Nr. 44/2015 vom 29.10.2015

«Zinsen, so hoch wie der Jahresgewinn»

Ab dem kommenden Jahr müssen die KundInnen der Alternativen Bank Schweiz (ABS) für ihr Bankkonto Zinsen zahlen. Was hat die ABS zu diesem Schritt veranlasst? Und wie reagieren die KundInnen darauf? Martin Rohner, Geschäftsleiter der ABS, nimmt Stellung.

Interview: Jan Jirát

Martin Rohner

WOZ: Martin Rohner, wie viele Kunden sind Ihnen davongelaufen, nachdem Sie Mitte Oktober informiert hatten, künftig einen Negativzins auf deren Bankkonto zu erheben?
Martin Rohner: Die Reaktionen waren unterschiedlich. Kundinnen und Kunden, die sehr preissensitiv sind, haben uns verlassen. Die aktuelle Medienberichterstattung hat aber auch dazu geführt, dass neue Kundschaft den Weg zu uns gefunden hat. Das sind Leute, die unsere Werte teilen, die ihr Geld also bewusst bei einer ethisch reflektierten und sozial-ökologisch fokussierten Bank platzieren. Unter dem Strich eröffnen wir immer noch mehr Konten, als wir saldieren.

Was waren die Gründe für diesen in der Schweizer Bankengeschichte einmaligen Schritt?
Mit unserer sozial-ökologischen Ausrichtung ziehen wir seit Jahren viele Kundengelder an, was erst mal erfreulich ist. Ein Grossteil dieser Gelder betrifft den Zahlungsverkehr, also Lohnkonten. Es ist Geld, das nicht langfristig bei uns angelegt ist. Mit diesem Zufluss an Kundengeldern kann unser Kreditwachstum nicht mithalten. Dafür bräuchten wir mehr Eigenmittel sowie längerfristig bei uns angelegtes Geld: Kassenobligationen, Sparkonten, spezifische Anlagen oder die Zeichnung von ABS-Aktien. Die Gelder aus dem Zahlungsverkehr hingegen führen zu einer hohen Überschussliquidität in der Bilanz der ABS. Diese haben wir zu einem grossen Teil bei der Schweizerischen Nationalbank, der SNB, deponiert.

Warum?
Weil es nicht anderweitig angelegt werden kann. Es gibt praktisch keine risikoarmen Wertpapiere zu kaufen, und wenn, dann nur mit sehr langen Fristen und ebenfalls zu negativen Zinssätzen.

Warum ist diese Überschussliquidität ein Problem?
Das hatte in der Vergangenheit keine grossen Folgen – bis zum Entscheid der SNB am 15. Januar, den Euromindestkurs aufzuheben und in diesem Zug auch einen Strafzins von 0,75 Prozent für jene Banken einzuführen, die viel Liquidität bei der SNB parkiert haben. Unser Geld bei der SNB kostete uns plötzlich Zinsen in der Grössenordnung des Jahresgewinns.

Sie schieben der SNB den Schwarzen Peter zu?
Die SNB ist für die Geldpolitik in der Schweiz zuständig. In diesem Sinn muss sie verschiedene Aspekte im Auge behalten, beispielsweise die Vollbeschäftigung. Dabei ist sie genauso gewissen Sachzwängen ausgesetzt wie wir auch. Aufgrund der Eurokrise hat die Europäische Zentralbank im Dezember 2014 Negativzinsen eingeführt, wodurch die Zinsen in der Schweiz plötzlich höher waren als in der Eurozone. In der Folge floss sehr viel Geld in die Schweiz, was zur Stärke des Schweizer Frankens geführt hat. Die Frankenstärke hat daraufhin den Arbeitsstandort Schweiz bedroht. Vor diesem Hintergrund musste die SNB handeln. Unter anderem hat sie den Negativzins eingeführt.

Aber nur die ABS hat darauf ebenfalls mit einem Negativzins reagiert. Weshalb können die anderen Banken auf diesen Schritt verzichten?
Die Banken haben in den letzten zwei, drei Jahren zunehmend Gebühren für die Kontoführung eingeführt. Bei uns zahlen Sie als Kunde auf dem Lohnkonto zurzeit eine jährliche Grundgebühr von 36 Franken. Hinzu kommt – als Beispiel – künftig ein Negativzins von 0,125 Prozent. Bei durchschnittlich 5000 Franken auf dem Konto würde das jährlich 6.25 Franken ausmachen. Es gibt Banken, die verlangen 7 Franken Kontoführungsgebühr monatlich. Wir haben bewusst beschlossen, unsere Gebühren moderat anzusetzen und dafür einen Negativzins einzuführen. Ist das Guthaben tief, fällt der Negativzins kaum ins Gewicht, ist es hoch, nimmt die Motivation zu, das Geld anderweitig anzulegen. Mit diesem Schritt wollten wir auch zum Ausdruck bringen, dass das Geld, das bei uns auf einem Alltagskonto liegt, nur eingeschränkt produktiv verwendet werden kann und vor allem Kosten verursacht.

Mit anderen Worten: Mein Lohnkonto ist für Sie eigentlich komplett uninteressant?
Nicht, solange Sie es wirklich als Lohnkonto einsetzen. Bei grösseren Beträgen ist uns mehr gedient, wenn Sie das Geld auf das Sparkonto legen oder ABS-Aktien zeichnen.

Wie sieht es bei den Sparkonten aus: Sind sie auch von Negativzinsen betroffen?
Bis 100 000 Franken beträgt der Zins null Prozent, Sie zahlen also nichts. Darüber kommt der Negativzins der SNB zur Anwendung, also 0,75 Prozent. Sobald die SNB diesen Zins aufhebt, werden wir das bei den betroffenen Sparkonten analog auch tun.

Zurzeit herrscht ein Tiefzinsumfeld. Wird sich das in absehbarer Zeit wieder ändern?
Es wird sich wieder ändern. Die Frage ist, wann. Wir rechnen damit, dass die Negativzinsen frühestens in ein bis zwei Jahren verschwinden. Aber auch in den Jahren danach werden wir wohl mit einem sehr tiefen Zinsumfeld konfrontiert sein.

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