Nr. 09/2015 vom 26.02.2015

Gnadenlos im Jugendheim

Von Florian KellerMail an AutorIn

Schon wieder ein Stummfilm? Ja, aber was für einer! Kein Nostalgietrip, der einer versunkenen Epoche des Kinos nachträumt, erwartet uns. Sondern ein gnadenlos gegenwärtiges Drama vom Rand der Gesellschaft, in einem Land am Rand von Europa.

Das Land ist die Ukraine, der Regisseur heisst Myroslav Slaboshpytskiy, und sein erster Spielfilm «Plemya» ist eine verdammte Wucht. Im Vergleich dazu schrumpft alles, was im Kino sonst gerne als radikal und kompromisslos gefeiert wird, zu einer netten Pfadiübung. Was erwartet uns da? Eine Art «Scarface» in einem ukrainischen Heim für gehörlose Jugendliche. Und eine sprachlose Allegorie über ein zerrissenes Land.

Ein sehr leiser Film ist das, aber ganz anders als das, was man sich gewöhnlich darunter vorstellt. Geredet wird viel, aber ohne Ton. Alle Dialoge sind in Gebärdensprache, Untertitel gibt es keine. Wir sind einem Milieu ausgesetzt, dessen Sprache wir nicht kennen – also fremder noch als der neue Junge, mit dem wir diese Anstalt kennenlernen. Es ist eine hermetische Welt mit eigenen Gesetzen, und die feierliche Prozession zur Begrüssung erweist sich bald als der bare Hohn, genau wie die himmelblau gestrichenen Korridore. Im Heim nämlich regieren die Gangs, die hier eine ganze Schattenökonomie von Gewalt und organisiertem Verbrechen aufgezogen haben: Schmuggel, Schutzgeld, Prostitution und gelegentlich ein nächtlicher Raubzug. Was sich so allmählich vor uns auffächert, ist eine klandestine Stammesgesellschaft derer, die keine Stimme haben.

Und wehe, einer probt in diesem Umfeld so etwas wie Zärtlichkeit, wie das der Neuling tut. Alles kostet hier, auch die Liebe, selbst wenn sie nur im Heizungsraum auf betoniertem Boden zu haben ist. Darum geht es in diesem Film: um die nackte Existenz prekärer Körper. Die Kamera begleitet sie ungerührt, wahrt auch dort die Distanz, wo Unvorstellbares passiert. Und Myroslav Slaboshpytskiy lässt gar nichts aus, von der notdürftigen Abtreibung bis zur brachialen Verzweiflungstat am Ende, und manchmal möchte man einwerfen: Genug, wir haben begriffen! Muss man das sehen? Wer sich traut: unbedingt.


In Zürich im Kino Xenix, in Bern im Kino Kunstmuseum.

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