Nr. 27/2015 vom 02.07.2015

Helfen wir den GriechInnen!

Von Susan Boos

Das Land ist bankrott, heisst es. Als ob Griechenland eine Firma wäre, die seit Mittwoch ihre Gläubiger nicht mehr befriedigen kann. Das Prozedere wäre dann einfach: Die Firma wird abgewickelt, die Angestellten werden entlassen, das letzte Hab und Gut veräussert. Griechenland ist aber keine Firma. Man kann die GriechInnen nicht entlassen. Doch die Gläubiger holen sich längst, was zu holen ist.

Wörter verschleiern Macht und Ohnmacht. Das «Hilfspaket» etwa suggeriert, dass die Europäische Union helfen will und die unvernünftige griechische Regierung das verhindert. Das «Hilfspaket» enthält jedoch kaum Hilfe für die GriechInnen. Oder wie der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz in seinem aktuellsten Beitrag schreibt: «Wir sollten uns klar sein: Fast nichts von dem vielen Geld, das Griechenland geliehen wurde, ist wirklich dahin geflossen. Es wurde genutzt, um die privaten Gläubiger zu bedienen – inklusive deutscher und französischer Banken.»

Stiglitz sagt auch, noch nie sei ein Land in eine derart verheerende Depression getrieben worden. Binnen weniger Jahre ist das Bruttoinlandsprodukt um ein Viertel geschrumpft, die Arbeitslosigkeit stieg auf über dreissig Prozent, ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze.

Wer jemals geglaubt hat, die EU sei ein Friedensprojekt: In Griechenland manifestiert sich das Gegenteil. Die Katastrophe verschwimmt zwar hinter vielen Zahlen. «Viele Milliarden» Euro Schulden klingt immer mächtiger als «einige Hundert» Menschen, die an den Folgen der Hilfspakete sterben. Hätte ein Tsunami das Land erwischt, die Welt wäre gerührter.

Der Effekt ist aber schlimmer. Griechenlands Tragödie gleicht einem reissenden Strom, der sich seit Jahren über das Land ergiesst und alles mitreisst, was einen normalen europäischen Staat ausmacht: dass Kinder nicht hungern, dass Menschen im Winter ihre Wohnungen heizen können, dass man nicht an Diabetes stirbt, weil man sich das Insulin nicht leisten kann. In Griechenland ist das Alltag.

1981 trat das Land der EU bei. Damals war die sozialdemokratische Pasok an der Macht. Sie hat vieles falsch gemacht, aber nicht nur. Sie baute zum Beispiel erstmals in der Geschichte des Landes ein Gesundheitssystem auf, das für alle erschwinglich und zugänglich war.

Finanziert wurde es durch Beiträge über das Arbeitseinkommen. Wer eine bezahlte Arbeit hatte, war automatisch versichert und die ganze Familie mit dazu. Das System wies Mängel auf und war korrupt. Die Spitäler waren überversorgt mit teuren Tomografen. Es wurden fast nur Originalmedikamente verschrieben, keine Generika. Profitiert hatten vor allem die Pharmafirmen und die Hersteller teurer Geräte.

Man hätte die Gesundheitsversorgung besser und günstiger machen können –und müssen. Aber es starben keine KrebspatientInnen, weil sie sich die Therapie nicht leisten konnten. Heute sterben sie. Das Gesundheitsbudget wurde drastisch zusammengekürzt, Kliniken wurden geschlossen. Mit der Arbeit verloren viele die Krankenversicherung. Die Kindersterblichkeit ist in Griechenland markant gestiegen, weil die Frauen sich die Voruntersuchungen nicht mehr leisten können. Eine Klinik hat nach der Geburt auch schon Babys zurückgehalten, bis die Eltern die Kosten fürs Gebären beglichen hatten.

Wöchentlich sterben Menschen, die nicht sterben müssten. Dass es nicht Tausende sind, ist den solidarischen Kliniken zu verdanken, die es inzwischen in vielen griechischen Städten gibt. Die ersten entstanden vor einigen Jahren, um den mittellosen Flüchtlingen zu helfen. Inzwischen versorgen sie vor allem arbeitslose und unversicherte GriechInnen. Die Solidaritätskliniken können nur dank Spenden überleben. In Deutschland oder Österreich existieren seit längerem diverse Organisationen, die diese Kliniken mit Medikamenten und Geld unterstützen.

Seit kurzem ist in der Schweiz der Verein «Solidarität mit Griechenland» aktiv, gegründet hat ihn Rita Schiavi (Gewerkschaft Unia) zusammen mit Jo Lang (Grüne), Cédric Wermuth (SP-Nationalrat) und Fabian Molina (Präsident Juso). Diesen Donnerstag, am Erscheinungstag dieser WOZ, organisiert der Verein in Bern eine erste Kundgebung. Er will auch Geld sammeln, das via Solidarity4all den Solidaritätskliniken zukommen soll. Solidarity4all (siehe WOZ Nr. 4/2015) ist eine Dachorganisation, die die verschiedenen Basisprojekte koordiniert und dafür sorgt, dass auch kleine Solidaritätskliniken in den Regionen Spenden erhalten. Die Dachorganisation selbst finanziert sich nicht durch Spendengelder, sondern durch Abgaben der Syriza-Abgeordneten.

Es ist bitter, dass man im heutigen Europa Spenden sammeln muss, damit EU-BürgerInnen nicht elend zugrunde gehen. Aber es ist bitter nötig – jetzt und wohl noch viele Jahre. Egal ob die GriechInnen am Sonntag Ja oder Nein stimmen.

«Solidarität mit Griechenland – Nein zum Troika-Diktat»: Kundgebung am Donnerstag, 2. Juli 2015, 18 Uhr, in Bern, vis-à-vis Bundesgasse 18 (EU-Botschaft).

Spenden für Griechenland: Verein «Solidarität mit Griechenland», 4058 Basel, PC 61–95 337-3. Die Gelder gehen an griechische Solidaritätskliniken (siehe WOZ Nr. 28/2015).

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch