Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

«Wir ersetzen nicht den Staat»

Die Lebensumstände vieler GriechInnen sind weiterhin prekär. Die Menschen wehren sich mit Solidarität – die auch die Flüchtlinge mit einschliesst, sagt Sofia Tzitzikou, Präsidentin von Unicef Griechenland.

Von Raphael Albisser (Interview und Foto)

Sofia Tzitzikou

WOZ: Frau Tzitzikou, nach wie vor leidet die griechische Bevölkerung unter der Austeritätspolitik, aber in den hiesigen Medien ist meist nur von den Flüchtlingen die Rede. Fühlen sich die Griechinnen und Griechen vernachlässigt?
Sofia Tzitzikou: Ich sehe das nicht so. Die griechische Gesellschaft weist auf eine neue humanitäre Krise hin, die zur bereits bestehenden hinzugekommen ist. Sie will die Öffentlichkeit im restlichen Europa sensibilisieren.

Man hört viel von der Hilfsbereitschaft der griechischen Bevölkerung den Flüchtlingen gegenüber. Woher nehmen die Menschen die Energie?
Das ist Ergebnis eines Prozesses, der 2010 mit der Schuldenkrise begann. Wir sind mittlerweile geübt im solidarischen Handeln. Nun stiessen immer mehr bedürftige Menschen aus aller Welt hinzu, und wir waren bereit dafür. Denn Solidarität kennt keine Herkunft.

Sie arbeiten als Pharmazeutin in einer von 55 Solidaritätskliniken, die in ganz Griechenland betrieben werden. Wie sind diese entstanden?
Die Kliniken waren die Antwort der Zivilgesellschaft auf die Sparmassnahmen. Viele haben nach Wegen gesucht, dem Druck auf lokaler Ebene zu begegnen: Gewerkschaften, kleine Gruppierungen, Einzelpersonen – sie alle schufen solidarische Strukturen. Die Kliniken entstanden gewissermassen auf natürlichem Weg, denn sie waren zwingend nötig. Alle konnten das sehen, denn es betraf unsere Nachbarn, unsere Familien, uns selbst.

Als die Austeritätspolitik Einzug hielt, wurde die humanitäre Krise am schnellsten und am deutlichsten im Gesundheitswesen erkennbar. Denn dieser Sektor kam als erster unter Beschuss. Durch die explodierende Arbeitslosigkeit verloren enorm viele Leute ihre Krankenversicherung und damit Zugang zu medizinischer Behandlung, zu Spitälern und Medikamenten. Als ich 2013 anfing, mich in der neuen Solidaritätsklinik zu engagieren, kannte ich dort niemanden. Aber wie alle anderen Beteiligten war ich auf der Suche nach einem Ort, an dem ich als Fachperson etwas bewegen konnte. Aus diesem gemeinsamen Bestreben kamen wir zusammen. So einfach ist das.

Die Kliniken entstanden, lange bevor die Flüchtlingszahlen in Griechenland drastisch anzusteigen begannen. Wurden auch Meinungen geäussert, wonach Griechen und Griechinnen vorrangig behandelt werden sollten?
Nein, das war nie ein Thema. Sehen Sie, unsere Philosophie ist eine einfache: Alle Menschen, die auf kostenlose medizinische Dienste angewiesen sind, sollen diese in Anspruch nehmen können. Ob es sich um Obdachlose handelt, um Drogenabhängige, um arbeitslose Bauingenieure, bankrotte Unternehmer oder eben Flüchtlinge: Alle sind willkommen.

Gehen Sie auch aktiv auf die Flüchtlinge zu?
Ja. Für viele ist es nämlich schwierig, zu den Kliniken zu gelangen. Deshalb besuchen wir die Camps. Ich selbst besuche eines der Zentren einmal pro Woche. Auch ein Arzt ist regelmässig dort.

Sie machen Arbeit, für die eigentlich der Staat zuständig wäre. Haben Sie keine Bedenken, dass dessen Abseitsstehen dadurch legitimiert würde?
Für mich ist es ganz klar, dass wir den Staat nicht ersetzen. Die Regierung soll ihre Verantwortung wahrnehmen, die Bedürfnisse aller Menschen in Griechenland müssen ausreichend gedeckt werden. Es stimmt zwar, dass die solidarischen Initiativen ein Modell liefern, wie die Zivilgesellschaft bei der Bewältigung einer Extremsituation miteinbezogen werden kann. Gleichzeitig kämpfen wir aber gegen die Ministerien und gegen die Entscheidungen der Regierung, indem wir sagen: Eure Massnahmen richten sich gegen die eigene Bevölkerung, wir stemmen uns mit unserer Arbeit dagegen.

Sie beschreiben diese Solidarität als natürliche gesellschaftliche Reaktion auf einen Notstand. Hat sie dazu beigetragen, dass im Januar 2015 die Linkspartei Syriza die Wahlen gewann?
Sie trug dazu bei, war aber nicht ausschlaggebend. Das Entstehen solidarischer Initiativen war schliesslich weniger ein politischer Akt als vielmehr der einzige Weg, um den neuen Realitäten standzuhalten. Bei mir persönlich kam eine grosse Wut hinzu. Denn als Pharmazeutin sah ich aus nächster Nähe, wie sich die Austeritätspolitik direkt auf die Gesundheit der Menschen und damit auf ihre Würde auswirkte. Die Erfahrung, einem solchen Missstand durch persönliches und solidarisches Engagement erfolgreich entgegentreten zu können, dürfte viele Menschen dazu bewogen haben, Syriza zu unterstützen.

Seit über einem Jahr ist Syriza an der Macht. Sehen Sie eine Verbesserung?
Wir waren begeistert, als Syriza tatsächlich die Wahl gewann. Mittlerweile gibt es aber vereinzelt Leute, die den Präsidenten einen «Verräter» nennen. Ich gehöre nicht dazu. Ich glaube, Alexis Tsipras unterschätzte die Härte und Sturheit, die ihm seitens der europäischen Regierungen entgegenschlugen. Für sie war die Wahl einer linken Regierung in Griechenland ein Affront.

Natürlich, im ersten Jahr unter Tsipras wurden Fehler gemacht. Aber ich bin der Meinung, dass es angesichts einer solchen humanitären Krise besser ist, von Syriza regiert zu werden als von einer der anderen Parteien. Zumindest wird versucht, innerhalb des limitierten Spielraums die Menschenrechte zu achten. Und einige Gesetze traten in Kraft, die für die Menschen eine Entlastung bedeuteten. Das ist immerhin etwas.

Griechenland ist aufgrund der europäischen Flüchtlingspolitik in einer äusserst schwierigen Situation. Was ist Ihre Botschaft an die Entscheidungsträgerinnen und -träger?
Kommt hierher, und redet mit den Menschen! Hört ihnen zu, nachdem sie in einem kleinen Plastikboot an der Küste gelandet sind – nass und verängstigt. Sie fragen in diesem Moment einzig nach dem Recht auf eine Überlebenschance.

Einigen in Europa sind die Flüchtlinge egal, sie riegeln ihre Grenzen ab. Aber das funktioniert so nicht. Diese humanitäre Krise spielt sich vor ihrer Haustür ab. Und die Menschen werden einen Weg finden, ihre Rechte einzufordern. Die Regierungen Europas wären deshalb gut beraten, jetzt Massnahmen zu ergreifen, um den Flüchtlingen den Eintritt in ihre Gesellschaft zu ermöglichen.

Der Verein «Solidarität mit Griechenland» unterstützt die griechischen Solidaritätskliniken mit Sachspenden. Ausserdem werden ÄrztInnen vermittelt, die vor Ort einen Einsatz leisten. Weitere Informationen und Spendemöglichkeiten: www.griechenland-komitee.ch.

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