Nr. 51/2015 vom 17.12.2015

Treicheln, Geisseln, falsche Fragen

Bettina Dyttrich hat eine Berufskrise

Von Bettina Dyttrich

Lärm machen können sie, das muss man ihnen lassen. Vor drei Wochen demonstrierten 10 000 Bauern und (wenige) Bäuerinnen in Bern. Mitgenommen hatten sie circa 3000 Treicheln. Das Dröhnen war über Kilometer zu hören. Zwischen den nach Kantonen formierten Blöcken, Respektsabstand rundherum, marschierte auch ein Geisselklöpfer mit. Freundlich sah das nicht aus: Hallo, Stadt, wir können auch anders.

Ich stand am Rand und hielt Ausschau nach bekannten Gesichtern. Eigentlich hatte ich vor, ein Stück weit mitzugehen, schliesslich teilte ich das Hauptanliegen der Demo, den Widerstand gegen die Direktzahlungskürzungen. Aber ich kannte niemanden. Wunderte mich, warum die Frauen keine Treicheln trugen. Irgendwann sah ich drei von der BäuerInnengewerkschaft Uniterre, die Unterschriften für ihre Ernährungssouveränitätsinitiative sammelten. Das wars.

Das Dröhnen machte Kopfweh. Und die Transparente … «Wollt ihr Butter oder Blumen?» ist eine blöde Frage, natürlich wollen wir beides. Als gäbe es in der Schweiz zu wenig Butter! Als hätten wir in den letzten Jahren nicht Tonnen von Butter zu Dumpingpreisen auf den Weltmarkt geworfen!

Als dann zwei stämmige junge Männer das Transparent «Flüchtlinge bleiben, Bauern vertreiben?» vorbeitrugen, war klar: Diesem Zug kann ich mich nicht anschliessen. Bedrückt verzog ich mich in den Botanischen Garten.

Haben sie es nicht schon immer gesagt? Schon damals, vor zehn, elf Jahren, als ich anfing, über Landwirtschaft und Agrarpolitik zu schreiben: «Was willst du denn mit denen, die wählen doch sowieso alle SVP?» Am Rand dieser Demo ist mir tatsächlich vorübergehend die Lust am Thema vergangen. Vor allem wurde mir bewusst, zu was für einer kleinen, seltsamen Minderheit ich gehöre, der linken Biolandbau-Alternativszene.

Aber es geht hier nicht um Sympathie oder Antipathie. Sonst mache ich den gleichen Fehler wie viele Medienschaffende, die die BäuerInnen nur als Projektionsfläche brauchen, als Heldinnen oder Deppen. Dabei sind sie genauso widersprüchlich wie wir alle – Teil einer Gesellschaft, die ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört.

Die Landwirtschaft ist ein hochideologisches Thema, aber sie selbst ist nicht die Ideologie. Es geht dabei um nüchterne, lebenswichtige Fragen: Wer baut wo welche Pflanzen an, hält wo welche Tiere, was sind Lebensmittel wert, was ist ein guter Umgang mit dem Boden?

Gerade der Boden ist ein Schlüsselfaktor im Klimaschutz: Das wichtigste Element des Humus ist Kohlenstoff, und je lebendiger und humusreicher ein Boden dank sorgfältiger biologischer Bewirtschaftung wird, desto mehr Kohlenstoff nimmt er auf – entzieht also der Luft CO2 und dämpft damit die globale Erwärmung. Diese Themen sind zu wichtig, um geisselklöpfenden Flüchtlingsfeinden überlassen zu werden.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin.

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