Nr. 44/2015 vom 29.10.2015

Die gefährliche Lust nach dem Echten

Von Daniela Janser

Wir sind auf einer verzweifelten und letztlich erfolglosen Jagd nach grossen Gefühlen und Erlebnissen, mit denen wir unsere alltägliche Leere und Entfremdung überblenden wollen.

Dies ist, knapp zusammengefasst, die Diagnose des deutschen Kunsthistorikers und Publizisten Christian Saehrendt in seinem neuen Buch «Gefühlige Zeiten. Die zwanghafte Sehnsucht nach dem Echten». Wir suchen die wahre romantische Liebe, den Kick vor dem teuren Kunstwerk oder dem mit Spezialeffekten bewaffneten Hollywoodfilm. Wir gieren nach einem krassen Abenteuer oder wenigstens einem «Romantik-Wochenende» im Schlosshotel. Angetrieben und gleichzeitig angeschmiert werden wir dabei von diversen Authentizitätsindustrien: vom Partnervermittlungsinstitut über den Luxusferienanbieter bis zum Extremsportausstatter.

Diese Verschränkung von Erlebnisdrang und Vermarktung geht immerhin so weit, dass heute auch negative Gefühle wie Scheitern oder Krankheiten zu einer Art Leistungssport oder zumindest zur Karriereförderung umdefiniert werden. So wie die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel ihrem medienwirksam ausgeschlachteten Burn-out gleich noch ein Buch und einen Film abtrotzte. «Neo-romantisch» nennt Saehrendt diese Gefühlsjagd um jeden Preis und bindet sie an ihre historischen Vorbilder zurück, etwa an den von Schwindsucht verzehrten romantischen Helden Lord Byron auf dem realen Schlachtfeld seiner Erlebnisgier.

Doch bei aller Treffsicherheit in der Zeitgeistkritik hat «Gefühlige Zeiten» auch ärgerliche Seiten. Dem wütenden Rundumschlag des Autors hätte ein strengeres Lektorat gutgetan, vor allem, wenn er die gewaltsamen Auswüchse dieser Sehnsucht nach dem Authentischen anprangert. Da er alles über denselben Kamm einer überbordenden neoromantischen Gefühlslage schert, verschwimmen ihm zuweilen die Analysen. Ernst Jünger und Che Guevara, RAF und IS? Trotz unterschiedlicher politischer Motive und Ziele irgendwie dasselbe: Symptome einer gefährlichen Lust nach dem authentischen Kampf. Saehrendts Schlussfolgerung zu den oft gewaltsam überkochenden Emotionen ist betont nüchtern: Zu viel romantischer Überschwang schade nur, ein «kalter Entzug» sei angesagt. Darüber ist zu diskutieren.

Diskussion mit dem Autor am 
Freitag, 30. Oktober 2015, um 20 Uhr im 
«Corner College», Kochstrasse 1, Zürich. www.corner-college.com

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