Nr. 39/2015 vom 24.09.2015

Piratenträume

Von Florian Vetsch

«Die Piraten tauften ihre neue Heimat Libertatia und legten alle nationalen Bezeichnungen wie Engländer, Franzose, Holländer und Afrikaner ab: Sie nannten sich einfach Liberi», berichtet der 1988 verstorbene britische Situationist Larry Law in seiner Nacherzählung des Lebens von Captain Misson. Misson, ein englischer Seemann, gründete Ende des 17. Jahrhunderts in Madagaskar zusammen mit dem wortgewaltigen Expriester Caraccioli und einer verwegenen Mannschaft die unabhängige Republik Libertatia, in die auch Sklaven und Frauen gleichberechtigt aufgenommen wurden.

Laws Hauptquelle war das Buch «A General History of the Robberies and Murders of the Most Notorious Pyrates» (1724) von Captain Charles Johnson. Hinter diesem Pseudonym steckt Daniel Defoe, Schöpfer des «Robinson Crusoe», dem Captain Missons Vita erlaubte, die Zustände seiner Zeit indirekt zu kritisieren. Captain Missons Republik Libertatia stellt jedenfalls, fast hundert Jahre vor der Französischen Revolution, den Versuch dar, «eine wirklich libertäre und egalitäre Gemeinschaft aufzubauen».

Missons Wagemut und radikaler Gerechtigkeitssinn inspirierte auch andere Schreiber und Regisseurinnen; so geistert der Antipirat als «Captain Mission» durch William S. Burroughs’ Romane «Städte der roten Nacht» und «Ghost of Chance». Kein Wunder, gibt doch Missons Vita Wünschen und Sehnsüchten Ausdruck, die in vielen von uns schlummern: dem «Traum von einer Gesellschaft, die auf Zusammenarbeit und gegenseitiger Hilfe gründet, die sich um Alte und Versehrte kümmert, gegenüber Missetätern Milde walten lässt, die all ihre Angelegenheiten alleine regelt und weder Geld noch Polizisten braucht».

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch