Nr. 50/2014 vom 11.12.2014

Die Wissenschaft muss aus dem Alltag kommen

Der Wissenschaftstheoretiker Peter Finke will die nicht professionelle Forschung entscheidend aufwerten. Seines Erachtens müssten LaiInnen die Expertokratie kontrollieren.

Von Martin Ebner

Schmetterlingssammlerinnen, Heimatforscher und Hobbyarchäologinnen werden in der Öffentlichkeit selten gewürdigt, manchmal belächelt, meist einfach ignoriert. Peter Finke stört diese «Missachtung des Wissens der Bürger». Finke war Professor für Wissenschaftstheorie an der Universität Bielefeld, bis er 2006 aus Protest gegen die Bolognareform zurücktrat. Er sieht in der «Selbstbeschränkung auf meist einfache, lokal oder regional geerdete Forschung» keinen Qualitätsmangel, sondern er verspricht sich davon im Gegenteil «Einsicht, Lebensnähe und Praxisbezug». In seinem Buch «Citizen Science» plädiert er dafür, «unser überhöhtes Wissenschaftsbild abzurüsten»: Wissenschaft beginne im normalen Leben, nicht erst an Universitäten und Instituten.

Rund zehn Jahre lang hat Finke zu wissenschaftlichen Vereinen und Bürgerinitiativen geforscht und Privatgelehrte befragt. Er nennt ihre Aktivitäten Citizen Science, weil er deutsche Bezeichnungen wie «Bürgerwissenschaft», «Laienforschung», «Wissenschaftsamateure» oder gar «Dilettanten» problematisch findet. Genau definieren lasse sich der Begriff nicht – «Citizen Science ist eine spannende, kreative, amphibische Zone zwischen Alltagswissen und Profitum.»

Die Grenzen verschwimmen schon aus technischen Gründen: Bücher wandern aus den Universitätsbibliotheken ins Internet; Laborausrüstungen, Metallsonden und andere Instrumente werden erschwinglicher. Interessierte LaiInnen haben immer öfter Zugriff auf fast die gleichen Ausgangsdaten und Arbeitsgeräte, die auch den professionell Forschenden zur Verfügung stehen.

Aufklärungs- und Widerstandsgeist

Neugierige BürgerInnen zählt Finke am häufigsten in den Bereichen Biologie und Ökologie. NaturschützerInnen kartieren zum Beispiel seltene Tiere oder Pflanzen. In Physik und Chemie haben Privatleute dagegen nur in der Anfangszeit eine wichtige Rolle gespielt; mittlerweile sind in diesen Disziplinen die Hürden sehr hoch. Heute würden eher technische Anwendungen den «Aufklärungs- und Widerstandsgeist beflügeln», konstatiert Finke: Viele GegnerInnen von Kernkraft und Gentechnik hätten sich eine bewundernswerte Sachkenntnis angeeignet.

In den Sprach-, Kultur- und Sozialwissenschaften beackern LaiInnen gerne Gebiete, die von den Profis vernachlässigt werden, etwa Anliegen von MigrantInnen und anderen Minderheiten, Regionalgeschichte oder auch Alternativen zu den Wachstumsideen der Standardökonomie. Die Frauenbewegung, so Finke, habe bemerkenswerte Erkenntnisse hervorgebracht, zum Beispiel zur ökonomischen Bedeutung von Hausarbeit. Und Bürgerinitiativen arbeiteten sich oft intensiv in die Hintergründe der von ihnen aufgegriffenen Probleme ein. Die «Erfahrung der vor Ort betroffenen Menschen» sei wertvoll: «Immer wieder zeigen falsch angepackte Grossprojekte, dass die Unterschätzung des Laienwissens durch Experten und Politiker unklug ist und teuer wird.»

Hilfe aus der Bevölkerung

Besonders in den USA und in Britannien wird zunehmend versucht, LaiInnen an akademischer Forschung zu beteiligen. Im Internetprojekt «Galaxy Zoo» zum Beispiel werteten 300 000  Freiwillige 200 Millionen Fotos des Nachthimmels aus. Neuerdings fördert auch in Deutschland das Forschungsministerium das Engagement von «Bürgern, die aktiv zur Vermehrung von wissenschaftlicher Erkenntnis beitragen». Elf Forschungseinrichtungen haben sich deshalb zum «Gewiss»-Konsortium zusammengeschlossen und suchen HilfsassistentInnen aus der Bevölkerung: Sie sollen für einen «Mückenatlas» die verschiedenen Blutsaugerarten zählen oder die Lichtverschmutzung mit einer Smartphone-App erfassen.

Selbst organisieren

Zwar hofft Finke, dass solche fleissig und ehrenamtlich arbeitende DatensammlerInnen die professionelle Forschung aus der «bequemen Abgeschiedenheit» von Fachsprachen und Elfenbeintürmen locken könnten. Gleichzeitig aber sei das nur «Citizen Science light» – Fragestellung, Kontrolle und Auswertung der Ergebnisse bleiben bei den ExpertInnen. So werde «das Wissen von Laien weiterhin nicht wirklich ernst genommen». Ausserdem drohten die HelferInnen infiziert zu werden «mit den Viren, die professionelle Wissenschaft belasten»: Bürokratie und ökonomischer Druck, Macht- und Konkurrenzkämpfe.

Dem setzt Finke seine Vision einer selbst organisierten Citizen Science im eigentlichen Sinn entgegen: Unbelastet von Verwaltungskram, Karriereplanung, politischer Einmischung und Wirtschaftsinteressen könnten unabhängige LaiInnen «lebensnahe Inhaltsfelder» erforschen, dabei betriebsblinde Fachleute korrigieren und die Zivilgesellschaft stärken. Während sich die Profis «grundsolide, aber langweilig und unkreativ» in immer kleineren Spezialgebieten verlieren würden, seien die LaiInnen an Zusammenhangswissen interessiert. Sie könnten daher Problemen, die sich nicht an Fachgrenzen halten – zum Beispiel die Alterung der Gesellschaft –, vorurteilsfreier begegnen und hätten «Chancen auf besseren Überblick». Ausserdem sei jeder Experte ein Laie auf allen anderen Gebieten. «Wir alle sind Laien», schreibt Finke, und: «Wir alle müssen die Experten kontrollieren.»

Der Wissenschaftstheoretiker zieht aber auch Grenzen. Theoriebildung sei keine Stärke von Citizen Science. Besonders komplexe Forschung, etwa Quantenphysik oder Neurowissenschaften, bleibe ihr meist verschlossen. Und fehlende Kontrolle durch Konkurrenz mache Laienforschung anfällig für Ungenauigkeiten oder gar Scharlatanerie, Betrug und Korruption.

Breite und Vielfalt

«Durchaus bedenkliches Gefahrenpotenzial» ortet Finke beispielsweise in der Do-it-yourself-Gentechnik, im sogenannten Biohacking. Wissen kann überall missbraucht werden – «Citizen Science ist nicht die schlechterdings gute Wissenschaft», stellt er klar. Auch sie brauche eine «ethische Reflexion ihrer Rolle und Risiken».

Wie lässt sich die schöne Welt der basisdemokratischen Forschung fördern? Da wird Finke dann etwas vage. Er empfiehlt gemischte Teams von LaiInnen und Profis (die wohl doch weiterhin gebraucht werden). Vor allem aber müsse das gesamte Bildungswesen besser finanziert und das allgemeine Bildungsniveau gehoben werden. Citizen Science stehe nämlich für Breite und Vielfalt. Die Wissenschaftspolitik dürfe daher nicht «nur auf die Förderung der Eliten und Forschungsspitzen setzen», sondern müsse «in den freien Wissensbürger und in die Wissensgesellschaft investieren». Jedenfalls steht für Peter Finke fest: «Das einfache, grundlegende Wissen ist nicht weniger wert als das komplexe. Im Gegenteil: Es ist fundamental.»

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