Nr. 19/2015 vom 07.05.2015

Der andere 8. Mai

Am 8. Mai 1945, an dem die Nazis in Reims die Kapitulation unterzeichneten, begannen französische Soldaten, Polizisten und Kolonisten in Nordalgerien ein fürchterliches Massaker.

Von Josef Lang

Es war ein riesiger Zug, der sich am 8. Mai im algerischen Sétif Richtung Kriegerdenkmal bewegte, um den Sieg über den Faschismus zu feiern und die eigene Freiheit zu fordern. Die TeilnehmerInnen, von denen etliche in der Armee der France libre gekämpft hatten, trugen Transparente mit Aufschriften wie «Es lebe die Atlantikcharta!».

Das Abkommen der USA und Britanniens vom August 1941 postulierte das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Neben den Fahnen der Alliierten trugen einzelne DemonstrantInnen auch die algerische. Als die Polizei einen Fahnenträger tötete und aus Fenstern auf den Umzug geschossen wurde, rannten die DemonstrantInnen in die Seitengassen. Die Bauern, die ihre traditionellen Dolche im Gewand trugen, töteten und verletzten dabei Dutzende von EuropäerInnen.

Die Mitschuld der Linken

Auf diesen Gewaltausbruch reagierte die Kolonialmacht mit härtester Repression. Die Luftwaffe und die Marine bombardierten und beschossen Dörfer, in denen Unruhen ausgebrochen waren. Die Armee setzte Mörser gegen Menschenansammlungen ein. Die Polizei und die Bürgerwehren führten Massenerschiessungen durch. Um die Spuren zu verwischen und eine Untersuchung zu verhindern, wurden die in Massengräbern verscharrten Leichen später wieder ausgegraben und in den Kalköfen von Heliopolis verbrannt. Die Einheimischen wurden systematisch gedemütigt. So zwangen Kolonisten ausgehungerte Bauern, auf die Knie zu sinken und zu schreien: «Wir sind Juden. Wir sind Hunde. Lang lebe Frankreich!»

Während die Zahl der europäischen Todesopfer bekannt ist, es waren offiziell 102, wird um die der algerischen immer noch gestritten. Der US-amerikanische Konsul von Algier schätzte damals 40 000 bis 45 000 Todesopfer. Die algerische Regierung geht heute noch von dieser Zahl aus. Der Historiker Jean-Louis Planche, von dem die jüngste Gesamtübersicht stammt, kommt auf 20 000 bis 30 000 Tote. Auf jeden Fall waren die westlichen Diplomaten entsetzt über das Ausmass der Repression. Der britische Konsul schrieb am 23. Mai: «Die Franzosen wissen nicht, wie man mit solchen Unruhen umgeht.» Der Schweizer Konsul führte am 15. Mai die Unzufriedenheit der BerberInnen auf die «absolut ungenügenden» Brotrationen von «bloss 300 gr.» zurück. In einem zweiten Bericht vom 12. Juni wies er darauf hin, dass die meisten «Franzosen von hier» im Geheimen Philippe Pétain, dem mit den Nazis kollaborierenden Staatschef des Vichy-Regimes, «weiterhin die Treue bewahren».

Während die behördliche Repression in den Händen von Gaullisten und Linken lag, waren die gut bewaffneten Kolonisten, die in Bürgerwehren organisiert waren, mehrheitlich Rechtsextreme. Umso absurder war es, dass «Le Populaire», das Organ der SozialistInnen, die den Innenminister stellten, die nationalistischen «Unruhestifter» mit «Nazi-Agenten» und «religiösen Sekten» in Verbindung brachte. «L’Humanité», das Organ der KommunistInnen, die den Luftwaffenminister stellten, ging am selben Tag, dem 12. Mai, noch einen stalinistischen Schritt weiter: «Man muss die Organisatoren der Revolte und die Handlanger der Meuterei sofort bestrafen, und zwar gnadenlos und schnell.»

Camus’ Richtigstellung

In den folgenden Tagen erschien im unabhängigen «Le Combat» eine Artikelserie von Albert Camus, der die Dummheiten der offiziellen Linken richtigstellte. Der im Armenquartier von Algier aufgewachsene Schriftsteller verurteilte das Massaker, schilderte das Elend und den Hunger in den Dörfern und wies darauf hin, dass die geringen Lebensmittelrationen für AlgerierInnen besondere Empörung auslöse. Er verteidigte zwar nicht die Unabhängigkeit, aber die demokratische Gleichberechtigung der AlgerierInnen im Rahmen einer eigenen Verfassung und eines eigenen Parlaments.

Nach Sétif nahm die junge Generation Kurs auf den bewaffneten Befreiungskampf. Dieser dauerte von 1954 bis 1962. Danach brauchte es fast ein halbes Jahrhundert, bis sich die französische Regierung für das Massaker halbwegs entschuldigte.

Jean-Louis Planche: «Sétif 1945, histoire d’un massacre annoncé». Éditions Perrin. Paris 2006.

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