Nr. 10/2015 vom 05.03.2015

Lasst uns nervig sein!

Von Susan Boos

Seien wir ehrlich, wir kennen das Problem selber. Wir, damit ist die WOZ gemeint: Wenn man oder frau nicht teuflisch aufpasst, werden in unseren Artikeln vor allem Männer kritisiert, Männer interviewt, Männer abgebildet – die Frauen kommen noch im Foto über Altenpflege vor. Darüber zu reden, ist ätzend. Frau rutscht schnell in die Rolle der nervenden Emanze.

Dann sind da noch die Leser, die sich beschweren, das grosse I mitten in den Wörtern sei störend, wir sollten damit aufhören, sonst müssten sie die Zeitung abbestellen. Schliesslich wisse man, dass mit dem Politiker auch die Politikerin gemeint sei. Das fand der Jurist Léonard Jenni auch und reichte 1928 beim Bundesrat eine Petition ein, in der er argumentierte, der Begriff «Stimmbürger» beinhalte Menschen beiderlei Geschlechts, weshalb die Frauen stimm- und wahlberechtigt seien. Der Bundesrat antwortete, das sei eine unzulässige Interpretation: «Die Beschränkung des Stimmrechts auf die männlichen Schweizer Bürger ist ein fundamentaler Grundsatz des eidgenössischen öffentlichen Rechts.» Und frau durfte weitere Jahrzehnte warten, bis sie an der Demokratie teilhaben konnte.

Verdankenswerterweise übernehmen es jeweils die WOZ-Männer, den Binnen-I-Feinden zu antworten. Wie viele danach abbestellt haben, wissen wir übrigens nicht. Aber es stimmt: Gleichstellung ist ein Thema, das auf die Nerven geht. Den Männern, weil wir schon wieder damit kommen. Den Frauen, weil wir es satthaben, schon wieder damit kommen zu müssen.

Der Bundesrat ist im Moment stark genug, einen Vorschlag zu bringen, der nur wenig Chancen hat: Er fordert, alle börsenkotierten Unternehmungen müssten in den Verwaltungsräten eine Frauenquote von dreissig Prozent erreichen. So soll es künftig im Aktienrecht stehen. Man könnte mehr fordern, zum Beispiel Quoten für die Geschäftsleitungen. Aber immerhin. Den rechten Männern in Politik und Wirtschaft wird schon bang. Als über den starken Franken diskutiert wurde, nutzte SVP-Chef Toni Brunner sofort die Gelegenheit, um die Frauenquote in Verwaltungsräten und die «Lohnpolizei für die Lohngleichheit von Mann und Frau» zu attackieren. Derweil Frauen immer noch deutlich weniger verdienen als Männer, die dieselbe Arbeit verrichten. Hundert prominente Frauen, bürgerliche wie linke (aber keine von der SVP), haben nun ein Lohngleichheitsmanifest lanciert. Binnen weniger Tage unterzeichneten bereits über 2600 Personen das Manifest.

Das ist grandios, doch reicht es nicht. Es stehen Wahlen bevor, und es sieht nicht rosig aus. Der Frauenanteil in den Parlamenten und den Räten stagniert. Links-Grün hat zwar in den letzten Jahren aufgeholt, doch die bürgerlichen Frauen verlieren an Boden. Bei den letzten Wahlen wurden auch vier grüne Nationalrätinnen abgewählt, zwei davon traf es in Zürich – dafür zog mit Balthasar Glättli ein Mann für die Grünen neu nach Bern. Das war nicht Pech, es war ein strategischer Fehler. Die Grünen stellten damals Glättli als Ständeratskandidaten auf. Das brachte ihm tüchtig Medienpräsenz. Und gewählt wird, wer sich permanent in die Medien spielt. Die Grünen in Zürich hätten also einer Frau den Teppich ausrollen müssen. Taten sie nicht, mit dem Resultat, dass heute von den Zürcher Grünen keine Frau mehr in Bern ist, dafür drei Männer dort politisieren.

Das ist Geschichte. Aber jetzt machen die Grünen erneut denselben Fehler. Sie portieren Bastien Girod als Ständeratskandidaten, die Frauen sind abgehängt, man richtet sich ein mit drei Männern in Bern. Es reicht auch nicht, sich damit zu trösten, dass die Grünen bei den bevorstehenden Zürcher Kantonsratswahlen gut aufgestellt sind. Da schicken sie prozentual mehr Kandidatinnen ins Rennen als jede andere Partei, doch auf der Liste stehen immer noch mehr Männer als Frauen.

Das ist keine grundsätzliche Kritik an den Grünen, im Gegenteil. Sie machen in der Frauenpolitik vieles besser als die andern. Aber wir Frauen wollen mehr. Wir wollen eigentlich nicht darüber reden, wir wollen uns auch nicht dafür bedanken, wir wollen es, weil es uns zusteht. Also nervt, heiter und ohne Unterlass! Sonst verlieren wir sogar, was wir erreicht haben.

Weitere Artikel zum Thema:
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SP-Frauen: Das Thema Gleichstellung ist zurück

Nachtrag vom 12. März 2015

Nervig sein (Teil 2)

Wenn frau an die Macht will, müssen wir heiter und ohne Unterlass nerven, stand in der letzten WOZ. Es muss aber auch berichtet werden, wenn sich etwas bewegt. Und es tut sich einiges: Über 12 000 Menschen gingen am Samstag in Bern auf die Strasse und demonstrierten für Lohngleichheit. 5500 haben zudem binnen weniger Tage das Lohngleichheitsmanifest unterschrieben, das am Montag Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga überreicht worden ist.

Ausserdem verfügt der Kanton Thurgau seit Sonntag über eine Regierung, in der die Frauen die Mehrheit stellen. Das gibt es im Moment nur noch im Kanton Waadt. Und es gab das schon einmal im Kanton Zürich, zwischen 2006 und 2011.

Zürich steht im Moment ohnehin im Fokus, weil gleich drei relevante Frauensitze neu zu besetzen sind: Zwei Regierungsrätinnen (je eine SP und FDP) und die grünliberale Ständerätin treten zurück, die fünf Regierungsräte und der Ständerat kandidieren alle nochmals. SP, FDP und CVP schicken Frauen ins Rennen für den Regierungsratssitz – BDP, EVP und Alternative Liste treten mit Kandidaten an. Wenn es erwartbar läuft, bleiben immerhin die beiden Frauensitze erhalten. Bei den Ständeratswahlen kommt es wohl zu einem Wettkampf unter Männern. Die Bürgerlichen treten mit zwei Männern an, die Grünen portieren Balthasar Glättli, die Grünliberalen stellen Martin Bäumle auf, und die SP will Daniel Jositsch ins Rennen schicken. Damit geht ein weiterer Frauensitz im Stöckli verloren. Das muss nicht sein: Die SP hat Frauen, die besser sind als Jositsch.

Die Zürcher Grünen wurden für ihren Kandidaten von der WOZ schon kritisiert. Derweil die Grünen frauenmässig mancherorts wirklich vorbildlich sind: Ab Juni wird die grüne Fraktion im Nationalrat als einzige Fraktion über eine Frauenmehrheit verfügen, weil ein Mann zurücktritt und eine Frau nachrückt. Im Stadtrat (Legislative) von Bern ist zudem das Grüne Bündnis zusammen mit den Jungen Alternativen mit neun Frauen und damit einer reinen Frauenfraktion präsent. Und rechnet man alle Kantonsparlamente zusammen, haben die Grünen einen Frauenanteil von 51 Prozent. Was gerade richtig ist, da hierzulande 49,4 Prozent Männer und 50,6 Prozent Frauen leben.

Susan Boos

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