Nr. 45/2015 vom 05.11.2015

«Monopolys» verlorener kritischer Anspruch

Das beliebte Brettspiel führt Kinder in die Immobilienspekulation ein. Erfinderin Elizabeth Magie hatte sich das ganz anders gedacht.

Von Stefan Howald

Wer will schon Chur? Oder Schaffhausen? Aber ist der Besitz des Zürcher Paradeplatzes wirklich am ertragreichsten, oder zählt nicht doch Bern, Spitalgasse, mehr, weil Bern ein Dreifachimperium mit Genf und Basel bildet? Häuser in mittelgrossen Städten bringen übrigens auch Geld, in La Chaux-de-Fonds, St. Gallen oder Luzern. Der Kanton Aargau ist dagegen nur mit Aarau als dem drittbilligsten Pflaster für Mieten vertreten. Dann wiederum: Die Wasser- und Elektrizitätswerke sollte man nicht unterschätzen, die generieren ein überraschend regelmässiges Einkommen. Nur die Berg- und Privatbahnen erfüllen die Erwartungen nie.

All diese Plätze sind im schweizerischen Unbewussten verankert. Aber «Monopoly» ist natürlich aus den USA übernommen worden. Und es ist eine Usurpation. Erfunden wurde es von der Quäkerin Elizabeth Magie aus Delaware, die es unter dem Namen «The Landlord’s Game» 1904 patentierte. Das grundlegende Spielprinzip war bereits vorhanden: Je nach Feld, auf dem die Spielfigur landet, müssen Mietzinsen bezahlt werden. «The Landlord’s Game» war, angeregt vom progressiven US-Ökonomen Henry George (1839–1897), als didaktisches Spiel gedacht, um zu zeigen, wie Monopole auf Kosten der armen LandbesitzerInnen gehen. Magie hoffte, dadurch werde bei Kindern deren «natürliche Abneigung gegen Ungerechtigkeit» entflammt; in einer zweiten Version baute sie eine hohe Grundstücksteuer ein, um soziales Verhalten zu befördern.

Das Spiel hatte moderaten lokalen Erfolg. Einige Ökonomieprofessoren benutzten es als Lehrmittel, um die Mechanismen des Immobilienmarkts zu veranschaulichen. Als einer von ihnen das Spiel seinerseits patentieren wollte, kam es mit Elizabeth Magie zum ersten Patentstreit in der Geschichte von «Monopoly». 1930 entwarf der arbeitslose Heizungsmonteur Charles Darrow eine neue Version. Der Spielzeughersteller Parker Brothers erkannte, nach ursprünglicher Ablehnung, die Möglichkeiten des Spiels. Im Frühling 1935 wurde Darrow, im Herbst Magie ausgekauft – Letztere erhielt 500 US-Dollars, Ersterer wurde dank des Deals Millionär. Im November startete Parker rechtzeitig fürs Weihnachtsgeschäft die professionalisierte Version.

Der Spielwarenkonzern gab jeden kritischen Anspruch zugunsten der Apologie für die monopolistische Immobilienspekulation auf. Mittlerweile existiert «Monopoly» in 43 Sprachen und 111 länderspezifischen Versionen; bis heute wurden rund 275 Millionen Stück verkauft und etwa 5,5 Milliarden «Monopoly»-Häuschen hergestellt.

Seit achtzig Jahren werden unschuldige Kinder im kapitalistischen Einmaleins geschult, seit 65 Jahren auch in einer Schweizer Version. Womöglich bekommt man dabei zum ersten Mal Geldscheine in die Hand. Der anfängliche Erwerb von Grundstücken, die ursprüngliche Akkumulation geht unblutig vor sich, dank egalitär verteilten Ursprungskapitals und ohne dass die Landbevölkerung vertrieben werden müsste. In der folgenden Phase geht es wilder zu, wenn zur Grundrente die Mieteinnahmen durch den Häuserbau treten.

Es gibt zwei Strategien: sich langsam, kontinuierlich ein Portfolio aufbauen wie im konventionellen Kapitalismus oder alles auf eine Karte und bestimmte Grundstücke setzen wie im Casinokapitalismus. Das Grundprinzip bleibt: Nur mindestens zwei Grundstücke zusammen ermöglichen einen erfolgversprechenden Kapitaleinsatz. Da klingt die ursprüngliche kritische Intention des Spiels wie ein fernes Echo an. Gespielt wird gerade nicht der uramerikanische Mythos vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird, sondern es gilt: Wer hat, dem wird gegeben. Doch das Unbehagen darüber wird im Gründerfieber fortgeschwemmt. Wie berauschend fühlt es sich an, wenn das Geld und die Macht wachsen, die GegenspielerInnen immer häufiger zum Obolus gezwungen werden, und wie steigt umgekehrt die Demütigung, wenn man die eigenen Grundstücke verpfänden muss und sich trotzdem die Garotte immer enger um den Hals schliesst, bis das Spiel statt mit der Zwangsevakuierung mit dem sozialen Tod eines Mitspielers, einer Mitspielerin endet.

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