Nr. 11/2015 vom 12.03.2015

Wem die Stunde schlägt

Von Florian KellerMail an AutorIn

Russland im Kino, das ist dieser Tage ein aussichtsloser Kampf um ein altes Haus. So war das jüngst in «Durak», dem Thriller über einen vom Einsturz bedrohten Sozialbau. Jetzt, in «Leviathan» von Andrej Zwjagintsew, soll der Automechaniker Kolja (Alexej Serebrjakow) samt Familie sein Eigenheim räumen.

Wir sind in einem gespenstischen Nest im Norden des Landes, wo kaputte Fischkutter in der Bucht liegen wie die Skelette ausgestorbener Ungeheuer. Jetzt soll Koljas Haus, in dem schon seine Eltern lebten, abgerissen werden. Denn der korrupte Bürgermeister hat im Sinn, an der Stelle ein neues «Kommunikationszentrum» zu errichten.

Einspruch abgewiesen: Als die Richterin das Urteil abliest, klingt es wie eine Salve von juristischem Nonsens. Aber wenn man schon auf dem Weg von Recht und Anstand nichts gegen einen morschen Apparat ausrichten kann, hilft vielleicht ein bisschen Druck aus der Hauptstadt. Das jedenfalls erhofft sich der Mechaniker vom smarten Anwalt, den er aus Moskau in die Provinz bestellt hat. So läuft Kolja, halb Hiob, halb russischer Kohlhaas, gegen das obszöne Treiben der Obrigkeit an, bis ihm alles genommen wird. Und zurück bleibt sein Sohn als verlorenes Menschenkind.

Der russische Kulturminister Wladimir Medinski war wenig erfreut über diese staatlich geförderte Unrechtsparabel. Den Regisseur verunglimpfte er als Opportunisten, der sich damit nur beim westlichen Filmzirkus andienen wolle, und sowieso hätten es unpatriotische Machwerke wie «Leviathan» nicht verdient, mit Steuergeldern unterstützt zu werden. Aussagen, die letztlich nur das bestätigen, was Zwjagintsew in seiner Tragödie vorführt. Wenn nämlich der Pfarrer am Ende von «Leviathan» zu seinem Lob von Wahrheit und Sittlichkeit anhebt, ist das blanker Hohn – das rhetorische Glockengeläut der Mächtigen.

Also keine Hoffnung, nirgends? Doch, da ist immerhin die Dorfjugend (oder das, was von ihr übrig ist). Die trifft sich nachts am Feuer, und zwar nicht irgendwo, sondern in den Ruinen einer Kirche. Ein Bild, dessen wahre Sprengkraft sich erst am Ende erschliesst, als der Film zu seiner bitterbösen Schlusspointe ausholt.

Ab 12. März 2015 im Kino.

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