Nr. 33/2015 vom 13.08.2015

Kriege führen und Filme fördern

Prominente Kulturschaffende kritisieren die Zusammenarbeit des Filmfestivals Locarno mit dem vom israelischen Aussenministerium unterstützten Israel Film Fund.

Von Silvia SüessMail an Autor:in, Locarno

«Geht es euch ums Geld?» Diese Frage stellte der palästinensische Schauspieler Saleh Bakri («The Band’s Visit») an die Adresse des Filmfestivals Locarno. Bakri trat vergangene Woche an einer Pressekonferenz der Kampagne BDS Schweiz auf, die «Boykott, Desinvestition und Sanktionen» als Druckmittel propagiert, um Israel zur Respektierung des internationalen Rechts zu zwingen. Wie Bakri unterzeichneten 200 Kunstschaffende – darunter Ken Loach, Jasmila Zbanic oder Stina Werenfels – einen Appell, in dem sie kritisierten, dass das Festival für die Reihe «Carte Blanche» mit sechs israelischen Filmen direkt mit dem Israel Film Fund zusammenarbeitet. Dieser finanzierte unter anderem die Reise der RegisseurInnen in die Schweiz. «Wenn es euch ums Geld geht, hätten wir in Gaza Geld sammeln können, damit die ausgewählten Filmemacher in die Schweiz hätten reisen können», so Saleh Bakri.

Nur «israelische» Filme erwünscht

Die Kulturschaffenden begründen ihre Kritik damit, dass der Israel Film Fund vom israelischen Aussenministerium unterstützt werde. «Angesichts der Kriegslust, die durch das Ministerium gerechtfertigt wird, fordern wir das Festival auf, seine Beziehungen zum Staat Israel zu überdenken.» Die Partnerschaft mit dem Israel Film Fund, dem israelischen Aussenministerium und allen anderen offiziellen israelischen Institutionen soll seitens des Festivals aufgekündigt werden.

Festivaldirektor Carlo Chatrian reagierte auf den Protest, indem er die Reihe eilends in «First Look» umbenannte; er wollte nicht den Eindruck erwecken, als habe er Israel eine Carte blanche erteilt. Die Selektion der in Locarno gezeigten Filme erfolgte durch das Festival, der Israel Film Fund hatte eine Vorauswahl getroffen. Der israelische Aktivist Ronnie Barkan kommentierte die Umbenennung der Reihe sarkastisch: «Es wäre besser gewesen, die Festivalleitung hätte einen ‹Second Look› nach Israel geworfen.» Barkan betonte an der Pressekonferenz, dass es nicht um einen Boykott gegen einzelne Filme oder einzelne Filmschaffende gehe, sondern gegen eine staatliche Förderinstitution.

Der Israel Film Fund unterstützt das israelische Filmschaffen mit rund sechs Millionen Euro pro Jahr. Unter anderem finanzierte er – durchaus kritische – Filme wie ««The Band’s Visit» (2007), «Waltz with Bashir» (2008) oder «Lebanon» (2009). Letztes Jahr lief an den Filmfestspielen in Venedig der vom Fonds unterstützte Film «Villa Tuma» der palästinensischen Regisseurin Suha Arraf.

Künstlerische Freiheit eingeschränkt

Dass dieser als palästinensischer Film präsentiert wurde, löste heftige Diskussionen in Israel aus und führte dazu, dass nur noch Filme gefördert werden, die als «israelisch» gekennzeichnet werden. Ausserdem hat Miri Regev, die neue israelische Kulturministerin, vor kurzem klar kommuniziert, wie sie ihr Amt versteht. «Ich werde keine Einrichtungen unterstützen, die den Staat Israel delegitimieren. Punkt!», sagte sie kürzlich im israelischen Fernsehen. Meinungsvielfalt sei schön und gut, aber nicht, wenn Israels Ansehen damit untergraben werde.

Bakri, der als Palästinenser in Israel lebt, ist entsetzt darüber: «Unsere künstlerischen Freiheiten werden immer mehr eingeschränkt.» Der Schauspieler präsentiert heuer selbst keinen Film in Locarno. Wenn er einen im Programm gehabt hätte, so Saleh Bakri, hätte er ihn nicht zurückgezogen, wie das zwei tunesische Kollegen machten. Sondern: «Ich hätte meinen Film gezeigt, im spannendsten Moment die Vorführung unterbrochen und auf unser Anliegen aufmerksam gemacht.»

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