Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Kinderleichter Knochenjob

Regina Stauffer ist seit 36 Jahren Kindergärtnerin in Zürich. Die Arbeit ist in dieser Zeit anspruchsvoller geworden, der Lohn aber stagnierte. Nun wird beim Kanton Klage eingereicht, damit die Lohndiskriminierung ein Ende nimmt. Ein Besuch in Stauffers Kindergarten.

Von Nina Kunz (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

Regina Stauffer: «Zum Job gehört mehr als ein bisschen Singen und Geschichtenerzählen.»

«Ich bin keine Basteltante.» Regina Stauffer will nicht dem Klischee einer Kindergärtnerin entsprechen. Sie spricht ein zackiges Zürichdeutsch, ihre Stimme erinnert an Marlene Dietrich, und ihre «ch» kratzen, wenn sie die Kinder auffordert, in den «Chreis» zu sitzen. Es ist noch früh, aber die Vier- und Fünfjährigen sind bereits hellwach. Acht Kinder belagern Stauffer: «Sie, ich bin fertig!» – «Sie, kann ich spielen gehen?» – «Sie, kannst du mir helfen?» Das Telefon klingelt. Stauffer muss drei Mal nachfragen, wer am Apparat ist, so laut ist es kurz vor 9 Uhr im Kindergarten.

Kleine Becher, winzige Stühle und niedrige Tische: Im Zimmer spielen 23 Kinder, die Stauffer zu keiner Zeit aus den Augen lassen darf. «Die Arbeit ist strenger geworden, seit ich angefangen habe.» Sie klagt nicht, sie stellt fest. Stauffer, so hat man den Eindruck, vermag nichts aus der Ruhe zu bringen. Nur so ist zu erklären, wie sie alle ihre Engagements bewältigen kann: Nach Feierabend jätet sie den Schülergarten, sie betreut den SchülerInnenrat, unterrichtet Deutsch als Zweitsprache, wurde zur Konventspräsidentin des Schulkreises Zürichberg gewählt und ist, wenn sie nicht im Kindergarten arbeitet, Vizepräsidentin der Gewerkschaft VPOD Schweiz.

Klischee der Basteltante

Eigentlich hätte Stauffer Grafikerin werden wollen, aber nur der Kindergarten war ihr vielseitig genug. Hier könne sie sich kreativ ausleben und werde gleichzeitig intellektuell gefordert, sagt Stauffer. «Zum Job gehört mehr als ein bisschen Singen und Geschichtenerzählen.» Das Klischee der Basteltante halte sich hartnäckig, daher habe sie sich nie lieblich gegeben und sei immer bestimmt aufgetreten, wenn ihr etwas nicht passte. Aus diesem Grund würden die Kindergärtnerinnen heute ernster genommen. Früher kam es vor, dass die Lehrerinnen des angegliederten Schulhauses vergassen, die Kindergärtnerinnen an die gemeinsamen Sitzungen einzuladen. So wurden beispielsweise ohne ihr Beisein neue Schulregeln beschlossen. Heute passiere dies nicht mehr.

Auch wenn sie nicht sanft spricht, sondern bestimmt – bei den Kindern ist Stauffer beliebt. Fragt man, ob sie gerne hierherkommen, sagen alle: «Ja!», und begründen sogleich: «Weil sie schön singen kann.»

Als Stauffer 1978 anfing, als Kindergärtnerin zu arbeiten, «war vieles weniger kompliziert». In den letzten dreissig Jahren wurde der Beruf aufgewertet, weil sich der Kindergarten immer mehr der Schule annäherte und es nun einen Lehrplan zu verfolgen gilt. Aber mit den zusätzlichen Kompetenzen wurde der Job auch anspruchsvoller.

Heute gebe es zudem mehr Unsicherheiten bei den Eltern als früher, sagt Stauffer, da es bei der Erziehung keine klaren Normen mehr gebe: «Viele Mütter und Väter wollen am Morgen etwas besprechen, wenn sie die Kinder bringen. Oder sie melden sich per Mail oder rufen an. Diese Gespräche sind wichtig, brauchen aber Zeit.»

Mehr Stress

Es sei auch schwieriger geworden, die Kinder zu begeistern. «Noch vor zehn Jahren fanden die Kinder zu allem ‹Jeeeh!›.» Stauffer hat den Eindruck, die Generation von heute habe schon alles gesehen. Die Klasse an diesem Morgen bestätigt dies. Auf den Stühlchen im «Chreis» sitzen KosmopolitInnen. Die Kinder sollen erzählen, wo sie in den Ferien waren: «Ich war in Moskau.» – «Ich war auf Mallorca.» – «Ich auch.»

Stauffer setzt sich seit zwanzig Jahren für gerechtere Arbeitsbedingungen ein. Ihre Anstrengungen begannen in den neunziger Jahren, als die Löhne des Staatspersonals neu ausgehandelt wurden. Die KindergärtnerInnen wurden damals eine Lohnklasse tiefer eingestuft als die PrimarlehrerInnen. Damit nicht genug. Der Kanton argumentierte, die Lehrpersonen im Kindergarten würden nicht Vollzeit arbeiten, daher sei ihnen nur achtzig Prozent des vorgesehenen Lohns auszuzahlen. Stauffer klagte mit acht anderen Frauen gegen diesen Entscheid. «Mit dem Urteil waren wir nur teilweise zufrieden.» Der Prozentsatz wurde auf 87 gehoben – so ist er noch heute. Konkret bedeutet das: Stauffer erhält für ein Sechzigprozentpensum rund 4500 Franken.

Nun klagen die KindergärtnerInnen erneut. Stauffer tritt diesmal nicht als Einzelklägerin auf, sondern als VPOD-Vertreterin. Das Ziel ist, für hundert Prozent Arbeit auch hundert Prozent Lohn zu erhalten: «Wir haben bessere Karten als damals.» Studien haben ergeben, dass sich die Arbeitszeiten von Kindergarten- und PrimarlehrerInnen immer mehr annähern, daher, so die Argumentation der AnwältInnen, sollte auch der Lohn angeglichen werden.

Die Motivation für die Klage sei nicht nur praktischer Natur. «Ich fühle mich einfach herausgefordert von Sätzen wie ‹Das ist jetzt halt so›.» Zudem sei Kindergärtnerin trotz allem ihr Traumberuf. «Ich will nicht darauf verzichten zuzusehen, wie die Kinder Fortschritte machen. Das ist das Schönste an meinem Job.» Es scheint, als lernten Vierjährige schneller als die Politik.

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