Extreme, sondern konzentriert sich darauf, seinen eigenen Ausdruck so zu fokussieren, dass Leute berührt werden.

Noch immer geht die Musik von Joke Lanz direkt unter die Haut. Sie mag eine Dosis subtiler geworden sein, aber sie wirkt umso nachhaltiger, hat Tiefenschärfe gewonnen. Das langjährige, einsame und aufwühlende Soloprojekt Sudden Infant hat Lanz zum Trio mit Christian Weber (Bass) und Alexandre Babel (Drums) transformiert. «Ich bin nicht der Frontmann, alle sind gleichberechtigt.» Er speist die Band weiterhin mit seinen Ideen. Aber jetzt arbeitet er sozusagen mit lebendigem Material, interagiert mit zwei herausragenden Instrumentalisten, kann Sounds und Rhythmen delegieren und sich stärker denn je auf den Moment konzentrieren, in dem er die Stimme durch die Mikrofone jagt und in physischer Intensität seine Texte formt.

Diesen Oktober sind Sudden Infant mit «Wölfli’s Nightmare» in halb Europa unterwegs. Bei den vier Gigs in England treten sie mit den Spoken-Word-Punks von Sleaford Mods (siehe WOZ Nr. 21/14) auf, unter anderem im legendären «100 Club» an der Oxford Street in London, wo beide Auftritte schon ausverkauft sind. Joke Lanz stehen die Türen weiter offen als so mancher gehypter Indieband – nur dass er damit nicht die Massenmedien beschallt.

Joke Lanz, der seit Jahren in Berlin lebt und arbeitet, hat neue Facetten seiner Ausdrucksweise entwickelt, aber er ist heftig und wahrhaftig geblieben. Seine Konzerte machen das spürbar: «Ein Auftritt hat für mich heute noch etwas Ultimatives, etwas Abschliessendes. Als wäre es mein letzter Moment im Leben.»

Sudden Infant: «Wölfli’s Nightmare». Voodoo Rhythm Records.

Konzerte in der Schweiz: Freitag, 21. November 2014, Dampfzentrale Bern (Sudden Infant); Freitag, 28. November 2014, Cave 12, Genf (Joke Lanz & Mat Pogo). www.suddeninfant.com

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