Nr. 46/2015 vom 12.11.2015

Hatten Sie andere Frauen als Vorbilder?

Altnationalrätin Angeline Fankhauser stieg in die Politik ein, um mitwirken zu können. Sie wünscht sich, die jungen Frauen würden heute etwas mehr kämpfen. Zum Beispiel für gleiche Löhne.

Von Cathrin Caprez (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Angeline Fankhauser: «Ich finde, die Frauen sollten den Preis für die AHV-Sanierung nicht allein zahlen.»

WOZ: Frau Fankhauser, Sie gehörten zur ersten Generation von Frauen im Schweizer Parlament. Wie reagierte damals Ihr Umfeld?
Angeline Fankhauser: In meiner Familie waren alle stolz. Aber mein Mann wurde ausgelacht. Seine Freunde luden ihn zum Essen ein mit der Bemerkung: «Jetzt hat deine Frau eh keine Zeit mehr, für dich zu kochen.» Das fand ich fies. Auch erinnere ich mich, wie meine Tochter einmal ziemlich verstört aus der Schule nach Hause kam. Der Lehrer hatte ihr gesagt: «Gäll, deine Mutter hat nie Zeit für dich.» Wir waren von Anfang an mehrere Frauen. Innerhalb meiner SP-Sektion ging es sehr kollegial zu und her. Als ich zum ersten Mal für den Nationalrat kandidierte, galt noch die Regel, dass nicht zwei aus derselben Sektion aufgestellt werden dürfen. Da trat ein Jurist mit wirklich guten Chancen zurück mit dem Argument, dass wir jetzt eine Frau als Kandidatin bräuchten.

Wie kamen Sie in die Politik? War Ihnen Ihre Mutter ein Vorbild?
Meine Mutter war eine einfache Frau und arbeitete als Putzfrau. Wir waren sehr arm und lebten von der Fürsorge, da mein Vater früh starb. Im Dorf behandelte man uns darum sehr speziell. Ein Beispiel: Weil meine Mutter sehr gut stricken und nähen konnte, trugen meine Schwester und ich immer schön gemusterte Wollsocken. Die Tochter des Gemeindepräsidenten meinte dann, es gehöre sich nicht, als Fürsorgebezieher so schön gekleidet zu sein. Meine Mutter hatte diese Haltung so verinnerlicht! Immer wenn ich irgendwo auffiel oder mich wehrte, sagte sie mir: «Du, das ist nicht für uns.» Zum Glück habe ich das von ihr nicht angenommen. Meine Reaktion war eher trotzig. Ich war schliesslich die Beste in der Schule. Schon als Kind spürte ich diesen starken Drang, den die Juso jetzt als Wahlslogan benutzt: Ändere, was dich stört! Das ist bis heute mein Lebensmotto geblieben.

Hatten Sie andere Frauen als Vorbilder?
Ja, die hatte ich. Mit sechzehn konnte ich dank eines Stipendiums an die Privatschule für Sozialarbeiterinnen und Erzieherinnen in Lausanne. Dort unterrichtete uns eine Juristin namens Antoinette Quinche. Sie war eine Suffragette und machte uns klar, wie skandalös es ist, dass die Frauen kein Stimmrecht haben.

Was gefiel Ihnen am Beruf Erzieherin?
Für mich bestand Erziehung nie nur aus Basteln, Spazierengehen und Füttern. Erziehung ist auch eine Haltung! Ich arbeitete einmal in einem Heim in Grimisuat, oberhalb von Sitten. Damals schickte der Pater des Heims die Kinder in den Wald, einen Stock zu suchen. Damit wurden sie nach der Beichte verprügelt. Wenn man Kinder gern hatte, engagierte man sich zu jener Zeit automatisch. Durch meine Arbeit kam ich in Kontakt mit Familien, in denen auch die Mütter arbeiteten. In der einen Krippe hatten wir relativ strenge Öffnungszeiten. Eine Mutter holte ihre Kinder nie pünktlich ab. Als wir sie mal darauf ansprachen, brach sie in Tränen aus und erzählte uns von ihrer Lage. Da wurde mir klar, wie eingeklemmt diese Frauen waren zwischen Familie und Arbeit.

Blieben Sie zu Hause, als Ihre zwei Töchter klein waren?
Ja, ich habe in Heimarbeit Musikdosen gestimmt. Das war relativ gut bezahlt und ich konnte arbeiten, während meine Töchter schliefen oder zusammen spielten. Als die Mädchen etwa zehn waren, fing ich an, mich in der Gemeinde Binningen zu engagieren. Ich setzte mich für das Projekt «Tagesmütter» ein, für dessen Umsetzung ich schliesslich von der Pro Juventute angestellt wurde. Dort durfte ich teilweise von zu Hause aus arbeiten. Später war ich viel auswärts unterwegs. Ich bin auch ein wenig geflüchtet, muss ich sagen.

Geflüchtet vor dem Hausfrauendasein?
Ja, vor dem Daheimsein. Man kocht, die Kinder gehen zur Schule, man wäscht ab … Mir fehlten die Kontakte nach aussen. Ich wollte mehr mit Leuten zu tun haben.

Sie sind mittlerweile seit dreissig Jahren geschieden. Wie kam es dazu?
Wir hatten uns auseinandergelebt. Relativ viele Frauen im Parlament zahlten damals diesen Preis. Sie verloren den Mann, sobald sie Erfolg hatten.

Wie steht es aus Ihrer Sicht heute um die Gleichberechtigung?
Verfassungsrechtlich haben wir praktisch alles erreicht: das Gleichstellungsgesetz, das Eherecht, die Lohngleichheit. Vieles hat sich auch gebessert. Es ist heute selbstverständlich, dass Frauen eine Ausbildung haben. Frauen werden seltener als Rabenmütter bezeichnet, wenn sie wieder arbeiten gehen. Aber wir befinden uns noch in der Umsetzung. Und ich finde, die Frauen kämpfen ein bisschen zu wenig. Wahrscheinlich gibt es immer noch viele, die einen beschützenden Mann und Ernährer als ihr grösstes Glück ansehen. Und mit der Revision der AHV steht uns wahrscheinlich noch ein Manöver bevor. Wer für Gleichstellung ist, müsste ja auch für gleiches Rentenalter sein. Aber ich finde, die Frauen sollten den Preis für die AHV-Sanierung nicht allein zahlen. Zuerst muss endlich Schluss sein mit den Ausreden, und gleiche Löhne für Männer und Frauen müssen umgesetzt werden.

Die ehemalige SP-Nationalrätin Angeline Fankhauser (79) legte sich schon als Kind mit den Jungen in ihrer Klasse an, weil diese gegen das Frauenstimmrecht waren. Aus Rache liessen die Jungen den Mädchen die Luft aus den Fahrrädern.

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