Nr. 25/2015 vom 18.06.2015

Die Krise der Atomindustrie

Frankreichs Atomindustrie stehen schwere Zeiten bevor. Der Bau neuer Reaktoren entwickelt sich zu einem Debakel. Derweil fördert nun selbst Frankreich erneuerbare Energien.

Von Bernard Schmid, Paris

Frankreichs Atomindustrie bangt um ihre Zukunft. Während im französischen Parlament jüngst über den Anteil des Atomstroms in den kommenden Jahren diskutiert wurde, musste sich der führende Nuklearkonzern Areva bereits ernsthaft Sorgen machen. Seinem Prestigeprojekt, der Entwicklung des sogenannten Europäischen Druckwasserreaktors (EPR), droht der Kollaps.

Der EPR sollte eigentlich zum französischen Exportschlager werden und eine neue Generation von Atomkraftwerken begründen. Der Bau des Prototyps wurde 2005 im finnischen Olkiluoto in Angriff genommen. Areva versprach, bis 2009 eine Anlage zum Fixpreis von drei Milliarden Euro zu bauen. Inzwischen belaufen sich die Kosten auf neun Milliarden, und der Bau soll frühestens im Jahr 2018 fertig sein.

Gefährliche Mängel

Ähnlich desaströs verläuft der EPR-Bau im französischen Flamanville. Unter der Federführung der ebenfalls staatlich dominierten Elektrizitätsgesellschaft Électricité de France (EDF) wird hier seit 2007 gearbeitet. Die Kosten sind aus dem Ruder gelaufen, und der ursprüngliche Zeitplan ist längst Makulatur: Waren zu Beginn 3,3 Milliarden Euro budgetiert, so wird jetzt mit 8,5 bis 9 Milliarden Euro gerechnet. Und war ursprünglich von einer Einweihung im Jahr 2012 die Rede, so wird diese inzwischen frühestens für 2018 erwartet.

Noch schwerer wiegen allerdings die technischen Probleme, die inzwischen die Fertigstellung vollkommen infrage stellen: Mitte April wurde bekannt, dass der Reaktordruckbehälter, um den die gesamte Anlage konstruiert ist, gefährliche Mängel aufweist. Die von Areva für den Mantel des Behälters verwendete Stahllegierung weist eine unzureichende Reissfestigkeit auf, dies hatten Tests der französischen Atomaufsichtsbehörde ergeben. Wenn nach Inbetriebnahme der Reaktor schnell und plötzlich abgekühlt werden müsste, könnte dies zu einem nuklearen Unfall führen. Der Reaktordruckbehälter ist das Herzstück eines Atomkraftwerks und kann nach Inbetriebnahme nicht mehr ausgetauscht werden. Areva muss nun bis Oktober einen Bericht zu den Problemen abliefern. Ausserdem werden weitere Tests durchgeführt. Falls sich die Mängel bestätigen, muss Areva den gesamten Druckbehälter austauschen, was hohe Kosten und nochmals mehrere Jahre Verzögerung bedeutete.

Die Probleme lassen vermuten, dass sich die finanzielle Schieflage des Atomkonzerns, bei dem der französische Staat 87 Prozent der Aktien hält, noch verschärfen wird. Im vergangenen Jahr fuhr Areva bereits viereinhalb Milliarden Euro Verlust ein. Und seit März wird darüber spekuliert, dass der Konzern in verschiedene Sparten aufgeteilt werden könnte. So könnte der Bereich des Anlagenbaus der EDF zugeschlagen werden. Anfang Mai kündigte Areva den Abbau von Tausenden Arbeitsplätzen an, darunter bis zu 4000 in Frankreich.

Die Probleme bei Areva werfen ein Schlaglicht auf die gesamte Atompolitik Frankreichs. Eigentlich war der Atomkraftwerksbau auch für die Zukunft als wichtiger Pfeiler der französischen Exportindustrie vorgesehen. So ist allein mit Saudi-Arabien der Bau von sechzehn EPR vereinbart worden. Ob sich das nun so umsetzen lässt, ist fraglich. In den USA, Britannien und China sind EPR bereits im Bau. Auch dort könnte es nun zu schweren Problemen kommen, denn für die Druckbehälter wurde die gleiche Stahllegierung wie in Flamanville verwendet.

Nur noch 50 Prozent Atomstrom

Die französische Regierung versucht nun, die heimische Industrie im Bereich der erneuerbaren Energien zu fördern. Am 26. Mai hat die französische Nationalversammlung das Gesetz zum «Übergang der Energieversorgung» in zweiter Lesung verabschiedet. Es enthält die Zielsetzung, bis im Jahr 2025 den Atomstromanteil an der französischen Elektrizitätsversorgung von derzeit rund 75 auf 50 Prozent zu reduzieren.

Dies entspricht einem Wahlkampfversprechen von Präsident François Hollande von vor drei Jahren. Darüber hinaus gilt es als Zugeständnis an die grüne Partei Europe Écologie – Les Verts, mit der die VertreterInnen des Parti Socialiste nach den gewonnenen Wahlen von 2012 eine Koalitionsvereinbarung ausgehandelt hatten.

Allerdings ist dieses Ziel nicht besonders ambitioniert. Denn die Hälfte der französischen Atomkraftwerke wird zwischen 2019 und 2025 sowieso vierzig Jahre alt, was der ursprünglich vorgesehenen Höchstlaufzeit entspricht. Ein Weiterbetrieb hätte teure Nachrüstungen zur Folge. Eine Studie der staatlich finanzierten Agentur für Umweltfragen und Energieeinsparung kommt denn auch zum Schluss, dass Frankreich ohne Mehrkosten auch ganz auf erneuerbare Energien umstellen könnte.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Die Krise der Atomindustrie aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr