Nr. 04/2015 vom 22.01.2015

«Bodeine Brazy»

Von Daniel Ryser

Zu Weihnachten nahm er sich vor, nächstes Jahr auf die Bremse zu treten: «2015 muss ich meinen Freunden und Homies gegenüber zuverlässiger werden und aufhören, Drogen zu nehmen.» Drei Wochen später war der Vorsatz gebrochen. In der Nacht auf den 17. Januar twitterte Asap Yams alias Steven Rodriguez: «Bodeine Brazy», die verschlüsselte Variante von «Codeine Crazy». Tausende Follower verstanden und retweeteten, Yams habe wohl mal wieder «Purple drank» intus, schlicht «Syrup» genannt.

Dabei handelt es sich um einen Cocktail aus Sprite und einer überdosierten Menge des rezeptpflichtigen Hustensafts Codein, dessen Konsum zusammen mit Kiffen oder Alkohol eine vielseitige Wirkung entfacht: Euphorie, Lethargie, eingeschränkte Motorik. Nach einer Ladung «Purple drank» in Kombination mit Alkohol kann es passieren, dass man wie eine menschliche Kanonenkugel über die Tanzfläche schiesst und dabei unverständlich sabbelt. Jene zwei texanischen Hip-Hop-Legenden, die den inzwischen extrem populären Cocktail mit Liedern bekannt gemacht hatten, starben an der Überdosis eines ebensolchen: DJ Screw und Pimp C. Und jetzt also auch Asap Yams.

Der 26-Jährige hatte in Harlem das Musikerkollektiv Asap Mob gegründet. Dessen Aushängeschild Asap Rocky gehört zur Speerspitze einer neuen Hip-Hop-Generation, die der in den nuller Jahren im Koma liegenden Szene mit unerhört und ungehört langsamen, aber eindringlichen Beats, mit neonfarbenen Röhrenjeans und Batikshirts eine neue (und auch ziemlich bisexuelle) Ästhetik verpasst und neuen Schub verliehen hat – eine Generation, die sich offensiv mit Tattoos und Drogen zuknallt. Eine Generation übrigens auch, in der erfreulich viele Rapperinnen präsent sind.

Yams’ Kollektiv strahlte bald nach der Gründung 2007 weit über Harlem hinaus. Dabei war der junge Mann «nicht frei von Dämonen», wie die «New York Times» 2013 schrieb: «Die Geschichten verrückter Tour-Eskapaden – wie jene Nacht am Coachella-Festival, als er high auf Xanax und Syrup fast am eigenen Erbrochenen erstickt wäre – sind zahlreich und nicht zumutbar. Auf seinem linken Arm hat sich Yams den Schriftzug Black Out tätowiert, daneben Xanax-Pillen.» Die letzte Eskapade war zu viel: Ein paar Stunden nach seinem Codein-Tweet wurde Asap Yams tot aufgefunden.

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