Nr. 29/2018 vom 19.07.2018

Alles andere als einsam

1968 war nicht nur ein Umbruch in der Politik, sondern auch im Tourismus. Die Hippiebewegung und ihre Sehnsucht nach einem authentischen Leben haben das Reisen verändert. Die wahre Geschichte des Lonely Planet.

Von Tim Rüdiger

Wer in den letzten Jahrzehnten mit Rucksack, begrenztem Budget, aber nicht völlig ohne Anspruch auf Abenteuer durch die Welt reiste, verzichtete wohl kaum auf ihn, den Reiseführer mit dem blauen Einband: Lonely Planet ist heute ein Megabrand. Der entsprechende Verlagskonzern hat mehrere Hundert Millionen Bücher verkauft, übersetzt in vierzehn Sprachen.

Die offizielle Unternehmensgeschichte beginnt mit dem Entschluss des frisch vermählten Paars Tony und Maureen Wheeler im Jahr 1972, für 65 Pfund in London ein Auto zu kaufen und nach Osten aufzubrechen. Am Ende der Geschichte steht ein Privatvermögen von über hundert Millionen britischen Pfund.

In Interviews, Radiobeiträgen und TED Talks wird Tony Wheeler nicht müde, von der Abenteuerlichkeit dieser Reise zu erzählen: wie das Paar nach einem halben Jahr durch die Türkei, den Iran, Afghanistan, Indien und Indonesien mit nur 27 Cents in Australien landete und von ihren Freunden gebeten wurde, seine Erlebnisse aufzuschreiben. Das Ergebnis: «Across Asia on the Cheap», der erste Lonely-Planet-Reiseführer. Der Name für den Verlag stammt aus einer angeblich falsch verstandenen Liedzeile von Joe Cockers «Space Captain»: Cocker singt vom «lovely planet».

Alternativ zur offiziellen Version könnte die Geschichte auch damit beginnen, dass Tony als Sohn eines wohlhabenden Flughafenmanagers auf den Bahamas, in Pakistan, Kanada, den USA und England aufgewachsen war und kurz vor der grossen Reise einen Abschluss der London Business School erhielt. Oder sie beginnt mit all den «Freaks», die schon vor dem ersten Lonely Planet sehr gut wussten, wie man günstig herumreist.

Das Reisen als politischer Ausweg

In einer Ausgabe des Zürcher Alternativblatts «end» ist im Frühjahr 1969 ein Textkasten abgedruckt: «Reisetipps für Indien». «‹Trämpen› ist Undergroundreisen, und wie dem Underground überall Schwierigkeiten bereitet werden, musst du auch auf deiner Reise damit rechnen, falls du lange Haare, Rucksack und verlauste Kleider trägst.» Anschliessend folgen praktische Reiseanweisungen für Geld («der Schwarzmarkt ist offiziell verboten, aber üblich»), Visa, Impfen, Monsun, übliche Reiseroute und Drogen. Zu Letzterem heisst es einzig: «In Afghanistan und Nepal ist alles legal.»

Es waren Hunderttausende von jungen EuropäerInnen, die in den sechziger und vor allem in den siebziger Jahren über Land zwischen London und Indien unterwegs waren. Die Route erlangte schnell Bekanntheit als «Hippie Trail», wobei sich unter den Reisenden kaum jemand als Hippie bezeichnete.

Die schriftstellerischen Idole waren Beatliteraten wie Jack Kerouac, aber auch aus der Schweiz kamen SehnsuchtsstifterInnen. Etwa Nicolas Bouvier, der 1953 auf den Spuren von Ella Maillart und Annemarie Schwarzenbach mit einem Fiat Topolino von Genf über den Iran und Pakistan in die afghanische Hauptstadt Kabul aufbrach. Sein Bericht «L’usage du monde» («Die Erfahrung der Welt») wurde nach der Publikation 1963 und darauffolgenden Übersetzungen eine «Underground»-Sensation. Er schreibt: «Eine Reise braucht keine Beweggründe. Sie beweist sehr rasch, dass sie sich selbst genug ist. Man glaubt, dass man eine Reise machen wird, doch bald stellt sich heraus, dass die Reise einen macht.»

Das Know-how zum Reisen hatten die Jugendlichen zuvor in Europa erworben. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Infrastruktur der Jugendmobilität in Westeuropa einen Boom: Zwischen 1946 und 1960 verdoppelte sich die Anzahl Jugendherbergen, ihre Bettenzahl vervierfachte sich, und die Übernachtungen wuchsen sogar um mehr als das Fünffache. Im grossen Massstab innereuropäische Grenzen überquert hatten zuerst junge US-AmerikanerInnen. Um Dollars nach Europa zu holen, wurde 1959 exklusiv für sie der Vorläufer des Interrail-Passes Eurail eingeführt. Der «Eurotrip» wurde in der amerikanischen Mittelklasse ein wichtiges Übergangsritual zum Erwachsenwerden. Einige von ihnen versuchten damit auch, sich dem Kriegsdienst in Vietnam zu entziehen.

Nach dem Aufbruch von 1968 und den darauffolgenden frustrierenden politischen Erfahrungen meinten viele Jugendliche, dass die eigene Gesellschaft nicht zu verändern sei. Als alternativer Weg zur authentischen Selbstentfaltung galt ihnen fortan das Reisen. An Orte, die von den entfremdenden Zwängen von «Materialismus» und «Kapitalismus» noch vermeintlich unberührt waren. Oder einfach dahin, wo es Drogen gab – die zweiten Pfortenöffner zur Authentizität.

Zuvor hatte die jugendliche Mobilität selbst zu politischen Spannungen geführt. Nur mit Rucksäcken herumstreunende «Gammler» oder die Motorradgangs der «Halbstarken» weckten in Europa vielerorts eine panikartige Angst vor Jugendkriminalität. Das ging so weit, dass im Sommer 1964 viele als «Beatniks» bezeichnete junge AusländerInnen aus Frankreich ausgewiesen wurden. Nachdem schliesslich Frankreich im Zuge des Pariser Mai 68 Daniel Cohn-Bendit die Wiedereinreise aus Deutschland verweigert hatte, entwickelte sich auf den Demonstrationen die Losungen «Wir sind alle Ausländer» und «Wir sind alle unerwünscht». Die britische «Times» kommentierte 1968 die neue, transnationale Identität der jungen Erwachsenen: «Nationale Grenzen bedeuten heutzutage weniger als die Grenzen der Generationen.»

Eine Hotline für Freaks

Zum Dreh- und Angelpunkt des reisefreudigen alternativen Milieus wurde die Alternativpresse. Allerorts entstanden handproduzierte Zeitungen. Sie berichteten von politischen Ereignissen weltweit, druckten Untergrundliteratur und fungierten als Schwarze Bretter der Szene. Die ZeitungsmacherInnen orientierten sich strikt transnational. So schreibt das Zürcher «Hotcha!» im Gründungsjahr 1968: «Uns liegt nichts daran, ein schweizerisches Sonderzüglein einzurichten: Das Gedankengut des Underground ist international & universell.» Schon nach wenigen Ausgaben führten ausgewählte Buchhandlungen in halb Westeuropa und in den USA das «Hotcha!» .

Zu einer der wichtigsten alternativen Zeitungen entwickelte sich die 1966 gegründete «International Times» aus London. Schon bald litt sie unter ihrer zentralen Stellung. Die Redaktionsräume und Telefonleitungen wurden von Freaks und besorgten Eltern auf der Suche nach ihren davongelaufenen Kindern derart in Anspruch genommen, dass die eigentliche Zeitungsproduktion bedroht war. Als Ausweg wurde unter dem explizit technophilen Namen «BIT» ein 24-Stunden-Auskunftsservice abgespalten.

Diesen Service kann man sich durchaus als einen konzeptionellen Vorläufer einer Internetsuchmaschine vorstellen. BIT richtete eine 24/7-Telefonhotline ein für alle «Probleme der Alternativgesellschaft, die weder durch die ‹Big society› noch individuell bewältigt werden können». Die Hotline war von überall auf der Welt erreichbar. BIT vermittelte dem gestrandeten «Polit-Freak» Kontakte zu lokalen anarchistischen Gruppen in Italien oder erklärte, wie ein Abtreibungsarzt zu kontaktieren war. Die TelefonistInnen wussten, wo in Kabul die besten Space Cakes gebacken werden und wie man jemanden aus der Ferne wieder von einem schlechten Trip herunterholen konnte.

Darüber hinaus betrieb BIT in London lokale Sozialarbeit, und das Büro fungierte als Treffpunkt für alle möglichen Menschen. Das gesammelte Wissen wurde regelmässig zusammengefasst und publiziert. 1970 empfiehlt «Hotcha!» die BIT-Publikationen «Directory of Communes» («ein Führer durch Englands und Europas Kommunen, Sippen, Schlafstellen etc.») und «Communes» («Beste europäische Kommunen-Zeitschrift!, zweimonatlich»).

In den besten Zeiten von BIT in den früheren siebziger Jahren war Geoff Crowther tonangebend – bevor er nur wenige Jahre später als einer der ersten externen Autoren zu Lonely Planet wechselte. Gemäss Tony Wheeler hatte Crowther zu jener Zeit im ganzen alternativen Milieu seine Dienste angeboten und auch mal eine Frau geheiratet, um ihr eine Aufenthaltserlaubnis zu beschaffen. «Nun aber waren die 60er zu Ende, BIT befand sich auf dem absteigenden Ast und ich schlug ihm vor, er könne doch mit dem, was er zuvor gratis gemacht hatte, sein Geld verdienen.»

Geoff Crowther verhalf Lonely Planet erst richtig zur Blüte. Seine Bücher waren die spektakulärsten und kreativsten. Er war es, der für viele der frühen Publikationen in alkohol- und drogeninduzierten Räuschen die Pläne zeichnete. In manchen Ländern war der Besitz von Landkarten aus Sicherheitsüberlegungen oft streng sanktioniert. Und Crowther war es wohl auch, der massgeblich zur typischen Lonely-Planet-Sprache beitrug, indem er im Stil der Alternativpresse ungehemmt Anekdoten und politische Kommentare in die Landesbeschreibungen einfliessen liess. Das führte auch einmal dazu, dass er in Malawi zur Persona non grata erklärt und der Lonely-Planet-Afrikaführer auf den Index gesetzt wurde, nachdem er den damaligen «Präsidenten auf Lebenszeit» Hastings Banda kritisiert hatte.

Auch nachdem Geoff Crowther aus England weggezogen war, um im kleinen Büro der Wheelers in Melbourne mitzuarbeiten, bevorzugte er noch immer einen alternativen Lebensstil und wohnte in einer Kommune auf einer alten Bananenfarm.

Mit Tricks über die Grenze

Die aufwendige Gratisarbeit hatte das alternative Gemeinschaftszentrum BIT rasch in eine chronische finanzielle Misere geführt. Sie wurde überbrückt durch Spenden von Musikstars wie Paul McCartney oder The Who, vor allem aber durch den Verkauf von «BIT Travel Guides». Die Reiseführer waren bald legendär. Im BIT-Guide «Overland to India and Beyond», auch bekannt als die «Bible of the East», steht: «Wir wissen, dieser Reiseführer kostet viel Geld und du kannst ihn dir wirklich nicht leisten, aber wir brauchen von irgendwoher Geld und dies ist unsere Haupteinnahmequelle. Wir haben jeden Tag geöffnet zwischen 10 und 22 Uhr (Telefon 24 Stunden) und offerieren gratis Hilfe und Informationen über alles und an alle, die sie brauchen. Schmutziges, unordentliches Büro; freundliche, manchmal überschwängliche Atmosphäre, ineffiziente Mitarbeitende, verwirrte Klientel, aggressive Katze. Gratis Information, gratis Scheisshaus, gratis Badezimmer. Gratis Hektografiergerät und Schreibmaschine, gratis Kätzchen und Welpen, gratis Kleider, gratis Mahlzeiten – manchmal nur günstig, aber gratis, falls du kurz vor dem Verhungern bist –, gratis Gesprächspartner, gratis Alternativbibliothek, gratis Aufenthaltsraum, um auszuflippen oder auszuruhen, gratis Übernachtungsmöglichkeit, je nach Jahreszeit gratis Geschossfläche, gratis Optimismus, gratis Begeisterung, viele weitere kostenlose Dinge plus überteuerte Reiseführer, um für alles zu bezahlen.»

Auch Tony Wheeler klopfte vor der Abreise 1972 beim BIT-Büro an und kaufte einen Reiseführer. Diese waren allerdings weniger Bücher als vielmehr eine Zusammenstellung von Hunderten Briefen von Reisenden zwischen London und Sydney. Die Briefe und zusammenfassenden Listen wurden permanent überarbeitet: lose geordnet, abgetippt, süffisant kommentiert, vervielfältigt, zusammengeheftet und schliesslich in einem Plastiksack für eine «Minimalspende» von fünfzig Pence bis zwei Pfund verkauft. Ein Viertel des Preises des Afrikareiseführers kam der Operation Omega zur Befreiung Namibias zugute. Der Verkauf der «Bibel des Ostens» füllte seinerseits einen Fonds, mit dem geholfen werden sollte, verhaftete Reisende aus den türkischen und iranischen Gefängnissen zu holen.

Der BIT-Guide von 1973 zur Indienroute stammte massgeblich aus der Feder von Geoff Crowther und macht schon im ersten Satz klar, dass es beim Reisen um mehr als die Fortbewegung ging: «Europa ist auf einem Trip aus Geld, Entfremdung, kollektiver Verantwortungslosigkeit, aufgesetzter Korrektheit, Autorität und Ausbeutung. Und jeder, der nicht daran glaubt, dass es die damit verbundenen Lasten wert sind, sollte sonst wo sein. Kommt hinzu: Ein Jahr Asien ist so viel wert wie zehn Jahre formale Bildung.» Obwohl es zum guten Ton gehörte, die Reise per Autostopp zu machen, hatten sich Anfang der siebziger Jahre um den «Hippie Trail» viel touristische Infrastruktur und ein blühendes Geschäft gebildet. Die «International Times» ist voller Inserate von Reiseagenturen und Busunternehmen, die All-inclusive-Überlandtouren mit festen Fahrplänen anbieten. Das Wichtigste bei den Bussen war die Stereoanlage. Die Musikkassetten wurden unter den sich kreuzenden Bussen getauscht. Der BIT-Guide urteilt: «Fast schon Betrug, so zu reisen.» Und liefert dennoch eine zweiseitige Liste von Anbietern.

Die Freaks aus dem alternativen Milieu wurden in den meisten Ländern als die «falschen, unerwünschten Touristen» betrachtet. Viele Staaten führten nach dem Beginn des Reisefiebers neue restriktive Gesetze und Bestimmungen ein und bauten Gefängnisse für TouristInnen. Dennoch waren die Reisenden gut darüber informiert, an welcher Grenze auf welche Weise das Gepäck auf unangemeldetes Bargeld oder Drogen durchsucht wurde. Genauso bekannt waren die Taktiken, um die meisten Einschränkungen zu umgehen. Einige Beispiele: absichtlich Travellers’ Cheques wegwerfen und sie sich hinter der Grenze ersetzen lassen, vor Singapur den Bart rasieren, auf die Botschaft immer mit förmlicher Bekleidung. Oder: Mit Studentenausweisen erhielt man auf der ganzen Route auf Tickets und sogar in Restaurants bis zu fünfzig Prozent Rabatt. Gefälschte Studentenausweise gab es am einfachsten in London, Athen, Bangkok und Singapur. Um sich gegen Währungsschwankungen abzusichern, die eine Rückreise verunmöglichen würden, war es empfehlenswert, Deutsche Mark oder Schweizer Franken zu kaufen. Und falls das Geld dennoch ausging, empfiehlt der BIT-Guide: «Verkaufe Dope an andere Europäer an den Stränden Indiens oder verkaufe dein Blut. Gute Preise für Blut in Thessaloniki, Istanbul und Kuwait.»

Unter den Einsendungen von einigen Dutzenden von Reisenden findet man im BIT-Guide von 1973 auch eine Handvoll, die mit «Tony & Maureen» gezeichnet sind. Sie warnen vor Abzocke durch falschen Türkisschmuck im Iran und geben Tipps für das Reisen mit dem eigenen Fahrzeug: «Wir haben unser Auto in Afghanistan für denselben Preis wie in London wieder verkauft.»

Die Kommerzialisierung

Für den ersten Lonely Planet übernahmen die Wheelers massenweise Informationen und sogar einige der scherzhaften Einlagen aus dem BIT-Guide. Der grosse Unterschied: Während dieser vor allem unter Reisenden aus Europa zirkulierte, drehte «Across Asia on the Cheap» die Route um und wandte sich an alle, die das Nine-to-five-Leben in Australien satthatten.

Ihre kommerziellen Absichten setzten Tony und Maureen schnell um. Schon das zweite Buch wurde aus Kostengründen in Singapur gedruckt. Schlag auf Schlag entstanden weitere Titel, wurden neue Absatzwege gefunden. Als sich die beiden 1979 dazu entschlossen, gemeinsam mit Geoff Crowther einen Reiseführer für ganz Indien zu schreiben, beschäftigte Lonely Planet sieben Mitarbeitende und besass Verkaufskanäle auf der ganzen Welt. Dennoch ist gemäss Tony Wheeler der Indienführer «das Buch gewesen, auf das wir unser ganzes Business verwetteten». Monströse 700 Seiten umfassend, wurde es nach zwei Jahren Recherche 1981 zum ersten von vielen Lonely-Planet-Bestsellern, die seither die Buchpressen am Laufen halten. Das grosse Steckenpferd blieb Asien. Anschliessend kamen Ozeanien, Afrika, Südamerika und Australien. Der erste Reiseführer für Europa, «Eastern Europe on a Shoestring», erschien erst im April 1989, einen Monat bevor sich in Ungarn der Eiserne Vorhang hob. Die Verkäufe gingen durch die Decke, aber das Buch war innert kurzer Zeit unbrauchbar: Die Strassennamen aus der kommunistischen Ära waren nicht mehr auffindbar.

Zwischen 2007 und 2011 verkauften Tony und Maureen Wheeler die Marke Lonely Planet für 132 Millionen britische Pfund an den kommerziellen Arm der BBC. Ein Deal, der sich für die BBC als peinliche Fehleinschätzung entpuppte. Es gelang nicht, Lonely Planet rentabel ins Fernsehen und vor allem ins Internet zu überführen. Zu stark erwies sich die aufkommende digitale Konkurrenz etwa der Plattform Trip Advisor, auch die sozialen Netzwerke wie Instagram bestimmten mit ihren Fotos von Sehnsuchtsorten neu die Reiserouten. Für gerade einmal 51 Millionen Pfund wurde die Marke 2013 an den US-amerikanischen Tabakmilliardär Brad Kelley weiterverkauft und ist seither als reiner Buchverlag ein blauer Riese geblieben.

Die Reiseführer versprechen längst nicht mehr, einer entfremdenden Gesellschaft entfliehen zu können. Dennoch haftet ihnen das Versprechen von Authentizität weiterhin in paradoxer Weise an: Wer heute mit dem Lonely Planet reist, ist eher bereit, in holprigem Arabisch in einer verrauchten marokkanischen Beiz einen Teller fetttriefendes Fleisch zu bestellen, angepriesen vom Lonely Planet in der bekannt lockeren Sprache. Nur sitzen in der Beiz meist schon zwei Abenteuerfreudige, die derselben Fährte gefolgt sind. Der Backpackertourismus hat wie der Massentourismus ganze Ortschaften und Landstriche verändert.

Den MultimillionärInnen Tony und Maureen Wheeler kann das egal sein. Seit ihrem Deal mit der BBC wurden sie Teil eines eigenen Planeten von Start-up-Unternehmerinnen und Reisenostalgikern gleichermassen. Tony wird an Businesstreffen eingeladen, an denen er mit Vorliebe darüber spricht, welche Länder ihm als globalem Geschäftsmann «noch immer» mehr oder weniger bürokratische Hürden in den Weg legen. Und für Dokumentationen zum «Hippie Trail» lassen sie sich gemeinsam filmen, wie sie noch immer nur mit Rucksack durch chaotische Strassenzüge asiatischer Städte streifen.

Und BIT? 1980 vermeldet die «International Times» in einer bitteren Nachricht: «BIT endete in den Händen eines Haufens Gauner, Speed-Freaks, Trickbetrüger und abgestumpfter Heuchler, die bedeutungslose Plattitüden über ‹die Alternativgesellschaft› schwafelten, während sie mit Medikamenten dealten und ihre Freunde bestahlen.» Den Todesstoss gab eine exorbitante Telefonrechnung.

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