Nr. 40/2015 vom 01.10.2015

Freibeuter im Weltall

An Konzerten sucht er nach «der absoluten Dröhnung des Moments». Dafür verkriecht der Ostschweizer Musiker Pyrit sich in eine Pariser Katakombe und bastelt an einer Maschine aus Musik und Licht. Nun legt er sein beeindruckendes Solodebüt vor.

Von Timo Posselt

Psychedelik in einer überladenen digitalen Zeit: Thomas Kuratli alias Pyrit.

Es gibt diese Sekunden nach einer Explosion. Die Sinne sind taub, die Welt scheint leer und stumm. Es dauert einen Augenblick, bis die Reflexion einsetzt: Was ist passiert? Wie geht es weiter? In diesem Moment beginnt das Album «UFO» des Ostschweizer Musikers Thomas Kuratli, der sich das Katzengold Pyrit zum Namen nahm. «UFO» sei ein Album im Nachhall, erzählt der 27-Jährige auf einer Zugfahrt nach Basel. Kuratlis Locken sind blondiert, er trägt ausgewaschene Jeans, einen Ring am linken Ohr und einen mit schwarzem Stein an der Hand. Ein wenig sieht er aus wie ein Hippie oder ein Pirat.

Vor zwei Jahren zog der gebürtige Goldacher nach Paris. Schnell gab er sich der permanenten Überforderung hin und begann, die Stadt für ihre Beizen und ihre Energie zu lieben. In Paris kommen alle und alles zusammen. So sei es auch in den Clubs: «Auf Elektro folgt ein altes Chanson und schliesslich Gangsta-Rap – ein absolutes musikalisches Durcheinander.»

«Verdammt persönlich»

Kuratli begann, in einer Bar zu arbeiten, und lebte seinen Traum, die meiste seiner Zeit in die Musik zu geben. Daneben schrieb der frühere Filmstudent an einer Kurzgeschichte. Sie sollte vielleicht zu einem Drehbuch für einen Film werden. Doch aus der Geschichte entstanden schliesslich die Songs auf «UFO». Das Cinematografische sei geblieben, erzählt er: Die Geschichte setzt im Moment nach der Explosion ein. Die Hauptfigur ist aufgelöst. Sie nimmt zwar die Menschen noch wahr, hört ihnen zu, hat ferne «Gefühle von Schönheit und Sehnsucht». Doch sie steht an der Schwelle zur Übertragung ins körperlose Digitale. Auf den acht weiteren Songs des Albums wird alles Menschliche an ihr berechenbar. Sie wird zu einem Logarithmus, einer Maschine, einem Satelliten.

Ein wirre Erzählung, die Kuratli da mit Bildern und Gefühlen erzählt. Doch hört man «UFO», ist alles da: die Weite des Alls im durchgängigen Hall von Kuratlis Stimme, die assoziativen Texte, die verfremdete Gitarre, die knüppelnden Drums, die Synthesizer in Aufstieg und Auflösung – Psychedelik in einer überladenen digitalen Zeit. «Für den natürlichen Halleffekt haben wir einen Tag und eine Nacht am Stück in einer verlassenen Tiefgarage aufgenommen», sagt er. Wie ihn Paris in der intensiven Zeit verschluckte, so versinkt man nun auf der Platte im Hall der Stadt.

Kuratli schreckt in seiner Musik nicht vor Pathos zurück und bezeichnet sie gleichzeitig als «verdammt persönlich». Darin liegt auch eine Schwierigkeit: «Es ist, als entblösse ich mich an Konzerten völlig, und ich will doch nicht angreifbar sein.» Im St. Galler Club Rümpeltum Ende September gelingt es ihm gut. Die Decke ist tief, die Musik ohrenbetäubend. Es riecht nach Schweiss und Zigaretten. Der Bühnennebel ist so dicht, dass man Kuratli nicht mehr sieht. Die Grenze zwischen Musiker und Publikum scheint zu verschwimmen – alle stecken in der Wolke aus Musik und Licht. Kuratli spielt ein beeindruckendes Konzert, es ist erst sein viertes als Pyrit.

Am darauffolgenden Tag erzählt er im Zug, die Musik sei das Einzige, was er kenne, was das Vorher und das Nachher unwichtig machen könne. «Sie ist die absolute Dröhnung des Moments.»

Ein Labor für Experimente

Kuratli arbeitet intuitiv. Damit läuft er nicht Gefahr, sich von einer Szene einengen zu lassen. Dennoch prägte ihn die St. Galler Musikszene: Er konnte im «Palace» als Lichttechniker arbeiten, lernte die Mitglieder von Stahlberger kennen und spielte vor allen Dingen zusammen mit Ben Stokvis als Thomaten und Beeren. Doch auch in Paris hat er durch einen glücklichen Zufall eine musikalische Heimat gefunden: Die Betreiber seines Labels Bookmaker Records lernte er bei der Arbeit als Barkeeper kennen. Er legte ihnen was von sich auf, und sie waren so begeistert, dass sie ihn unter Vertrag nahmen und kürzlich «UFO» herausbrachten.

Auch in der alten Heimat nahm man seine Arbeit wahr, Kuratli erhielt von der Stadt St. Gallen einen Werkbeitrag. Das Geld möchte er nun in eine Maschine stecken, in der Musik und Licht verschmelzen sollen. «Schliesslich ist es an Konzerten oft auch das Licht, das mit den Zuschauern interagiert», so Kuratli. Es klingt wie ein Echo auf seine Arbeit am Lichtpult im «Palace». An der Maschine will er Licht und Ton gleichzeitig zentral bedienen können. So soll beides sich gegenseitig beeinflussen.

In Paris hat er mit viel Glück einen Keller gefunden. Proberäume sind in der Grossstadt äusserst rar. Oft wird bei Inseraten explizit darauf hingewiesen, dass man keine Bands wünsche. Kuratli zeigt ein Foto des selber hergerichteten Kellers: Der Boden ist weiss gestrichen und eine Wand mit einem glitzernden, blauen Vorhang behängt. Es sollen noch ein Theatervorhang, LEDs und Effektgeräte hinzukommen – ein Labor für Experimente. Die nächsten Monate wird er sich darin verkriechen und als «Captain» an seiner Maschine basteln.

Schon als Bub hätte Kuratli Pirat werden oder ins Weltall reisen wollen, erzählt er kurz vor Basel. Es scheint, als könne er nun beides sein – ein Freibeuter im All. Das passt zu seinem Kunstverständnis. «Jede Erfindung nimmt sich einen Teil aus dem Chaos der bestehenden Welt und steckt damit ihr eigenes Reich ab.»

Konzerte: St. Gallen, Kilbi im Fall (Grabenhalle), Donnerstag, 31. Oktober 2015; Zürich, Katakombe (Dynamo, Werk 21), Montag, 4. November 2015; Bern, Playground Lounge, Mittwoch, 6. November 2015; Baden, Royal, Mittwoch, 20. November 2015; Paris, OPA Bastille, Mittwoch, 
9. Dezember 2015.

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