Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

Von der Sahara in die Europaallee

Aus der Idee von drei jungen Abenteurern ist nach vierzig Jahren ein Outdoorimperium geworden. Ein Lehrstück über einen Verein, der den Alternativtourismus fördern wollte und zum profitorientierten Unternehmen wurde.

Von Sibylle Dirren*

Aus dem kleinen Alternativreiseverein ist längst ein Outdoorgigant geworden: Im Zürcher Flagship-Store erwirtschaftet Transa die Hälfte des Umsatzes. Foto: Transa

Im September 2012 öffnete der neue Transa-Flagship-Store in der Europaallee in Zürich seine Türen. Es ist der grösste Reise- und Outdoorladen der Schweiz. Das Angebot ist riesig. Auf 3000 Quadratmetern Ladenfläche soll nicht nur eingekauft werden – der Flagship-Store will, so die Philosophie der neuen Filiale, eine «Emotionswelt» bieten, in der Produkte praxisnah getestet und erlebt werden können. Gleich beim Eingang ragt eine sieben Meter hohe Kletterwand in die Höhe, in der Kinderabteilung können die Kleinen ihr Glück als GoldwäscherInnen versuchen, und eine Treppe führt hinauf zum Bücherladen, wo sich auch das Reisebüro von Globetrotter befindet. Zum Glück gibt es Wanderwegweiser, ansonsten könnte man leicht die Orientierung verlieren und die entscheidende Abzweigung verpassen.

1976 nahmen Till Lincke und Beat Stünzi ihr erstes gemeinsames Abenteuer in Angriff. Nach intensiver Vorbereitung fuhren sie mit einem Landrover los, ihre Reise führte sie quer durch Afrika. Zurück in Zürich, entschieden sie zusammen mit Jakob Huber, der wie Stünzi Architektur studierte, weiter Afrikareisen zu organisieren. 1978 gründeten sie den Verein Transa. Ziel war die Förderung des Alternativtourismus. Damals sei viel über die Philosophie des Reisens und auch über Entwicklungspolitik diskutiert worden, sagte der heute 64-jährige Beat Stünzi in einem Interview mit der «Zürichsee-Zeitung». Stünzi ist heute Verwaltungsratspräsident bei Transa und der Letzte aus der Gründergeneration, der noch dabei ist.

Outdoor wird Mainstream

Der Verein begann Ende der siebziger Jahre, Ersatzteile und Spezialtanks für Landrover zu verkaufen, baute diese in einer Werkstatt auch gleich ein und bot Reparaturkurse für WüstenfahrerInnen an. Daneben organisierten die Gründer weiterhin Afrikatrips für Abenteuerlustige. Die Mitreisenden finanzierten die Wüstentouren, mussten aber auch bereit sein, selbst anzupacken. 1980 wurde der erste Laden in der Zürcher Josefstrasse eröffnet, in den Folgejahren kamen Filialen in Bern, Basel und St. Gallen hinzu. Es wurde beschlossen, auch Kleidung und Schuhe zu verkaufen. Dem Entscheid ging eine heftige Debatte voraus, da die eine Fraktion sich sträubte, Kleider ins Sortiment aufzunehmen. Einige MitarbeiterInnen kehrten Transa den Rücken, da sie nicht bereit waren, in einer «Modeboutique» zu arbeiten. Mittlerweile erwirtschaftet Transa mit dem Kleiderverkauf 45 Prozent des gesamten Umsatzes.

Die meisten KundInnen, die sich heutzutage im Laden tummeln, bereiten sich weder auf eine Wüstendurchquerung noch auf eine Himalajaexpedition vor, auch wenn die Produkte in den Verkaufsregalen diese Vermutung nahelegen. Outdoorausrüstung, insbesondere Bekleidung, ist in den letzten Jahren hip, urban und damit massentauglich geworden. Immer mehr Menschen interessieren sich für die leichtesten Rucksäcke und die dünnsten Multifunktionsjacken – mit Windstopper und verschweissten Nähten, versteht sich.

Aber auch Farbe und Design spielen eine gewichtige Rolle. Die Ausrüstung, die gemäss Hersteller für extreme Bedingungen entwickelt wurde, wird heutzutage von Leuten gekauft, die den Uetliberg tatsächlich für einen Berg halten, und die Expeditionsjacke wird auch angezogen, um kurz mit dem Hund rauszugehen. Von wegen «Raus. Aber richtig», wie das Transa-Motto lautet.

Doch verändert hat sich nicht nur die Transa-Kundschaft. Aus einem selbstverwalteten Kollektiv wurde ein herkömmliches Unternehmen. Zum Transa-Geist gehörten nicht nur gemeinsames Reisen und die Leidenschaft für Abenteuer und Natur; der Anspruch, möglichst basisdemokratische Entscheide zu treffen, erforderte die Bereitschaft zu langwierigen Diskussionen und zähen Auseinandersetzungen. Die Transa-PionierInnen unternahmen auch ausserhalb der Arbeit viel zusammen, einige teilten sich eine WG, und mittags wurde der Laden für das gemeinsame Picknick geschlossen. «Wir gehörten zu den Ausläufern der 68er-Bewegung», wie es der Ökonom Thomas Heilmann, der von 1981 bis 1996 dabei war und jetzt beim Rotpunktverlag Geschäftsführer ist, ausdrückt. «Wir teilten gewisse gesellschaftliche Vorstellungen.»

«Ungesunde Lohndifferenz»

1984 wurde der Verein in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Selbstverwaltung sollte aber erhalten bleiben. Transa blieb im Besitz der MitarbeiterInnen, da nur sie Aktien erwerben durften. Es war allerdings nicht ganz einfach, ein Modell zu finden, mit dem alle einverstanden waren. So wurde versucht, die Zahl der Aktien aufgrund der über die vergangenen Jahre geleisteten Arbeitsstunden zu berechnen und aufzuteilen. In einem Aktienbindungsvertrag erklärte sich ein Teil der MitarbeiterInnen dazu bereit, zehn Prozent des Jahreseinkommens in Wertpapiere zu investieren. Andere hatten nicht genug Geld oder waren nicht an den Aktien und dem damit verbundenen Mitspracherecht interessiert. «Wir waren damals sechzig bis siebzig Mitarbeiter, als ich Transa verliess, viele wollten einfach nur Geld verdienen und davon profitieren, günstige Ausrüstung für sich zu beziehen», sagt Heilmann. Zudem fanden die Versammlungen ausserhalb der Arbeitszeiten statt, und nicht alle seien bereit gewesen, ihre Freizeit dafür zu opfern.

Zehn Jahre später wurde erneut einiges umgekrempelt. Der Geschäftsleiter und Mitbegründer Jakob Huber, einige langjährige MitarbeiterInnen und auch Heilmann traten 1997 zurück. «Ich musste meine Aktien noch verkaufen, als ich ging», sagt Heilmann. Kurz darauf wurde beschlossen, dass auch externe InvestorInnen Unternehmensanteile kaufen können. 1998 beteiligte sich die Schweizerische Globetrotter Travel Service AG an Transa, seit 2008 ist die deutsche Globetrotter Ausrüstung GmbH dabei. Auch an der im Vergleich zu heute flachen Lohnhierarchie – das Verhältnis zwischen niedrigstem und höchstem Lohn betrug angeblich weniger als 1:2 – wurde Ende der Neunziger gerüttelt. Die zu geringe Differenz sei ungesund, da sie keinen Anreiz für qualifizierte Leute schaffe, bei Transa einzusteigen, so der abtretende Huber damals zur WOZ. In der Folge wurden in einem ersten Schritt die Löhne der VerkäuferInnen gesenkt.

Seither sind schon wieder fast zwanzig Jahre vergangen, Transa ist immer grösser geworden, der Umsatz konnte im letzten Jahr nochmals um zehn Millionen Franken gesteigert werden. Seit Ende der neunziger Jahre hat er sich auf 52,8 Millionen im Jahr 2013 verfünffacht. Fünfzig Prozent des Umsatzes werden allein im Flagship-Store in der Europaallee erwirtschaftet. Heute beschäftigt das Unternehmen 276 Angestellte an acht verschiedenen Standorten. Aus dem vom Geist der 68er-Bewegung geprägten Verein wurde ein profitorientiertes Unternehmen, dessen Struktur sich nicht mehr von jener anderer Firmen unterscheidet. Selbstverwaltung und basisdemokratischer Anspruch sind dabei auf der Strecke geblieben.

* Wunsch von ungenannt: «Was ist aus den Idealen 
des Outdoorhändlers 
Transa geworden?»

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