Nr. 50/2015 vom 10.12.2015

Rowdy mit Stil

Etrit Hasler schwärmt von entthronten Champions und Ringrowdys Ultimate Fighting Championship

Von Etrit Hasler

Von all den Sätzen, die man in Sportbars so hört, ist wohl kaum einer häufiger als der, dass Sport doch eine Männersache sei. Und nirgends sonst, so hört man jeweils weiter, sei das so klar wie im Kampfsport. Sie mögen sich jetzt sagen: Selber schuld, wer solchen Konversationen zuhört beziehungsweise in Sportbars rumhängt, aber das ist derzeit der einzige Ort, an dem man mit mir nicht über Politik sprechen will. Aber ich schweife ab.

In den letzten Wochen drehten sich die meisten dieser Barkonversationen natürlich um die Entthronung von Wladimir Klitschko. Dem Mann also, der den Boxsport in den letzten zehn Jahren zum Monopolbetrieb gemacht hatte. Das war zugegebenermassen kein Zustand, und die grosse Langeweile scheint mit dem Sieg von Tyson Fury über Klitschko (endlich) beendet zu sein.

Tyson, sollte man wissen, wurde tatsächlich von seinem Vater nach der ohrenbeissenden Boxlegende «Iron Mike» Tyson benannt, lässt diesen in Bezug auf Ekelpaketfaktor jedoch locker stehen. In den letzten zwei Jahren fiel er häufiger mit sexistischen Äusserungen («Der beste Ort für eine Frau ist in der Küche und auf ihrem Rücken») als mit brillanten Kämpfen auf. Er findet, dass sich die britische Regierung mehr um Obdachlose als um Ausländer kümmern sollte. Wenn es darum geht, Homosexuelle zu bashen, zitiert er gerne willkürlichen Quatsch aus der «Heiligen Schrift». Und habe ich schon erwähnt, dass er Fan von Manchester United ist? Da wissen die versammelten Boxfans natürlich nicht so recht, ob sie nun darauf hoffen sollen, dass Klitschko den bereits angetönten Rückkampf gewinnt, um damit die Rückkehr zur Monotonie in Kauf zu nehmen.

Zwei Wochen vor Klitschko wurde übrigens in der Kampfsportart UFC (Ultimate Fighting Championship) ebenfalls ein Gigant entthront, beziehungsweise eine Gigantin. Die bisher erste und einzige Weltmeisterin in der noch relativ jungen Sportart, Ronda Rousey, wurde von der eher unbekannten Herausforderin Holly Holm in der zweiten Runde k. o. getreten – es war erst das zweite Mal in Rouseys Karriere, dass ein Kampf überhaupt über die erste Runde hinausging.

Das Duell war von fast umgekehrten Vorzeichen geprägt wie der Klitschko-Kampf. Während die Herausforderin Holm sich als brave Pfarrerstochter inszenierte, ist Rousey eine streitbare Athletin, die ihrem Übernamen «Rowdy» (den sie mit höchstpersönlicher Erlaubnis von der Wrestlinglegende Rowdy Roddy Piper kurz vor dessen Tod erben durfte) alle Ehre macht: Die Wägezeremonien vor ihren Kämpfen enden regelmässig in Schimpftiraden, und sie lieferte sich schon öffentliche Fehden mit diversen Prominenten, unter anderem mit Exboxweltmeister Floyd Mayweather und Popsternchen Justin Bieber – Letzterer hatte ihrer kleinen Schwester ein gemeinsames Foto verweigert, wofür er sich öffentlich entschuldigte: «Es tut mir leid, Ronda. Bitte versohl mir nicht den Arsch.» Als ob das alles noch nicht reichen würde, tritt die ehemalige Judoka in Wrestlingshows auf und spielte in Filmen mit wie der Actionrevue «Expendables 3». Kein Wunder, gibt es im UFC-Geschäft niemanden, der besser verdient als sie – Mann oder Frau.

Doch im Unterschied zu Tyson Fury hat Ronda Rousey Stil – sie unterstützt den Beinahesozialisten Bernie Sanders als Präsidentschaftskandidaten, sammelt Geld für bedrohte Raubkatzen, setzt sich für die Erinnerung an den Armeniergenozid ein. Und erzählt jungen Frauen, sie sei in der Highschool jeweils als «Miss Man» gehänselt worden und dass sie sich ihr Selbstbild nicht von anderen aufdiktieren lassen sollen.

Um es in der Sprache des Sumoringens zu sagen: Ronda Rousey ist eine Dai-Yokozuna, eine wahre Championette, die beweist, dass Siegen nicht nur eine Frage des Könnens im Ring ist, sondern auch eine des Charakters. Vielleicht sollte sie das ja mal Tyson Fury beibringen. Im oder ausserhalb des Rings.

Etrit Hasler findet nicht, dass Gewalt eine Lösung für irgendetwas ist. Wobei er sich ein wohlwollendes Grinsen nicht verkneifen könnte, wenn Ronda Rousey Tyson Fury den Arsch versohlen würde.

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