Nr. 50/2015 vom 10.12.2015

Ein magischer Ort

Auf der Suche nach einem Kulturfestival in Norditalien landet unsere Autorin in einer psychiatrischen Klinik und stellt fest: Hier gibt es die Unterteilung von krank und gesund nicht wie bei uns. Das hat historische Gründe.

Von Johanna Lier (Text) und Karl Mancini / Echo Photojournalism (Fotos)

Im Zentrum aller Aktivitäten steht Riccardo Bargellini. Und es begann im Jahr 1999, als die Psychiaterin Ivana Bianco den Künstler ins Centro Basaglia in Livorno holte. Das Centro Basaglia ist eine offene Residenz für psychisch kranke Menschen und bietet im angeschlossenen Atelier Blu Cammello den PatientInnen Freiraum für künstlerisches Arbeiten an. Bargellini übernahm das Atelier und entwickelte mit den BewohnerInnen des Centro einen Ort, an dem kontinuierlich, ernsthaft und transdisziplinär gearbeitet wird. Im Jahr darauf gründete Bargellini mit acht FreundInnen das Verlagskollektiv Valigie Rosse, das seinen Sitz ebenfalls im Centro Basaglia hat. Die AutorInnen, deren Werke im Verlag veröffentlicht werden, sind anerkannte LyrikerInnen und SchriftstellerInnen, aber auch BewohnerInnen der Residenz. Alljährlich vergibt das Kollektiv den Literaturpreis Premio Ciampi l’Altrarte (vgl. «Von Muttersprachen und Stiefmuttersprachen») an DichterInnen aus Italien und der ganzen Welt. Bargellini ist zudem Kurator des PAC180, eines Parks für zeitgenössische Kunst, der sich um das Gebäude des Centro Basaglia erstreckt. Auch hier stehen Arbeiten anerkannter Künstlerinnen neben Kunstwerken von Bewohnern der Residenz. Und jeden Sommer wird diese Zusammenarbeit von internationalen KünstlerInnen und PatientInnen des Centro Basaglia mit einem grossen dreitägigen Sommerfestival gefeiert: Le Serate Illuminate. Auf der Website der Stadt Livorno wird das Ereignis als offizielles Sommerfestival angekündigt. Es gibt jedoch keinerlei Hinweise auf die ungewöhnliche Verbindung von professioneller Kunst und klinischer Psychiatrie.

«Dieser Ort darf nicht daran erinnern, dass wir uns in einer psychiatrischen Klinik befinden. Es muss ein magischer Ort sein.»

Riccardo Bargellini, Artdirector Valigie Rosse und künstlerischer Leiter des Ateliers Blu Cammello

Auch ich mache mich auf den Weg zum Festival Serate Illuminate, auf der Suche nach den Künstlerkollektiven Valigie Rosse und Blu Cammello, um alternative Arbeits- und Produktionsformen kennenzulernen. In Livorno, wo die kommunistische Partei Italiens gegründet wurde, interessieren mich die Überlebensstrategien von KünstlerInnenkollektiven in Zeiten der wirtschaftlichen Krise. Dass ich mich in einer psychiatrischen Klinik wiederfinden würde, hätte ich jedoch nicht erwartet. Eine grosse Überraschung – oder eine besondere italienische Geschichte, die mit der progressiven Psychiatriepolitik und der desaströsen Kulturförderung zusammenhängen.

Mit dem Bus fahre ich an den Stadtrand, überquere dann zu Fuss Autobahnzufahrten, um endlich die Via della Fontanella zu erreichen, die gesäumt von Maisfeldern und verfallenen Gehöften übers Land führt. Die Sonne brennt, Zikaden rufen. Unvorstellbar, dass in dieser Einöde ein Kulturfestival stattfindet. Doch da höre ich in weiter Ferne einen Chor singen.

Das Haus wirkt wie ein verlassenes Schulhaus aus den fünfziger Jahren. Karge, hohe Räume, abblätternde Farbe, Milchglasfenster, in einem Kämmerchen sitzt an einem wackligen Holztisch eine rundliche Frau mit unordentlicher Frisur, die meinen Gruss nicht erwidert, in einem Saal läuft der Fernseher, in schäbigen Sesseln dösen Menschen in bequemer, wahllos kombinierter Hauskleidung – eitel ist man hier nicht. Der Garten jedoch ist ein Wunder. Zwischen Zedern, Fichten, Palmen und Oleanderbüschen stehen Springbrunnen und Kunstwerke: Skulpturen, Installationen und Assemblagen. Auf einem Buffet türmen sich bunt dekorierte Kuchen und Wasserflaschen. Ein Kulturfestival ohne Wein und Bier?

Alessio Casalini und Silvia Bellucci vom Verlagskollektiv Valigie Rosse führen mich durch das weitläufige Haus. Offene Fenster lassen kühle Luft rein, in der Ferne heult ein Hund. Ist das tatsächlich ein Kulturzentrum? Nein! Silvia Bellucci spricht ungeduldig, schnell und beflissen, wir befänden uns in einer Residenz für psychisch kranke Menschen, denen es nicht möglich sei, in ihren Familien oder in offenen Wohngruppen zu leben oder selbstständig über die Runden zu kommen. Das Sommerfestival Serate Illuminate, das Kunstatelier Blu Cammello, der Kunstpark PAC180 und das Verlagskollektiv Valigie Rosse hätten ihren Sitz in der psychiatrischen Klinik Centro Basaglia. Kein gewöhnliches Kulturfestival also? Und hätte ich das zuvor herausfinden müssen? Nein! Alessio Casalini und Silvia Bellucci schauen mich irritiert an: Die Unterscheidung in BewohnerInnen der Residenz und KünstlerInnen von ausserhalb, die Einteilung in krank oder gesund existiere im Centro Basaglia nicht. Und deswegen sei diese Verbindung auch in der offiziellen Ankündigung der Stadt Livorno nicht vermerkt.

Etwas später begegne ich wieder der rundlichen Frau mit der unordentlichen Frisur, die mit einer wackligen Leiter kaputte Glühbirnen ersetzt. Sie steigt hinauf bis unter die Decke, dreht die Glühbirne ein, doch es bleibt dunkel. Die Leitungen müssen kaputt sein. Die Frau schüttelt verärgert den Kopf. Als sie mich sieht, begrüsst sie mich diesmal freundlich lachend von der Leiter herab: Es ist Ivana Bianco, die leitende Psychiaterin der Institution.

«Die Autoren in unserem Verlag oder die Künstlerinnen im Kunstpark machen keine Mainstreamkunst, obwohl sie in der Szene anerkannt sind. Aber sie schaffen ihre Werke für ein Publikum. Die Bewohner und Bewohnerinnen arbeiten hingegen für sich selbst. Es handelt sich um eine Kommunikationsform, die keine Empfänger sucht, die keiner Mode folgt, die keine Anerkennung braucht.»

Riccardo Bargellini

Der 49-jährige Künstler Riccardo Bargellini, ein gross gewachsener, zerstreuter Mann, empfängt mich im Atelier Blu Cammello. Ein langer Tisch quer durch den Raum ist mit Arbeitsmaterial übersät, vollgestopfte Regale ziehen sich bis zur Decke. Hier werden von den BewohnerInnen des Centro Franco Basaglia unter der Leitung von Bargellini die Covers und die Illustrationen für die Bücher des Verlags Valigie Rosse gemacht. Doch es entstehen auch Texte. Unter den Romanen, die das Kollektiv publiziert, um die Produktion der Lyrikbände zu subventionieren, ist «Il Bambino Mammitico» von Giacinto Conte, einem langjährigen Bewohner des Centro, am häufigsten verkauft worden. Conte verlangte von Bargellini eine Zigarette pro Seite, schrieb sich rauchend durch seine Biografie und erarbeitete sich eine unübersichtliche Menge an Material. Zwei Jahre brauchte er dann, um es zu einem Buch zu ordnen. Der Protagonist, aufgerieben zwischen einer dominanten, besitzergreifenden Mutter und dem ideologischen Druck in der kommunistischen Bewegung, wurde in der toskanischen Literaturszene zur Kultfigur.

Im Atelier wird aber nicht nur für das Verlagskollektiv Valigie Rosse gearbeitet. Mithilfe von Riccardo Bargellini, der Material anschleppt und kreative Geburtshilfe leistet, entfalten einige der BewohnerInnen des Centro Basaglia ihre ganz eigenen Talente: Die skulpturalen Assemblagen von Franco Bellucci, die an Cindy Shermans sexuelle Obsessionen erinnern, die leidenschaftlichen Gemälde von Alessandra Michelangelo (gestorben 2009), in denen sich Inhalt und Form expressiv und kraftvoll vereinen und eine tief berührende Wirkung entwickeln, aber auch die Arbeiten von Manuela Sagona und Riccardo Sevieri werden weltweit rezipiert und gewürdigt.

«In Italien herrscht dieselbe Krise wie überall. Die grossen Verlagshäuser wachsen, die kleinen Editionen müssen schliessen. Wir ziehen unser Konzept jedoch kompromisslos durch. Denn der Markt ist gesättigt, und in Italien werden Bücher nur von sehr wenigen Menschen gelesen. Also – sich an den Markt anzupassen, ergibt gar keinen Sinn.»

Silvia Bellucci, Marketing Valigie Rosse

Wie ist es jedoch möglich, dass eine psychiatrische Klinik zu einem Zentrum für zeitgenössische Kunst wird? Um eine Antwort zu finden, muss man bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurückgehen, als durch die Reformen des Psychiaters Franco Basaglia, damals Leiter der Klinik San Giovanni in Triest, die Grundfesten der italienischen Psychiatrie erschüttert wurden.

Entsetzt von den katastrophalen Zuständen in den Anstalten, die an Gefangenenlager erinnerten, formulierte Basaglia die Prämisse «Freiheit ist Therapie» und erwirkte 1978 die Lega 99, die gesetzliche Abschaffung der geschlossenen Psychiatrie und die Finanzierung alternativer Strukturen wie Wohngruppen und ambulanter Abteilungen in Krankenhäusern. Die Kliniken öffneten ihre Tore und entliessen die PatientInnen in die Freiheit. Doch dann brach das Chaos aus. Die Familien waren mit ihren kranken Angehörigen überfordert, das Geld für die alternativen Massnahmen versickerte, viele der entlassenen PatientInnen landeten auf der Strasse, verwahrlosten und kamen ins Gefängnis. Erst 1998 wurden die Centri Residenziali eröffnet – Residenzen, in denen betreuungsbedürftige Menschen ein Zuhause finden. Ein solches Haus ist auch das Centro Basaglia in Livorno, das von der Psychiaterin Ivana Bianco geleitet wird. Die PatientInnen werden zwar von Pflegepersonal betreut, Haus- und Gartentor stehen jedoch 24 Stunden offen.

Als Bianco 1999 den Künstler Riccardo Bargellini ins Atelier Blu Cammello holte, gab sich dieser mit dem therapeutischen Auftrag nicht zufrieden: Die bemalten Hausfassaden, der Kunstpark PAC180, der Literaturpreis Premio Ciampi l’Altrarte, das Verlagskollektiv Valigie Rosse, das Festival Serate Illuminate – Bargellini hat um seine Arbeit im Centro Basaglia ein Netz von internationalen KünstlerInnen geknüpft.

Doch wie kommt es, dass in Zeiten der Krise der italienische Staat weiterhin die Centri Residenziali und die Kunstateliers für PatientInnen finanziert? Bargellini lacht, die italienische Verfassung sei ein Meisterwerk, der Staat jedoch ein unglaubliches Desaster, aber vielleicht sei es ja gerade dieser Hang zum Chaos, zur Anarchie, der hin und wieder das Gute ermögliche.

«Wir sind stolz darauf, dass wir unsere Arbeit tun, ohne dafür bezahlt zu werden. Wir sind frei und können publizieren, was wir wollen. Auch Bücher, die man nicht sehr gut verkaufen kann. Wir investieren unsere Einnahmen in die Perfektion der Bücher. Diese Qualität ist auch Ausdruck unserer Autonomie.»

Alessio Casalini, Lektor Valigie Rosse

Die Leute vom Verlag Valigie Rosse haben neben ihrer Tätigkeit im Verlagskollektiv andere Jobs an Universitäten und in der Privatwirtschaft. Eine übliche Strategie, da laut einer Studie der Universität Rom bis zu achtzig Prozent der Kulturschaffenden in Italien nicht in der Lage sind, sich von ihrer Kunst zu ernähren. Es ist jedoch nicht einfach, Arbeit zu finden, liegt doch die Arbeitslosenquote unter den jüngeren Menschen im Land bei über vierzig Prozent, und in den letzten Jahren sind über eine Million Arbeitsplätze vernichtet worden. Und so ist es ein grosses Glück, überhaupt eine Stelle zu haben.

Die Kollektivmitglieder verdienen durch ihre Jobs einerseits Geld für das alltägliche Überleben, andererseits können sie das im Verlag erwirtschaftete Geld ausschliesslich in die Produktion neuer Bücher investieren. Hervorragende Übersetzungen, präzises Lektorat und Korrektorat, eine überzeugende Ästhetik und Druckqualität haben absolute Priorität. Alle neun Mitglieder des Verlagskollektivs lesen die vorgeschlagenen Manuskripte, danach wird diskutiert und entschieden. Und da sie alle weit verstreut in der Toskana wohnen, treffen sie sich dreimal im Jahr im Centro Basaglia, um das Programm aufzugleisen und die Arbeit aufzuteilen. Italienische DichterInnen und solche aus Argentinien, Tschechien, Bulgarien, Irland, Spanien sind dabei – der Franzose Charles Juliet wurde mehrmals für den Nobelpreis nominiert und erhielt 2013 den französischen Prix Goncourt. Und jedes Jahr verleiht das Kollektiv den Literaturpreis Premio Ciampi L’Altrarte. In den achtziger Jahren wurde im Gedenken an den Musiker und Poeten Piero Ciampi (1934–1980) mit Geld von privaten UnterstützerInnen eine Stiftung gegründet, die jedes Jahr italienische, aber auch internationale SongwriterInnen und LyrikerInnen auszeichnet. In Italiens Kunstszene, die sich wegen der drastischen Sparmassnahmen über notorische Isolation und den Rückzug ins Regionale beklagt, eine bewusste Strategie. Der Lyrikpreis besteht aus einer Publikation beim Verlag Valigie Rosse. Das Kollektiv übernimmt die Produktionskosten, bezahlt aber kein Honorar. Denn in den letzten zehn Jahren sind in Italien über eine Million Euro aus dem staatlichen Kulturbudget gestrichen worden, und ausserhalb von Rom und Mailand gibt es für kleinere Institutionen kein Geld.

«Outsiderkunst zu schaffen, ist eine besondere Art der Freiheit. Ich sehe es als meine politische Aufgabe, diese Kunst in der Welt sichtbar zu machen.»

Riccardo Bargellini

Das Buffet ist leer. Die farbigen Kuchen gegessen. Das Publikum der Serate Illuminate, das zahlreich aus der ganzen Region gekommen ist, flaniert zwischen den Kunstwerken durch den Garten oder drängt sich am Stand von Valigie Rosse und kauft Bücher. Die argentinische Dichterin Verónica Nieto ist vor Ort und liest zwischen zwei Konzerten aus ihrem Buch «La Cameriera di Artaud». Die anwesenden Mitglieder des Kollektivs diskutieren über anstehende Projekte – es wird geblödelt und gelacht. Nach Mitternacht steigt der Geruch von Marihuana auf, einige Flaschen Bier aus einer Tasche unter dem Tisch machen die Runde, die hohen Bäume stehen im grellen Scheinwerferlicht, Insekten schwirren. In einem Jahr finden die nächsten Serate Illuminate statt. Und bis dann wird das Verlagskollektiv Valigie Rosse weitere Bücher und die PatientInnen im Atelier Blu Cammello weitere Kunstwerke produziert haben.

www.valigierosse.net
www.pac180.blogspot.com
www.atelierblucammello.org