Nr. 18/2015 vom 30.04.2015

Heute betritt er die Bühne von hinten

Aernschd Born hat viele Leben gelebt. Wahrgenommen wird er vor allem als Haussänger der Anti-AKW-Bewegung. Der Musiker, der am äussersten Rand der Schweiz zu Hause ist, hat sich mittlerweile mit diesem Image versöhnt.

Von Sarah Schmalz (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

Die «moralische Instanz» der Anti-AKW-Bewegung im Studio an der Basler Grenze.

Aernschd Born hat sein Glück zwischen einer Imbissbude und dem Zollhäuschen Otterbach gefunden. Ein Asylzentrum mit Ausschaffungsgefängnis komplettiert diese Nachbarschaft im Basler Niemandsland an der deutschen Grenze. Täglich stauen sich hier die Autos. Ein Klappschild bewirbt den Europapark Rust. Born hat hier vor allem eines: viel Platz – Platz für sein Lebenswerk, das er in einem barackenartigen Flachbau untergebracht hat, den er mit seiner Frau auch bewohnt.

Ein Banner hängt an der Fassade: «Dokumentationsstelle Atomfreie Schweiz». Drinnen reihen sich auf noch halb leeren Regalen graue Ordner aneinander – gefüllt mit Erinnerungen. Borns Archiv ist auch sein Musikrefugium: Im Nebenraum hat er, dessen «Ballade von Kaiseraugst» wie kein zweites Lied für den kämpferischen Geist der Schweizer Anti-AKW-Bewegung steht, sein Studio eingerichtet.

Den Altachtundsechziger sieht man Aernschd Born nicht an: Das helle Hemd ist in den hoch geschnittenen Jeans versorgt, die Lesebrille bieder; die grauen Haare sind kurz geschnitten. Aber Born spricht wie ein Hippie: Er habe für ein Bühnenstück einst die Utopie entworfen, «dass die ganze Welt an einem Tisch zusammenkommt», sagt er. Hier an seinem Wohnort, so scheine es ihm, verwirkliche sich diese Fantasie. Born spricht von den Flüchtlingen, die im Grenzgebiet ihre Tage fristen. Oft sieht er sie vor seinem Haus vorbeigehen: Frauen, Kinder und junge Männer auf dem Weg zur nahe gelegenen Telefonkabine, wo sie geduldig darauf warten, bis sie an der Reihe sind.

Born erzählt gerne und viel. Sympathisch macht ihn, dass er dabei sein Scheitern nicht ausklammert. In den achtziger Jahren war Aernschd Born, der fast zehn Jahre lang von seinen Auftritten gelebt hatte, plötzlich nicht mehr gefragt. Impulsiver und gewaltbereiter sei die neue Bewegung gewesen, sagt er. Sich ruhig hinsetzen und jemandem zuhören war nicht mehr angesagt. «Der Gitarrendreiklang passte nicht mehr zum Missklang der Welt.»

Zu viel Geld verlocht

«Was singst du denn da?», wurde Born gefragt, wenn er auftrat, «Wo bleibst du?», wenn er es nicht tat. Also versorgte der Musiker seine Akustikgitarre im Schrank und gründete die Punk-Performance-Band Störfall. Während er als Liedermacher die Welt besungen habe, «brachte Störfall die Realität auf die Bühne. Wir haben Essen ans Publikum verteilt oder zur Abwechslung auch tonlos gespielt. Luftgitarre. Das war toll. Doch wir haben zu wenige Auftritte gekriegt.» Nach drei Jahren Störfall hatte Aernschd Born mehr Geld verlocht, als er je in seinem Leben besessen hatte. Born, der Performance-Punk, war an seiner friedensbewegten Vergangenheit gescheitert. Dabei sei es eher ein Zufall, dass er zur Galionsfigur der Anti-AKW-Bewegung geworden sei, sagt Born. Als junger Liedermacher habe er einfach über das gesungen, was ihn damals bewegte. Die Hippiebewegung habe ihn aufgewühlt. Born, der aus einer «guten kleinbürgerlichen Familie stammt», rebellierte gegen das Elend der Welt – und gegen die gesellschaftliche Enge.

Genau vierzig Jahre ist die erfolgreiche Besetzung des Atomgeländes Kaiseraugst her. Ein halbes Jahr vorher hatte der damals 26-jährige Born seine Stelle als Reproduktionsfotograf gekündigt, um ganz von der Musik zu leben. Zum gesellschaftskritischen Texter sei er vor allem dank seines Engagements in der wachsenden Drogenszene geworden, sagt Born. Mit Freunden rief der Musiker das «Speak-Auti» ins Leben. Das Fahrzeug auf dem Basler Barfüsserplatz war eine wichtige Anlaufstelle für Süchtige.

Losgelassen hat Born seine Vergangenheit nie. Wenn man politische Lieder singe, werde man als moralische Instanz wahrgenommen, sagt er. Dabei sei er voller Widersprüche. Einer, der sich um die Umwelt sorge, aber gerne Auto fahre. Der gegen Massentierhaltung sei und dennoch Fleisch esse.

Einblicke in die Businesswelt

Nach Störfall ging Born in die Werbung, produzierte Spots für Radio Basilisk, um seine Schulden zu tilgen. Das hätten ihm viele Linke übel genommen, sagt er. Genauso wie seinen späteren Job als Drehbuchautor für konzerninterne Weiterbildungen. Er sei halt viel mehr «Wunderfitz als Idealist». «Ich fand es spannend, Einblick in die kapitalistische Businesswelt zu gewinnen, über die ich oft singe.»

Heute ist Aernschd Born mit der Szene versöhnt, von der er sich zwischenzeitlich abgewendet hatte. Er tritt wieder auf, wenn AKW-GegnerInnen demonstrieren. Doch habe er gelernt, sich abzugrenzen. «Ich betrete die Bühne von hinten. Und nicht mehr wie früher aus dem Publikum heraus.» Mehr Künstler als Aktivist also will Born heute sein. Dass er trotz seines breiten musikalischen Schaffens vor allem mit Kaiseraugst in Verbindung gebracht wird, damit hat sich der heute 66-Jährige inzwischen abgefunden. Am 1. April hat er seine Dokumentationsstelle eröffnet. Mit seiner Born Band tritt er ein paarmal im Jahr auf. Vor allem in Kleintheatern, Schulen und Kneipen.

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