Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Verselbstständigtes Spiegelbild

Von Silvia Süess

In der Kurzgeschichte «Tod durch Landschaft» (1991) erzählt die kanadische Autorin Margaret Atwood die Geschichte zweier dreizehnjähriger Mädchen, die während eines Camps in Kanada auf eine Klippe hinaufklettern. Zurück kommt nur noch eine der beiden. Noch als erwachsene Frau leidet diese unter Schuldgefühlen, auch wenn sie nicht am Tod ihrer Freundin beteiligt war. Und dann ist noch etwas anderes: «Sie war oft müde, als lebte sie nicht nur ein Leben, sondern zwei. Ihr eigenes und ein anderes, schattenhaftes Leben, das um sie herumschwebte.»

Auch in Andrea Stakas neuem Film «Cure. The Life of Another» steigen zwei Freundinnen durch den Wald auf einen Hügel und blicken von einer Klippe hinunter aufs Meer – zurück kommt nur eine der beiden. Auch diese hat Schuldgefühle und hadert mit ihrer eigenen Identität. Wie kann das eigene Leben nach dem Tod der Freundin weitergehen?

Nicht Atwoods Kurzgeschichte hat Staka zu ihrem Film inspiriert, sondern eine wahre Geschichte, die ihr ihre Cousine in Dubrovnik erzählte (siehe WOZ Nr. 32/14). Der Film spielt in Dubrovnik im Jahr 1993, rund um die Stadt wird gekämpft. Wie ein Gespenst wandelt Linda (Sylvie Marinkovic) nach dem Tod ihrer Freundin Eta (Lucia Radulovic) durch die leeren Gassen. Erst vor kurzem ist sie mit ihrem Vater aus der Schweiz zurück nach Kroatien gekommen. Sie ist eine Fremde hier und kommt sich langsam selbst abhanden. Sie liest Etas Tagebücher, trifft deren Jugendfreund und spielt schliesslich das unheimliche Spiel von Etas Grossmutter (Mirjana Karanovic) mit, die Linda kurzerhand zu Eta macht.

«Cure» ist streckenweise fast ein Horrorfilm: wenn die tote Eta Linda erscheint und Forderungen stellt, wenn sich Lindas Spiegelbild verselbstständigt oder wenn Etas Grossmutter in ihrer engen, düsteren Wohnung die Fäden um Lindas Leben spannt. Doch die Spannung, die aufgebaut wird, vermag sich nicht durch den ganzen Film zu ziehen, und so plätschert dieser zwischendurch etwas vor sich hin.

Siehe auch das Monatsinterview mit Andrea Staka aus den WOZ-Nummern 35–39/06.

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