Nr. 46/2015 vom 12.11.2015

Kiffen im Cannabisverein

Es kommt Bewegung in die Schweizer Cannabispolitik. In Genf zielt ein Pilotprojekt auf jene Altersgruppe, die sich am brennendsten fürs Kiffen interessiert: die Minderjährigen.

Von Cathrin Caprez

Cannabis soll legal werden – dieses Ziel verfolgen verschiedene Schweizer Städte mit einem Pilotprojekt zur regulierten Cannabisabgabe. Seit zwei Wochen liegen die Unterlagen auf dem Tisch der Genfer Kommission für Abhängigkeiten. Versuchsweise will Genf Cannabisvereine gründen. Dort sollen registrierte Mitglieder kontrolliert angebautes Cannabis kaufen dürfen. Die Bewilligung wollen mehrere Städte Anfang nächstes Jahr gemeinsam beim Bundesamt für Gesundheit beantragen.

Brisant am Genfer Vorschlag: Prinzipiell soll es auch möglich sein, Cannabis an Minderjährige abzugeben. Sandro Cattacin, Soziologieprofessor in Genf und Vertreter der aktuellen Städteinititative, erklärt: «Die Mehrheit der Konsumierenden ist minderjährig und hat grösstenteils keine Probleme mit dem Kiffen. Aber es gibt Jugendliche, die abzustürzen drohen. Diese wollen wir mit einem Stabilisierungsprogramm auffangen können. Solche Programme könnten besonders bei Jugendlichen viel bessere Resultate zeigen, als wenn man sie in Haft oder in ein Entzugsprogramm steckt.»

Wissenschaftlerinnen und Dealer

Die Vorarbeiten für den Genfer Projektvorschlag hätten in einer bunt gemischten Runde stattgefunden, sagt Cattacin. «Wir hatten Wissenschaftler, Jugendarbeiter, Konsumierende, Dealer, Bauern und sogar einen Professor für Verkehrssicherheit mit am Tisch. Da wurde mir erst richtig bewusst, wie perfekt organisiert das Geschäft mit Cannabis abläuft!»

Der Genfer Vorschlag orientiert sich an der Realität: Die meisten CannabiskonsumentInnen sind jung. Das jüngste Suchtmonitoring des Bundes aus dem Jahr 2014 ergab, dass sie durchschnittlich sechzehn Jahre alt sind, wenn sie mit dem Kiffen anfangen. Von den befragten Jugendlichen zwischen fünfzehn und neunzehn Jahren gab jeder fünfte an, in den vergangenen zwölf Monaten Cannabis geraucht oder gegessen zu haben.

Ab dreissig nimmt der Anteil an Cannabiskonsumierenden in der Schweizer Bevölkerung stark ab – allerdings nicht, weil die Repression besonders gut greifen würde. Mehr als die Hälfte jener, die aufhören, verlieren schlicht das Interesse an der Substanz.

Aus gesundheitlicher Sicht wird Cannabis heute ähnlich eingestuft wie Alkohol oder Tabak – mit gravierenderen Folgen bei Jugendlichen als bei Erwachsenen. Für junge KifferInnen belegen verschiedene Studien einen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Schizophrenie. Dazu Cattacin: «Die Veranlagung für Psychosen lässt sich heute in vielen Fällen im persönlichen Gespräch abklären. Dabei werden unter anderem psychische Erkrankungen in der Familie, die Anfälligkeit für Depressionen und das Stressverhalten untersucht.» Viele dieser Abklärungen liessen sich über die «Verein»-Lösung abfangen, ist er überzeugt.

Auch Frank Zobel, Vizedirektor der Stiftung Sucht Schweiz, weiss von einzelnen Fällen psychotischer Jugendlicher. «Doch die Gefahr einer Psychose besteht beispielsweise auch bei Alkohol und muss mithilfe von Fachleuten angegangen werden. ‹Sucht Schweiz› unterstützt das Cannabis-Pilotprojekt, damit endlich in der Realität untersucht wird, was eine Regulierung von Cannabis bewirken kann und was nicht.»

Hoffnung auf die Städte

Stadträtin Franziska Teuscher leitet die Vorbereitungen zum Pilotprojekt in der Stadt Bern. «In Bern wird das Pilotprojekt auf Erwachsene ausgerichtet sein», sagt sie. So laute der politische Auftrag, den das Stadt-Berner Parlament und die Regierung verabschiedet haben. Grundsätzlich findet Teuscher die Kriminalisierung von Cannabis stossend. «Wir haben Gesetze, die Cannabis verbieten, die aber nicht durchgesetzt werden können. Da gibt der Staat ein schwaches Bild ab.»

Gegenwind erhält das Projekt in der Stadt Bern lediglich noch von der SVP. «Sogar die Bauern haben wir mittlerweile gewinnen können. Die erhoffen sich eine zusätzliche Einnahmequelle, wenn sie den Hanf liefern könnten.» Den Einwand, die Jugendlichen würden durch eine Regulierung von Cannabis ungenügend geschützt, kann Teuscher nicht nachvollziehen. «Ganz im Gegenteil: mit einer Regulierung könnten wir die Prävention und den Jugendschutz verstärken!»

International kommt seit einigen Jahren Bewegung in die Cannabispolitik: Portugal entkriminalisierte vor bald fünfzehn Jahren sämtliche Drogen, ohne dass das Land heute markant mehr CannabiskonsumentInnen zählt – dafür sank die Anzahl Drogentoter. Vor zwei Jahren legalisierte Uruguay Cannabis als weltweit erstes Land und stellte Handel und Verkauf unter staatliche Kontrolle. Und vergangene Woche erklärte Mexikos oberster Gerichtshof den Anbau und Konsum von Marihuana für den persönlichen Bedarf weitgehend für legal. Das Urteil ist zugleich ein Signal an das organisierte Verbrechen in Mexiko, das bereits ein Drittel seiner Gewinne mit Cannabis erwirtschaftet.

Sandro Cattacin kann das neu besetzte Schweizer Parlament in Sachen Drogenpolitik noch nicht einschätzen. Ein Vorstoss zur Cannabisregulierung auf nationaler Ebene hätte seiner Ansicht nach eher schlechte Chancen. Aber in den Städten sei die Bevölkerung sensibilisierter für neue Ideen im Umgang mit Drogen. «Schliesslich waren wir damals überrascht, wie gut die kontrollierte Heroinabgabe funktionierte», erinnert er sich. Auch Franziska Teuscher setzt grosse Hoffnung in die aktuelle Initiative. «In der Drogenpolitik waren es immer die Städte, die etwas Neues gewagt haben.» Sie wäre auch mit einem Pilotprojekt in kleinem Rahmen zufrieden. «Hauptsache, wir können endlich einen Schritt vorwärtsmachen und zu neuen Erkenntnissen kommen!»