Nr. 18/2015 vom 30.04.2015

Dein persönlicher Beitritt

Ruedi Widmer findet, der Weg nach Europa führt an Bern vorbei

Von Ruedi Widmer

In Florenz ist mir an einer Hausecke ein angeklebtes A3-Plakat aufgefallen, das für ein «Festival d’Europa 2015» wirbt unter dem Motto «Nice to meet EU». Das Selbstbewusstsein der Europäischen Union ist mittlerweile so gross wie das einer Schülerband. Die verschämt angebrachte Annonce könnte aber auch eine neue Strategie andeuten: die EU als subversive Kraft, die im nationalistischen Mainstream ein Nischenpublikum gewinnen will; die EU als Punkbewegung, als revolutionäre Zelle; die EU Provokation der Jugend gegen die an Europa zweifelnde Elterngeneration der Babyboomer.

Vielleicht ist es auch eine Strategie, um die linksliberalen europafreundlichen Kräfte zurückzugewinnen, die besorgt aufs Mittelmeer und nach Brüssel schauen. Denn die EU-Flüchtlingspolitik ist klar auf die nationalistischen Kreise in den Mitgliedsländern ausgerichtet, um dort einen Sinn für die EU zu erzeugen.

Dieser Spagat ist für die EU nicht lange zu halten. Noch nie war 1945 so weit weg – trotz Jubiläum. Es rächt sich nun, dass die EU aufklärerisch-technokratisch und nicht religiös-emotional konzipiert ist. Es fehlen die Mythen, die Hymnen, die Choräle, die Kultstätten, die Symbolik. Im zertrümmerten Nachkriegseuropa war das alles tabu, und man suchte die Nähe zur Moderne, zur Atomkraft, zur Autobahn, zum Handel. Die USA decken mit ihrem Adler und ihren Mythen alle Seiten ab, fortschrittsgläubige Technokratinnen, liberale Denker, rücksichtslose Kapitalistinnen, christliche Fundamentalisten. Man hätte die alliierte Befreiung Europas zu einer göttlichen Heldentat erweitern sollen, so wie die RussInnen es mit ihrem Vaterländischen Krieg oder die Blochers mit ihrer Familiengeschichte tun. Doch dann käme zum Vorschein, dass diese Befreiung in erster Linie nicht eine europäische Leistung, sondern eine der USA und der Sowjetunion war.

Gerade weil die EU für den gefühlsbetonten und heldengeschichtlich verwöhnten Schweizer keinen mythischen Überbau vorweisen kann, muss sie den zweiten Aspekt wählen, mit dem sich Schweizer Herzen gewinnen lassen: den maximalen Profit. Die EU sollte endlich den persönlichen EU-Beitritt ermöglichen.

Wenn die Schweiz als Staat der EU fernbleibt, können wenigstens Sie als Schweizer Einzelperson unter dem Motto «Das Beste aus zwei Systemen» EU-Mitglied werden.

Sie bleiben Schweizer Bürgerin, profitieren aber vom EU-Binnenmarkt und werden, unabhängig von Ihrem Wohnort, im Kanton Schwyz günstig pauschal besteuert. Wenn Sie in der Schweiz wohnen, bezahlen Sie die Miete zu günstigeren EU-Preisen. Wenn Sie in der Schweiz bei Coop oder in der Migros einkaufen, tun Sie das zu EU-Preisen. Das Vorzeigen des EU-Beitrittspasses an der Kasse reicht. Sie erhalten IMMER Schweizer Löhne, egal, ob Sie in der Schweiz oder in der EU arbeiten. Sie dürfen an den Schweizer und an den EU-Wahlen teilnehmen. Sie nehmen nicht an der Schweizer Flüchtlingspolitik teil, für Sie ist die harte EU-Flüchtlingspolitik massgebend. Wenn Frau Sommaruga die persönliche Aufnahme von Eritreern oder Syrerinnen in Ihrem Haus anordnet – zeigen Sie Ihren EU-Beitrittspass, und Sie sind fein raus. Im gesamten EU-Raum dürfen Sie schweizerdeutsch sprechen und werden auch verstanden, sofern Sie Ihren EU-Beitrittspass vorweisen. Auch der SVP-Wähler sieht hier nur Vorteile!

Der Vertrag zwischen Ihnen und der EU tangiert die Schweizer Eidgenossenschaft nicht und kann so auch nicht vom Bund oder der SVP gekündigt werden.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur und zeichnet nach EU-Recht.

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