Nr. 45/2014 vom 06.11.2014

«Keiner fragte nach Geld»

Zusammengehörigkeitsgefühl, Kinderkrippen, Polikliniken und die Überzeugung, für eine bessere Welt einzustehen – vier Ostdeutsche, die in der Schweiz leben, erzählen, warum für sie die DDR nicht einfach ein Unrechtsstaat war.

Von Susan Boos (Text) und andreas Bodmer (Fotos)

Am 9. November vor 25 Jahren öffnete die Führung der DDR überraschend die Grenze, und die Ostdeutschen konnten ungehindert in den Westen fahren. In der Folge kam es zur sogenannten «Wiedervereinigung», die DDR ging unter, und Ostdeutschland wurde zu einem Teil der Bundesrepublik. In den Medien wird meist nur über den «Unrechtsstaat DDR» geschrieben. Viele Ostdeutsche sehen sich aber nicht nur als Opfer.

Die WOZ hat mit Frauen und Männern aus der ehemaligen DDR, die seit Jahren in der Schweiz leben, über ihre persönliche DDR-Wahrnehmung gesprochen. Mandy Jahn berichtet, wie sie den sozialistischen Alltag wahrnahm, Reiner Kaufmann erzählt, weshalb er in die Schweiz kam und hier einen Ossishop eröffnete, Suse Bachmann erklärt, weshalb es so schwierig ist, über die DDR-Geschichte zu sprechen, und Manfred Heim* berichtet, warum ihn der Sozialismus überzeugte und es riskant sein kann, offen darüber zu reden.

Mandy Jahn (38), 
Ergotherapeutin und Weberin, lebt bei Bern

Klar haben wir Westmusik gehört, Modern Talking war mir ein Begriff. Meine Oma hatte mir auf dem Schwarzmarkt eine Kassette gekauft. Wir sind in den Zoo gegangen, auf den Bänken sassen Leute, die Sachen verkauften. Da gab es tolle Lutscher, Jeans und selbst aufgenommene Kassetten. Als Kind fand ich diesen Markt völlig normal. Erst später habe ich realisiert: Ah, das war ja der Schwarzmarkt, der war toleriert worden.

Meine Mutter hat in der Reinigung gearbeitet, mein Vater auf dem Bau, ich stamme aus einer klassischen Arbeiterfamilie. Aufgewachsen bin ich ganz behütet und gemütlich in der Nähe von Torgau bei Leipzig.

Im Sozialismus war «Arbeitslosigkeit» ein Traumawort, deshalb lernte ich nach dem Fall der Mauer einen Beruf, der Zukunft versprach, und wurde Vermessungstechnikerin.

Doch die Arbeit gefiel mir gar nicht, und so wurde ich Ergotherapeutin. Über eine Freundin bin ich vor etwa zehn Jahren in der Schweiz gelandet, eigentlich sollte es nur ein halbjähriges Praktikum sein. Aber ich blieb hängen, ging zur Alp und lernte zum Sozialen noch das Handwerk der Weberin. Heute arbeite ich in einer anthroposophischen Institution in der Nähe von Bern.

Was speziell war an der DDR? Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, das wir hatten – das hat mir gefallen. Das gibt es in so einer Form nicht mehr. Das war klar auch staatlich gemacht, aber darüber habe ich erst später nachgedacht. Wir mussten als Kinder an verschiedenen Aktivitäten teilnehmen. Ich konnte selber wählen, was ich machen wollte. Ich entschied mich für Sport und habe eine Leichtathletikkarriere hinter mir. Meistens trainierte ich zweimal die Woche, ich mochte es.

Als Kind oder Jugendliche hinterfragte ich die Sachen nicht, das kam erst später. Anstösse habe ich aber schon bekommen, und da bin ich heute noch froh drum. Ab einem gewissen Alter bekam man automatisch die «Junge Welt» zugestellt, die Zeitung gibt es heute noch. Die habe ich immer gelesen. Das war selbstverständlich, inhaltlich kann ich allerdings nichts mehr dazu sagen.

An den Tag, nachdem die Grenze aufgegangen war, kann ich mich gut erinnern: Es war ein Samstag, wir mussten zur Schule, ich ging hin, aber sonst war kaum einer da, weil alle rübergefahren waren. Die Lehrerin hat das mit keinem Wort erwähnt. Das fand ich schon seltsam.

Was wirklich los war, habe ich damals nicht realisiert. Was ich aber bemerkte: Plötzlich waren die Läden bunt. Ich fand es schon komisch, dass die Produkte, die wir vorher hatten, plötzlich nicht mehr gut sein sollten.

Später habe ich viel gelesen über die DDR und die Wende. Und es packt mich immer wieder, etwas über den Osten zu lesen, um mir Denkanstösse zu geben.

Ich habe vermutlich einen romantisierenden Blick auf die Zeit, meine Eltern würden es sicher anders beschreiben. Mein Vater war 1969 das erste Mal im Westen, weil er drüben Geschwister hatte. Er ist zurückgekommen und hat zu meiner Mutter gesagt: «Wir müssen hier weg!» Meine Mutter hat geheult und gesagt: «Mich kriegst du nicht weg.» Da musste er halt bleiben.

Die DDR als Unrechtsstaat? Ich würde das mit meinen Erfahrungen nicht so bezeichnen. Es gab viele Leute, die Unrecht erlebt haben, das ist klar. Das ganze Sozialsystem war aber gut, das höre ich heute viele Ostdeutsche sagen. Ich habe das Gefühl, nach der Wende haben das noch nicht viele Menschen so gesehen, doch mit der Zeit konnte sich der Blick auf das Erlebte vielleicht auch ändern. Damals wollten viele einfach zum Westen gehören, und jetzt merken wir, da war doch einiges, was wir hatten, ganz gut.

Manfred Heim (55), 
Physiker, lebt bei Zürich

Zu meiner Person möchte ich nicht viel sagen. Ich habe in der DDR eine fantastische Ausbildung genossen, ohne diese hätte ich die sehr gut bezahlte Kaderstelle, die ich heute in der Schweiz innehabe, nie bekommen. Vermutlich würde ich mir Schwierigkeiten einhandeln, wenn man wüsste, was ich über den Sozialismus denke. Also rede ich nicht darüber.

Den Fall der Mauer empfand ich als Befreiung. Diese ständige Rotlichtbestrahlung, diese ewigen Politlehrgänge habe ich gehasst, weil ich sowieso davon überzeugt war. Zudem waren sie stinklangweilig.

Für mich als Jugendlichen war es stimmig, was man uns gelehrt hat: Es geht darum, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beseitigen. Wenn nun ein Staat Mittel ergreift, um dieses hehre Ziel zu erreichen, kann das kein Unrechtsstaat sein.

Dass der Kapitalismus im Westen gar nicht rein kapitalistisch funktionierte, sondern durch viele Kontrollfunktionen des Staats aufgeweicht worden war, hatte ich damals nicht gewusst. Etwas, was heute durch die neoliberalen Entwicklungen auch wieder rückgängig gemacht wird.

In der DDR-Verfassung stand: Jeder hat ein Recht auf Arbeit und ein Recht auf Wohnraum. Das sind doch Elemente positiver Rechtsstaatlichkeit. Das steht in der Verfassung der Bundesrepublik so nicht drin – ist sie deswegen ein Unrechtsstaat?

Natürlich war es übel, dass Leute wegen ihrer Äusserungen verhaftet oder Menschen an der Grenze erschossen wurden. Es war völlig abstrus, das Volk einzumauern. Das hatte mit dem Grundgedanken der DDR aber nichts zu tun.

Die DDR hatte einen schweren Start. Im Osten gab es kein Ruhrgebiet, keine Steinkohle, kein Eisenerz, nur Kupfer von schlechter Qualität und Braunkohle. Im Westen gab es den Marshallplan, die USA pumpten Unsummen in den Wiederaufbau. Im Osten passierte genau das Gegenteil: Die DDR musste der UdSSR Reparationszahlungen leisten, noch halbwegs funktionierende Fabriken haben sie demontiert und abtransportiert.

Für mich ist nach wie vor interessant, dass die Bundesrepublik vor der DDR gegründet wurde. Daraus kann ich nicht erkennen, dass die Spaltung Deutschlands vom Osten ausging, rein chronologisch betrachtet.

In einem Punkt reagiere ich sehr sensibel: Wenn die DDR mit dem «Dritten Reich» gleichgesetzt wird, das sehe ich überhaupt nicht. Der Faschismus hat Millionen von Menschen umgebracht und war selbst gegen Mitläufer repressiv.

Das war in der DDR anders. Du musstest dich massiv exponieren und sagen: «Diesen Staat bekämpfe ich» – dann wurdest du bekämpft. Wenn man aber wie ich ein bisschen blöd-naiv war, konnte man sich mit den Ideen dieses Staats identifizieren, ohne danach ein megaschlechtes Gewissen zu haben.

Aus meiner Sicht bestand die DDR-Führung aus Kleinbürgern, die es nicht richtig konnten. Sie hatten einen wunderbaren Ansatz und haben ihn zugrunde gerichtet.

Irgendwann in den siebziger Jahren, ich war noch in der Schule, habe ich gemerkt: Die haben keine Ahnung von Ökonomie.

Die Ware-Geld-Beziehung war ausgehebelt. Der Staat schrieb den Brotpreis vor, der Bäcker erhielt ein Gehalt und hatte kein Interesse, gute Brötchen zu backen.

In der Wirtschaft muss die Ware-Geld-Beziehung stimmen, das steht schon bei Lenin. Die DDR hat das missachtet. Es gab zwei Sorten von Geld: die Mark und Bilanzen. Mit der Mark konntest du dir etwas zu essen kaufen. Deshalb hiess sie liebevoll «Essensmarke».

Damit bekam man aber keine Drehbank, keine Bohrmaschine, kein Baumaterial – da brauchte man Bilanzen. «Bilanz» bedeutet, es muss eingeplant sein, dass ein DDR-Werk für dich herstellt, was du haben möchtest. Im Kapitalismus gehst du in den Baumarkt und kaufst dir, was du brauchst.

Vielleicht war der Fehler der frühen Kommunisten, dass sie zwanghaft an die Revolution glaubten, mit Köpferollen und so – was oben war, kommt nach unten. Wir hatten einen Witz: Vor der Revolution in der DDR gab es die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, jetzt ist es genau umgekehrt.

Vielleicht hätten wir etwas anderes entwickeln müssen als diese dämliche Revolution. Wenn man liest, was Marx zum Schluss geschrieben hat: Wir müssen alles so machen wie im Kapitalismus, es braucht einen Eigentümer der Produktionsmittel, dann gibt es die variablen Kosten und die Arbeitskraft – und daraus entsteht dann Mehrwert. Der einzige Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus ist die Aufteilung des Mehrwerts. Der Kapitalist nimmt so viel vom Mehrwert, wie er will, und investiert den Rest in den Betrieb. Diese Aufteilung muss das Volk in die Hand nehmen. Es soll entscheiden, wie der Mehrwert zu verteilen ist – an Kindergärten, Spitäler, Schulen oder was auch immer.

Ich bin der Meinung, dass kollektives Privateigentum in Form von Genossenschaften ein guter Weg sein könnte.

Man kann den Kommunismus als Konzept nicht wegdiskutieren – er hat dummerweise immer zum Stalinismus geführt. Aber man kann daraus bestimmte Elemente schöpfen.

Es wäre pervers, das gigantische Unternehmen jetzt dem Vergessen anheimzugeben oder es nur noch als abschreckendes Beispiel zu nehmen. Das kann es nicht gewesen sein. Der Kommunismus hatte Anhänger, insbesondere bei der Intelligenz. Die hat gesehen, dass es Schwierigkeiten mit dem Kapitalismus gab – und die gibt es heute noch.

Reiner Kaufmann (64), 
Ossishopbetreiber, lebte bis Oktober in Graubünden

Ich hatte in meinem Leben mehrere Berufe. Zuerst lernte ich Bäcker, dann Mechaniker. Nach der Wende wurde ich Versicherungsfachmann.

Vor zehn Jahren bin ich in die Schweiz gekommen. Vorher hatte ich in Meiningen in Ostdeutschland noch eine Bowlingbahn. Ich bin dort aufgewachsen, das ist westlich von Erfurt. Die Bowlingbahn lief am Anfang gut. Doch dann wurde der Euro eingeführt, und es wurde schwierig. Die Arbeitslosen hatten schon am Dritten oder Vierten des Monats kein Geld mehr, die anderen wurden Mitte des Monats klamm. Da musste ich die Bowlingbahn schliessen.

Als ich zum Landratsamt ging, um Sozialhilfe zu beantragen, war der Flur voll mit Leuten, die alle Sozialhilfe wollten. Ich war damals 54 und mopsfidel, da war für mich klar: Das muss ich mir nicht antun.

In die Schweiz kam ich über eine Bekannte meiner Frau. Zuerst habe ich in einem Hotel in Davos als sogenannter Allrounder gearbeitet. Später übernahm ich in Rothenbrunnen einen kleinen Dorfladen mit Bistro. Darin habe ich auch einen Ossishop eingerichtet und verschiedene DDR-Produkte angeboten. Ich wusste, dass es in Graubünden viele Ossis gibt, so um die 6000, wie ich gehört hatte.

Am besten gingen Thüringer Bratwürste, Born-Senf und Köstritzer Schwarzbier. Bei den Sachsen waren es der Bautzner Senf sowie Wernesgrüner, Hasseröder oder Radeberger Bier. Das Geschäft lief sehr gut, aber leider haben sie mir das Lokal gekündigt. Ich habe nichts gefunden, was ich zu einem vernünftigen Preis hätte mieten können. Jetzt muss ich gehen. Freiwillig tu ich das nicht, aber ich will nicht mit Polizeibegleitung aus dem Land geführt werden.

Wie das war mit der DDR? Ein Normalbürger, der nicht ausreisen wollte oder so, der hat von der Stasi nichts mitbekommen. Ich habe bei der Robotron gearbeitet, die unter anderem Rechner hergestellt hat. Da gab es drei bis vier informelle Mitarbeiter, die für die Stasi gearbeitet haben. Man kannte die, das war kein Geheimnis. Die haben auch keinen Hehl daraus gemacht. Wir dachten, das muss so sein, jedes Land hat seinen Geheimdienst.

Für mich war es kein Unrechtsstaat, mir hat er nichts getan. Im Gegenteil: Vieles, was in Westdeutschland heute eingeführt wird, hatten wir schon – wie zum Beispiel die Tagesschulen oder die Kinderkrippen. Die Kinder waren rundum betreut, die Frauen und die Männer arbeiteten, das war normal. Oder auch die Polikliniken. Heute sagen sie Ärztehaus dazu, wo verschiedene Fachärzte an einem Ort sind. Wir hatten das längst.

Aber alles, was wir hatten, ist nach der Wende verteufelt worden – das war eine Katastrophe.

Was ich nach der Wende am meisten vermisst habe? Die Kameradschaft, die ging ganz schnell weg. Sofort hiess es: «Ich mach was für dich – aber was zahlst du dafür?» Das war zu DDR-Zeiten nicht so. Wenn einer ein Haus gebaut hat, hat er seine Kumpels gefragt, ob sie ihm helfen. Wer Zeit hatte, hat geholfen, und zum Dank gab es Bier und Wurst. So war das. Keiner hat nach Geld gefragt.

Gereist sind wir nicht viel. Wir hätten nach Rumänien oder Bulgarien fahren können, doch das war uns irgendwie zu weit. Wir fuhren meistens in die Tschechoslowakei an einen See nahe der österreichischen Grenze. Da traf man im Sommer immer wieder dieselben Leuten, das war schön.

Ich gehe jetzt zurück in den Thüringer Wald und übernehme da ein kleines Bistro. Ich hoffe, es klappt.

Die Schweizer sagen, die Deutschen machten uns die Löhne kaputt. Das stimmt, für uns sind 3600 Franken viel Geld. Wenn einer von uns sagen würde, er mache den Job nur für 5000 Franken, nimmt der Personalchef den Nächsten. Die Unternehmer sind stinknormale Kapitalisten und nicht die Heilsarmee. Aber hier, scheint mir, macht sich kaum einer einen Kopf darüber, solange es ihn nicht selber betrifft.

Suse Bachmann (37), 
Soziologin, lebt bei Bern

Der Osten ist nicht gut, da will ich weg – das war so mein Gefühl als Jugendliche. Den Westdeutschen wurde zugeschrieben, sie seien eloquent, sie wüssten sich darzustellen. Heute würde ich das kritischer beschreiben: Im Kapitalismus muss man sich als Person selber optimieren – und zwar in allen Bereichen, vom Körper über die Kleidung bis zum Sprachgebrauch.

Auch im Osten wollte man gut aussehen, aber es gab nicht so viele Konsumobjekte wie Jeans oder T-Shirts, die als modisch galten – es war aber auch nicht so wichtig.

Meine Eltern waren beide voll berufstätig. Beide hatten Bauingenieur studiert und waren ganz zufrieden mit ihrem Leben. Meine Mutter hat als Informatikerin gearbeitet, mein Vater in einer LPG, einer grossen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Dann kam die sogenannte Wende, plötzlich waren ihre Berufe nichts mehr wert. Sie mussten sich umorientieren und sind recht hart aufgeschlagen. Sie hatten grosse Mühe, Arbeit zu finden. Viele top ausgebildete Leute hat es brutal erwischt. Überall in Ostdeutschland begegnet man Leuten, die sich irgendwie durchwursteln müssen.

Ich studierte dann in Bielefeld Soziologie. Kürzlich habe ich an der Uni Bern meine Dissertation abgeschlossen.

Was mir zum Thema DDR auffällt: Die ostdeutsche Geschichte kommt nicht vor. Wenn ich die Zeitung aufschlage, und da steht: «deutsche Geschichte», ist immer die westdeutsche gemeint. Geht es in einem Beitrag um die Achtundsechzigerbewegung in Deutschland, dann geht es um 1968 in Westdeutschland. Meine Geschichte kommt nur als Sondergeschichte vor, die normale Geschichte ist die der Westdeutschen. Es gibt nur die Geschichte der Gewinner, es ist eine Machtgeschichte.

Und wenn man schaut, wie die Geschichte der DDR dargestellt wird, dann ist es oft eine Leidensgeschichte. Als Teenager konnten wir es nicht mehr hören. Wir hatten den Spruch: «Ja, ja, vierzig Jahre haben wir gelitten.»

Wenn jemand sagt, es habe noch anderes, Gutes in der DDR gegeben, dann wird das in Westdeutschland als Ideologie und Parteinahme empfunden. Das macht es schwierig, überhaupt darüber zu reden. Zum Beispiel, dass Lebensmittel und Bücher so günstig waren. Oder dass es keine Werbung im öffentlichen Raum gab.

Die Bespitzelungen habe ich nicht mitbekommen, dafür war ich zu klein. Für meine Eltern war das zum Teil traumatisch. Sie würden sicher auch anders über die DDR-Zeit reden als ich.

Meine persönlichen DDR-Erinnerungen, das sind viele sinnliche Sachen. Die Schokoriegel, ihre Namen, wie sie verpackt waren. Was halt das Leben ausmacht. Ich habe die DDR-Zeit nicht als entbehrungsreiche, in Fetzen gekleidete Zeit erlebt.

Von westdeutschen Kommilitoninnen und Kommilitonen wurde ich immer mal wieder mitleidig gefragt, wie das denn war mit dem Hunger. Da gab es wohl im Westen eine starke Ideologisierung, dass wir als so bemitleidenswert galten.

Wir haben auch Ideologisierung erlebt. Es gab Parteiparolen, aber wir haben das nicht so ernst genommen. Bestimmte Werte haben mich aber sehr geprägt. Frieden auf der ganzen Welt und soziale Gerechtigkeit – das war in der Schule ganz wichtig und ständig ein Thema. Wir haben in der Klasse für Kinder in Nicaragua gesammelt oder Friedenstauben gebastelt. Widerstandskämpfer und -kämpferinnen, die mit dem Fallschirm abgesprungen sind, um gegen die Faschisten zu kämpfen, das waren die Helden meiner Kindheit. So wollte ich sein.

Ich hatte Panik vor der Vorstellung, dass der Imperialismus kommt, dann werden wir alle arbeitslos, dann wird es ganz schlecht. Und genau das ist ja auch passiert. (lacht)

*Name geändert.

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