Nr. 40/2015 vom 01.10.2015

Von bizarren Menschen, die in Löchern hausen

Existenzielles Kino: Am 11. Zurich Film Festival muss man für die wirklich wichtigen Filme in den Keller steigen.

Von Florian Keller

Das Loch unter dem Baum als Wohnort und Verfassung: John (Paul Higgins) in «Couple in a Hole». Still: ZFF

«Ich gehe doch nicht ins Kino, damit es mir gut geht! Ich will Filme sehen, die mich zerreissen.» So sprach John Waters letzte Woche im Kunsthaus Zürich, wo der Doyen des Trashs sozusagen als leibhaftiges Bonusmaterial zur eigenen Ausstellung seine Einmannshow «This Filthy World» zündete. Es war ein flamboyantes Plädoyer für das Abseitige, dargeboten ohne Punkt und Komma, seine Pointen verpulverte er in Salven, die Munition war parfümiert. Und ganz nebenbei war das eben auch eine fröhliche Polemik gegen das Kino als Erbauungsanstalt und Wohlfühloase.

Filme, die dich zerreissen? Tags darauf besuchte Waters den Auftakt zum 11. Zurich Film Festival, und man muss davon ausgehen, dass er beim Eröffnungsfilm «The Man Who Knew Infinity» völlig unversehrt blieb. Wellness wird bei diesem Festival bekanntlich grossgeschrieben, vor allem dort, wo es ums Wohlbefinden von Stars und SponsorInnen geht. Da finden sich die very wichtigen People jeweils zur Galapremiere im grossen Saal des Kinos Corso ein, aber für den internationalen Wettbewerb, das vermeintliche Herzstück des Festivals, muss man meist in den Keller steigen. So viel zu den Prioritäten hier.

Also geht man für die Europapremiere einer existenzialistischen Übung, die alles andere als Wellness verspricht, in den Keller, und da kann es passieren, dass man sich in einem halb leeren Kino wiederfindet. So geschehen in «Couple in a Hole», dem Erstling des Belgiers Tom Geens. Der lapidare Titel ist kein Witz, sondern sagt einfach, was Sache ist: Das ist tatsächlich ein Film über ein Paar in einem Loch. Sie heissen John und Karen, sie sprechen Schottisch, und das Loch, in dem sie hausen, haben sie sich unter einem umgestürzten Baum eingerichtet, irgendwo tief in den Wäldern der Pyrenäen, fernab von Menschen und anderen Zivilisationskrankheiten.

Sehnsucht nach Selbstauflösung

Dabei pflegen sie eine klassisch bürgerliche Rollenteilung: Der Mann (Paul Higgins) macht den Jäger und Sammler, die Frau (Kate Dickie) besorgt im Loch die Hausarbeit und hat darob schon fast den aufrechten Gang verlernt. Die Wildnis ist hier also die Kulisse für einen radikalen Rückzug ins Private, aber idyllisch ist nichts daran. Zu Beginn schnuppert ein Häschen kurz an einer Baumrinde, wenig später wird das herzige Tier von Hand ausgeweidet – und dann sind es John und Karen, die am Häschen knabbern.

Das Loch bezeichnet aber nicht nur den Wohnort der beiden, sondern auch ihre Verfassung. Sie haben nämlich, so wird allmählich klar, ihren Sohn verloren, und in ihrer Trauer haben sie sich nun im Gehölz eingegraben. Ein Ehepaar, das sich nach dem Tod seines Kindes in den Wald zurückzieht: Hatten wir das nicht schon mal? Genau, klingt wie Lars von Triers «Antichrist». Aber Tom Geens schickt seine Figuren nicht in den surrealen Horror eines archaischen Geschlechterkriegs. Bei ihm proben die Eheleute einfach gemeinsam das Verschwinden, weil sie keinen Trost finden und nicht mehr zurück ins alte Leben können – eine Robinsonade als Trauerarbeit. Es ist, als wollten sie, nachdem sie ihren Sohn beerdigt haben, selbst im Waldboden versinken, eins werden mit ihm.

Zurück zur Natur: Das ist hier kein naiv-romantischer Wunsch nach dem einfachen Leben, sondern ganz wörtlich die radikale Sehnsucht nach Selbstauflösung. Den Schluss verbockt Geens dann ziemlich, aber sonst ist das ein Film, der seine bizarre Idee konsequent an ihr Ende treibt – und dafür auch eine eigenwillige filmische Sprache findet, in der die Natur in ihrer erhabenen Indifferenz jedes Bild überwuchert.

Leben im täglichen Ausnahmezustand

Für das Antidot zu dieser bürgerlichen Rückzugsfantasie war dann Jonas Carpignano besorgt. Der Sohn eines Italieners und einer Afroamerikanerin hat, so könnte man meinen, in seinem Erstling «Mediterranea» die Schlagzeilen unserer Zeit verfilmt: Wir begleiten Ayiva, einen jungen Mann aus Burkina Faso, der auf einem Flüchtlingsboot übers Mittelmeer nach Italien kommt, wo er sich als Taglöhner auf einer Orangenplantage verdingt – bis es in Rosarno, wo er eine Absteige findet, nach dem Mord an zwei Afrikanern zu Rassenunruhen kommt. So verkürzt klingt das nach gut gemeintem Themenfilm, destilliert aus den täglichen Newsfeeds von den Rändern der Festung Europa.

Aber Carpignano interessiert sich für das Rohmaterial eines gelebten Lebens, nicht dafür, wie sich daraus ein erbauliches Flüchtlingsdrama nach allen Regeln von Identifikation und Mitgefühl zimmern liesse. Das hier ist Kino aus dem Geist einer Grass-Roots-Bewegung: Ähnlich wie der US-Regisseur Benh Zeitlin («Beasts of the Southern Wild»), der für «Mediterranea» die Musik besorgte, hat Carpignano seinen Film aus dem Alltag der Menschen entwickelt, mit denen er das Leben teilte. Vier Jahre lang bewegte er sich in der afrikanischen Community in Kalabrien, in die ihn sein Freund und Hauptdarsteller Koudous Seihon eingeführt hatte. Aus diesem Miteinander ist erst ein Kurzfilm entstanden, und diesen hat Carpignano nun auf fast zwei Stunden ausgebaut.

Rüpel spielen Rüpel

«Embedded Realism» könnte man das nennen. Seinen Sog und seine Dringlichkeit erzeugt «Mediterranea» mit einem dokumentarischen Gestus, der ohne dramatische Tricks auskommt; die Szenen fügen sich wie von selbst zum Mosaik eines Lebens im täglichen Ausnahmezustand. Eine Auseinandersetzung mit einer Gruppe junger Italiener, so erzählt Carpignano, habe er genau so erlebt, wie sie jetzt im Film vorkomme. Gedreht habe er die Szene ein Jahr danach – und die Männer, die ihn und seine afrikanischen FreundInnen damals angefeindet hatten, hätten dabei sich selbst gespielt. Das Reenactment vor der Kamera als Weg, die eigenen Ressentiments zu überwinden.

Davon träumt der Film schon im Titel: Mit «Mediterranea» beschwört Carpignano einen gemeinsamen Kulturraum, der sich nicht mehr an alten nationalen Grenzen orientiert. Über die politische Wirkung seines Films macht sich der 31-Jährige indes keine grossen Illusionen: In Italien hat er noch nicht einmal einen Verleiher gefunden, der den Film überhaupt in die Kinos bringen würde – trotz einer internationalen Festivalkarriere, die in Cannes ihren Anfang nahm.

Und dann war da noch ein Film, der einen zerreissen kann, aber nicht so, wie sich das John Waters wünscht. Er war ganz kurz, es war der Festivaltrailer jener Schweizer Grossbank, die seit vielen Jahren als Hauptsponsor des Zurich Film Festivals auftritt. Da gibt sich dieses Festival so wahnsinnig Mühe, gegen alle hartnäckigen Vorurteile endlich als Fest des Kinos wahrgenommen zu werden, und dann wird es von seinem Hauptsponsor doch wieder auf eine billige Revue von teuren Stars reduziert, die etwa so stilvoll daherkommt, als wärs ein Werbespot für irgendeine Balearendisco. Nicht grad nett von der Grossbank. Oder müsste man sagen: Geld lügt nicht?

«Mediterranea» kommt am 5. November 2015 in die Schweizer Kinos. Letzte Vorführung am Zurich Film Festival: Samstag, 3. Oktober 2015, 19.45 Uhr, Filmpodium.

«Couple in a Hole» am Zurich Film Festival: Donnerstag, 1. Oktober 2015, 16 Uhr, Arthouse Le Paris; Samstag, 3. Oktober 2015, 20.45 Uhr, Kino Arena.

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