KuratorInnen (2) : Haben Sie heute schon kuratiert?

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In einer immer unübersichtlicheren Welt avanciert der Kurator zur Retterfigur, die Ordnung stiftet. Aber wenn alles schon Kuratieren ist, was hat das Wort überhaupt noch zu bedeuten?

Gut, man muss vorsichtig sein mit diesem Google-Spielzeug, aber das ist wirklich mal eine frappante Wortgeschichte: Sucht man in allen von Google gescannten Büchern nach dem Wort «kuratieren», dann verläuft die Kurve bis 1992 flach auf der Null. Das Wort taucht in keinem einzigen Buch auf, danach geht die Kurve ansatzlos steil nach oben.

«Kuratieren» ist längst ein Zentralbegriff des immer schwerer zu benennenden Jetztgefühls. Eigentlich stammt der Begriff aus der Kunst, aber die Tätigkeit des Kurators, der Kuratorin hat sich längst verselbstständigt. Heute kann alles kuratiert werden: von einer Jukebox über einen Modeblog bis hin zur Vortragsreihe, dem Restaurantmenü oder gar dem eigenen Facebook-Profil. «Curating Everything», der Titel einer aktuellen Tagung im Zürcher Migros-Museum, hat also durchaus seine Berechtigung.

Aber wenn fast alles Gestalten und Auswählen schon Kuratieren ist, was hat das Wort dann überhaupt noch zu bedeuten? Beziehungsweise: Wenn fast jeder, der Kreativität versammelt, damit im eigentlichen oder auch übertragenen Sinn einen Kunstraum eröffnet, wer braucht dann noch Museen?

Kunst schafft nicht mehr

Der Erfolg des Konzepts «Kuratieren» zeigt sich auch darin, dass an Universitäten und Kunsthochschulen seit einigen Jahren entsprechende Lehrgänge en masse entstehen, wo KuratorInnen früher meist ganz ordinär Kunstgeschichte studiert haben. Das ist nicht allein Veränderungen in der Kunstproduktion geschuldet, sondern geht mit ökonomischen wie gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen einher. In einer immer unübersichtlicheren Welt erscheint die Kuratorin als Retterfigur: Wer kuratiert, wählt aus, scheidet Wichtiges von Unwichtigem, hortet also gewissermassen einen dieser Stempel, mit denen Gültiges aus dem alltäglichen Allerlei herausgehoben wurden, als es noch Institutionen gab, die sich offiziell um so was kümmerten. Heute fürchten wir ja oft, es gebe nur noch einen nicht abbrechenden Strom der subjektiven Vorlieben. Also bestimmen wir neue Autoritäten und lassen sie diese Übersicht zumindest kurzfristig wiederherstellen, in laufend wechselnden Räumen, in fliessend musealen Kontexten.

In einem klugen Beitrag in der Zeitschrift «Texte zur Kunst» hat der belgische Kurator Dieter Roelstraete unlängst darauf hingewiesen, dass man vielleicht nicht nach der Machtverteilung fragen sollte, wenn man wissen möchte, warum plötzlich alle KünstlerInnen auch KuratorInnen sein wollen. Besser wäre es, sich klarzumachen, was denn «Arbeit» im Feld der Kultur überhaupt noch bedeute. Wenn alle nur noch «Projekte» haben und die Trennlinien zwischen Profi und Amateur in Zeiten der allumfassenden Ökonomisierung nicht mehr so deutlich gezogen werden, dann ist vielleicht tatsächlich vieles, was KünstlerInnen so umtreibt, ganz selbstverständlich auch kuratorische Aktivität. Früher hätte man wohl gesagt: einen Salon betreiben, Gäste versammeln, Ideen austauschen. Heute sagt man: netzwerken, Offspaces einrichten, Kollektive aufbauen. Und dabei manchmal auch noch Kunst machen.

Noch wichtiger scheint allerdings – und da erklärt sich auch das Ausgreifen des Kuratorkonzepts weit über die zeitgenössische Kunst hinaus – eine grundsätzliche Verschiebung im Verständnis der Autorschaft und im Wesen des Originalen. Verkürzt gesagt: Kunst schafft nicht mehr (und schon gar nicht: Neues, das mit dem Früheren gründlich aufräumt). Lieber verweist sie, kocht auf, formt um, verleibt sich ein. Das Prinzip «Abschreiben bei anderen» ist längst offizielle Methode und wird unter dem Stichwort «Appropriation Art» auch durchaus kontrovers diskutiert. Dazu gehört die Frage, ob eine kuratierte Ausstellung ihrerseits wiederum ein Kunstwerk darstellen kann und wie fair ein solcher kreativer Selbstbedienungsladen eigentlich denen gegenüber ist, die das Rohmaterial geliefert haben.

Harald Szeemann als Übervater

Letztlich drehen sich solche Diskussionen aber im Kreis, wenn sowieso alles auf alles verweisen kann – willkommen im grossen Referenzgewitter. «Relationale Ästhetik» nennen es die ExpertInnen, viel schöner auf den Punkt bringt es aber die Remixkultur. Der DJ ist in gewisser Weise der Inbegriff des Kurators: ein Musiker, der keine Musik macht, sondern sie «nur» kompiliert – und dabei einen guten Geschmack beweist. So schafft er einerseits einen Raum für eine verschworene Runde, die keine Hierarchien mehr kennt, weil ja eigentlich jeder ein DJ ist (und sei es nur für die eigene Playlist). Und indem er diesen Raum schafft, avanciert er paradoxerweise selber wieder zum Star, zu einem Primus inter Pares.

Diesen Starkult haben wiederum die KuratorInnen vorweggenommen, mit Harald Szeemann als Übervater oder Hans Ulrich Obrist als aktuellem Beispiel. Und diese Stars unter den OrdnungshüterInnen werden umso wichtiger, als sich die ästhetischen Kriterien und die Hierarchien einebnen. Insofern wäre das umfassende Kuratieren also Ausdruck eines kleinen Selbstbetrugs, was unser kreatives Potenzial angeht: Jeder ist ein Künstler, aber Gott ist immer noch der DJ.

Tagung «Curating Everything (Curating as Symptom)», Freitag, 20. März 2015, 13–17 Uhr, 
im Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich. www.migrosmuseum.ch

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