Nr. 49/2015 vom 03.12.2015

Das Grauen kommt ohne Klauen

Von Florian KellerMail an AutorIn

Auf dem Campus plötzlich diese alte Frau im weissen Nachthemd. Sie kommt quer über den Rasen, sie hat es gar nicht eilig, sie schlurft ungerührt daher, geradewegs auf dich zu. Geriatrie? Horror! Das ist nur eines der bestechend einfachen und wahnsinnig effektiven Angstbilder, die David Robert Mitchell in seinem zweiten Spielfilm, «It Follows», beschwört. Es ist ein kleiner Geniestreich des Unheimlichen, und die Figuren des Grauens, die uns hier heimsuchen, kommen ohne fürchterliche Klauen, lange Messer und andere einschlägige Requisiten aus. Sie gehen einfach ihren Opfern entgegen.

Wenn dabei die Filme von John Carpenter anklingen, so liegt das auch am Soundtrack: ein hypnotisches Dräuen aus billigen Synthesizern und dissonanten Störgeräuschen. Auch visuell arbeitet Mitchell mit einfachsten Mitteln. Seine Kamera lässt er gerne kreisen, aber das erste Opfer zeigt er wie ein Stillleben, als Tableau mort am Strand.

Und wie es die puritanische Matrix im US-Horror verlangt, überträgt sich der böse Fluch natürlich über jugendliche Lust. Es ist wie eine Geschlechtskrankheit, mit der sich das Mädchen Jay (Maika Monroe) ansteckt: Nach dem Sex im Auto wird sie bei jeder Gelegenheit, auch mitten am Tag, von einer ominösen Person behelligt, die sich ihr nähert – und niemand ausser Jay kann sie sehen. «It Follows» nimmt Grundelemente des Genres, um sie gegen den Strich zu bürsten. So ist der Fluch in «It Follows» zwar die Strafe für Sex. Aber der Weg zur Erlösung führt hier über: noch mehr Sex.

So zumindest die Hoffnung, die Jay mit auf den Weg bekommt. Bloss: Ganz so einfach lässt Regisseur Mitchell seine Heldin doch nicht davonkommen. Das Ende ist dann so romantisch, wie es in einer kaputten Stadt wie Detroit halt möglich ist – aber das heisst noch lange nicht, dass die Angst dadurch gebannt wäre. Das ist die Lehre, die das Horrorkino für unsere politische Gegenwart bereithält: Es hilft nichts, die Ängste ernst zu nehmen. Man muss nur wissen, wie sie funktionieren.

Ab 3. Dezember 2015 in: Bern, Kino Rex; Basel, Stadtkino; Zürich, Riffraff.

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